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Ich gebe zu: Ich habe Kai Wegner im Januar noch ein bisschen in Schutz genommen. Als bekannt wurde, dass Berlins Regierender Bürgermeister am Tag des großen Stromausfalls im Südwesten der Hauptstadt Tennis gespielt hatte, dachte ich: Na ja. Eine Stunde Tennis. Meine Güte.

Irgendwie wollte ich den CDU-Mann nicht sofort volley nehmen. Ich dachte (immer an das Gute glaubend): Wenn er sich doch die ganze Zeit informiert und gekümmert hat, jederzeit erreichbar war, dauertelefonierend von Krisenstäben auf dem Laufenden gehalten wurde: Was soll dann so falsch sein? Wegner ist doch Regierender Bürgermeister und kein Elektriker. Er kann ja nicht persönlich die Kabel wieder zusammenlöten.

Das war meine milde, etwas naive Vorstellung. Ich bin nämlich grundsätzlich erstmal für die Schwachen. Für die, auf die alle einprügeln.

Heute weiß ich, dass ich zu gnädig war.

Es geht schon lange nicht mehr um eine Stunde Tennis an jenem Januarmorgen, sondern darum, ob man Wegner überhaupt noch was glauben kann.

Dank einer Recherche des „Tagesspiegel“ wissen wir jetzt, dass Wegner sich um Kopf und Kragen geredet hat. Von wegen seit 8 Uhr am Telefon. Entschuldigung, seit exakt 8.08 Uhr, wie der Regierende extra betonte. Nein, es war 12.45 Uhr, als das erste dienstliche Telefonat in Sachen Stromausfall geführt wurde. Zu der Zeit froren, zitterten und bangten Zehntausende in der Hauptstadt. Sie alle hätten ganz sicher sowohl um 8.08 Uhr als auch um 12.45 Uhr gerne telefoniert, wenn sie denn noch Akku gehabt hätten.

Und Wegner? Machte nach dem Blackout einen Doppelfehler nach dem anderen.

Jeder hat sich schon einmal falsch erinnert. Nicht gut, aber dafür kann man sich entschuldigen. Wer aber über Monate an (s)einer Darstellung festhält, die am Ende nicht stimmt, trifft eine bewusste Entscheidung. Und hat ein Problem – nicht mit dem Stromnetz, sondern mit der Wahrheit.

Glaubte Wegner denn wirklich, uns alle – Sie, mich, die gesamte Öffentlichkeit – für dumm verkaufen zu können? Politik verzeiht erstaunlich viel: schlechte Kommunikation, Eitelkeit, blödes Timing, Fehler. Ja, sogar eine Runde Tennis zur falschen Zeit. Das ist zwar blöd, aber man kann es politisch überleben. Wenn man es irgendwann mal mit der Wahrheit versucht.

Kann – nein, darf – ein Regierungschef weitermachen, wenn seine Glaubwürdigkeit so massiv beschädigt ist? Kann die Berliner CDU wirklich mit diesem Problem am 20. September in die Wahl zum neuen Abgeordnetenhaus ziehen? Am Freitagnachmittag hat Wegner selbst die Antwort gegeben. Er ist raus, bleibt nicht Spitzenkandidat der CDU.

Der Mann hat sich selbst ins Aus geschossen. Nicht durch sein Tennismatch, sondern danach. Ich sage es noch einmal: Ich bin für die Schwachen. Aber ich bin nicht für die Dummen. Und politisch dumm ist es, aus einer peinlichen Stunde Tennis eine Affäre zu machen.

Nach der jüngsten Umfrage ist die CDU weit entfernt von einer Chance, nach September an der Macht zu bleiben. Noch schlechter ist nur die Chance der SPD. Wenn ich mich nicht sehr täusche, wird Berlin künftig von einem Grünen oder einer Linken regiert. Wegner ist daran nicht allein schuld, aber: Dummheit wird bestraft.