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Bad Ischl (Österreich) – Andere Menschen in ihrem Alter greifen zum Rollator. Maria Kittl greift zum Kletterseil. Die Österreicherin ist 94 Jahre alt und hängt noch immer mehrmals pro Woche in steilen Felswänden. Ihr großes Ziel: Mit 100 Jahren noch klettern können. Jetzt ist sogar ein Buch über sie erschienen: „Mit fast 100 durch die Wand“.

Wenn Maria Kittl über ihre Leidenschaft spricht, leuchten ihre Augen. „Das Klettern ist mein Lebenselixier“, sagt die zierliche Seniorin. Es halte nicht nur ihren Körper fit, sondern auch ihren Geist. „Jeder Fehler könnte mein letzter sein. Deshalb muss ich hochkonzentriert sein.“

Dabei hat Maria Kittl in ihrem Leben mehr durchgemacht als die meisten Menschen. Sie erlebte Armut und Krieg, überstand eine Krebserkrankung und einen Schlaganfall. Sie musste den frühen Tod ihres Sohnes verkraften. Später verlor sie auch ihren geliebten Mann Robert, mit dem sie unzählige Stunden in den Bergen verbracht hatte.

Zahlreiche Erstbesteigungen als Frau

Schon in den 1960er-Jahren gehörte Klettern zu ihrem Leben. Gemeinsam mit ihrem Mann, der Bergführer war, suchte sie die schwierigsten Routen im Alpenraum. Damals waren Sicherungstechnik und Ausrüstung längst nicht so sicher wie heute. Viele Touren galten als extrem gefährlich. „Wenn ich heute darüber nachdenke, ist es eigentlich ein Wunder, dass wir diese Zeit überlebt haben“, sagt sie rückblickend.

Besonders stolz ist sie darauf, mit ihrem Mann zahlreiche sogenannte Damen-Erstbegehungen geschafft zu haben. Von den Dolomiten bis ins Gesäuse kletterte sie Routen, die zuvor noch keine Frau bewältigt hatte.

Mit 80 ein neues Kapitel

Trotz ihrer großen Leidenschaft legte sie später eine jahrzehntelange Kletterpause ein und widmete sich dem Reitsport. Doch nach dem Tod ihres Mannes begann für Maria mit fast 80 Jahren noch einmal ein völlig neues Kapitel.

Sie lernte moderne Klettertechniken, gewöhnte sich an neues Material und arbeitete sich Schritt für Schritt zurück an die Felsen. Jahr für Jahr sammelte sie weit über hundert Klettertage – manchmal sogar mehr als 200 Touren.

94-Jährige ist nicht zu bremsen

Heute zieht es sie besonders oft an die berühmte „Ewige Wand“ bei Bad Goisern (Österreich). Die Wand ist leicht erreichbar und damit ideal für die Rentnerin, deren Herz nur noch rund 30 Prozent Leistung bringt. Doch davon lässt sie sich nicht bremsen.

Damit ihr Körper mitmacht, trainiert sie täglich. Jeder Morgen beginnt mit Gymnastik auf der Turnmatte. Dazu kommen Krafttraining, regelmäßiges Turnen im Verein und Klettern in der Halle, wenn das Wetter schlecht ist.

Ihr Wunsch zum 100. Geburtstag

Ihr Rat an Menschen, die glauben, für ihre Träume zu alt zu sein? Klar und einfach: „Es ist nie zu spät, seine Leidenschaft zu leben.“ Und was wünscht sich Maria Kittl für ihren 100. Geburtstag? Die Antwort kommt ohne Zögern: „Ich werde nicht nur vor der Wand stehen. Ich werde hinaufklettern.“

Ein Satz, der perfekt zu einer Frau passt, die sich ihr ganzes Leben lang von nichts und niemandem aufhalten ließ. Und die auch mit 94 Jahren noch jeden Beweis dafür liefert, dass Mut, Lebensfreude und Abenteuerlust kein Verfallsdatum kennen.