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„Ich habe nicht das Gefühl, dass ich irgendeine Beweispflicht habe gegenüber anderen“

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Die Abreise verzögerte sich. Ein Mitglied der Reisegruppe des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) hatte seinen Pass vergessen, das fiel erst am Flughafen Smith Reynolds in North Carolina auf. Ein Fahrer und ein Sicherheitsmann mussten Sonntagnachmittag also alles ganz schnell organisieren, der Pass wurde aus dem nahe gelegenen WM-Quartier der Fußballnationalmannschaft in Winston-Salem geholt. Rund zwanzig Minuten später als geplant hob die Auswahl von Bundestrainer Julian Nagelsmann schließlich im Flugzeug Richtung Boston ab.

Hier tritt sie Montag (22.30 Uhr/ZDF, MagentaTV und Liveticker bei WELT) in Foxborough bei Boston im Sechzehntelfinale gegen den Weltranglisten-37. Paraguay an. Es ist das erste K.-o.-Spiel der Mannschaft bei einer WM seit dem Titelgewinn von Rio de Janeiro vor zwölf Jahren. Und das erste in Nagelsmanns Karriere als Trainer. „Paraguay definiert sich sehr über den Defensivfußball, den sie sehr gut spielen. Sie versuchen, sehr kompakt zu bleiben, den zweiten Ball zu bekommen und dann schnell in die Tiefe zu spielen“, sagte der 38-Jährige am Sonntagabend auf der Pressekonferenz im Stadion. „Es ist auf jeden Fall ein unangenehmer Gegner, der uns einiges abverlangen wird. Sie spielen mit viel Körperlichkeit. Wir brauchen einfach eine perfekte Leistung.“

Nach den Vorrunden-Desastern 2018 und 2022 soll der WM-Traum auf keinen Fall schon wieder viel zu früh enden. „Glaube“ und „Hoffnung“, diese Begriffe prägten zuletzt die Aussagen von Sportdirektor Rudi Völler. Nicht Optimismus oder Siegesgewissheit. Wer richtig selbstbewusst ist, wie die Argentinier mit dem WM-Rekordtorschützen Lionel Messi oder die Franzosen mit Superstar Kylian Mbappé, der spricht nicht mit so vielen Einschränkungen über den angestrebten Erfolg.

Für Nagelsmann steht in seinem 37. Länderspiel sehr viel auf dem Spiel. Nach Joachim Löw 2018 und Hansi Flick 2022 dürfte ein Bundestrainer nach einer krassen WM-Enttäuschung wohl kein drittes Mal bleiben. Der DFB dürfte aus seinen Fehlern der Vergangenheit gelernt haben. „Wir wissen, dass wir nun das Messer am Hals haben in den K.-o.-Spielen“, sagte Andreas Rettig, Geschäftsführer des Verbandes, bei MagentaTV.

Ein enttäuschendes letztes Gruppenspiel gegen Ecuador hat gereicht, um die Grundstimmung zu ändern. Zuvor elf Siege in Serie wiegen die Sorgen nicht auf. Die Nationalmannschaft bleibt unter Nagelsmann ein Konstrukt latenter Zweifel. Bei einem Ausscheiden vor dem Achtelfinale wäre der Gruppensieg kein starkes Argument mehr. Wieder wäre Deutschland nicht mehr dabei, wenn die letzten 16 Mannschaften den WM-Titel ausspielen.

Für Nagelsmann könnte sich zur Unzeit ein Kreis schließen. In Foxborough hatte er unweit des WM-Stadions 2023 die Nationalmannschaft auf seine ersten Länderspiele als Bundestrainer vorbereitet. Jetzt also Paraguay. „Im Abschlusstraining war richtig Würze drin“, sagte Nagelsmann über die enorme Motivation seiner Mannschaft. „Da hat man gemerkt, dass etwas Besonderes ansteht.“

Die Startelf wollte er wie erwartet nicht verraten. „Es gibt taktische Überlegungen, ein bisschen was zu verändern“, sagte der Trainer. Es gebe aber auch die Überlegungen, nichts zu verändern. Man müsse dem gegnerischen Trainer ja nicht alles offenlegen am Tag vor dem Spiel, so Nagelsmann. „Wir schauen auch, was uns im vergangenen Spiel etwas gefehlt hat. Es ist eine Gesamt-Gemengelage.“ Ihm sei wichtig, den Fokus auf die eigene Spielidee zu legen bei der Entscheidung bezüglich der Startelf.

„Es geht nur darum, zu gewinnen“, sagt Julian Nagelsmann

Es gehe um gute Kontrolle im Ballbesitz. Auch die richtige Positionierung werde ein Schlüsselfaktor sein. Die richtige Tiefe im Spiel und Geduld seien ebenfalls wichtig. „Morgen geht es nur darum, zu gewinnen. Diese Erwartung hat man an uns. Es geht darum, Selbstvertrauen und einen guten Plan zu haben“, so Nagelsmann. Seine Spieler sollen zeigen, wie gut sie sind.

Inwiefern spürt er selbst Druck? „Tatsächlich geht es mir nur um die Mannschaft und um den Erfolg“, antwortete Nagelsmann. „Ich habe nicht das Gefühl, dass ich irgendeine Beweispflicht habe gegenüber anderen.“ Außer seinen Spielern gegenüber in dem Sinne, dass er auch an der Seitenlinie emotional mitgehe „und dass ich versuche, ihnen so gut es geht zu helfen während des Spiels und in der Vorbereitung auf das Spiel.“

Man freue sich, wenn die Experten und Kritiker nach dem Spiel loben. Aber vor allem gehe es ihm darum, sich optimal zu präparieren. „Im Fußball geht es nur ums Gewinnen. Wenn du gewinnst, ist alles perfekt. Wenn du verlierst, ist alles shit. Also müssen wir gewinnen“, sagte der Bundestrainer auf die Frage eines brasilianischen Journalisten auf Englisch. Auf die Frage, was die Kritik mit ihm selbst mache, antwortete er: „Das ist, glaube ich, wie bei jedem Menschen. Die Frage können Sie sich selbst beantworten. Und dann, glaube ich, ist dazu alles gesagt.“

Neben ihm auf dem Podium im Presse-Bereich des Stadions saß Stürmer Kai Havertz vom FC Arsenal. „Es ist mein erstes K.-o.-Spiel bei einer WM. Ein Kindheitstraum geht in Erfüllung. Ich freue mich sehr darauf.“ Jeder in der Mannschaft sei heiß auf die Partie. Ihm würden die großen Turniere sehr gefallen, da fühle er sich sehr wohl. Die WM sei die größte Bühne.

Havertz zeigte sich auch selbstkritisch. Er, Jamal Musiala und Florian Wirtz hätten bei dieser WM in Bezug auf ihre Offensivleistungen noch nicht das Maximale rausgeholt. „Da packen wir uns selbst an die Nase“, so der Angreifer. „Wir wollen einen Startschuss geben, um offensiv erfolgreich zu sein.“

Man habe schon gesehen, wie schwierig diese WM ist und welche Schwierigkeiten manche große Fußball-Nation schon hatte. „Montag müssen wir hundert Prozent geben. Jede Aktion ist wichtig“, betonte Havertz.

Es geht um sehr viel für Nagelsmann und seine Spieler an diesem Montag in Foxborough bei Boston.

Julien Wolff und Lars Gartenschläger sind Redakteure im Sportkompetenzcenter. Sie berichten für WELT seit Jahren über die Nationalmannschaft. Seit knapp vier Wochen sind sie für die Redaktion in den USA und schreiben von dort aus über die deutsche Auswahl bei der WM. Seit diesem Sonntag sind sie in Boston.