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Hartes Cover, weicher Kern

· Culture

Die Emanzipation macht auch vor den Hummerfischern nicht Halt, auch wenn die eher traditionell eingestellten Männer von Stone Harbour (an der US-Ostküste in Maine, 476 Einwohner) nicht so viel davon halten, wenn sie Frauen mit Ködern, Fallen und überhaupt mit Booten hantieren sehen. Ann, auch noch eine Zugezogene und einst Englischprofessorin, hatte sich darum nicht geschert und war mit über 50 noch Fischerin geworden, nachdem ihre Lebensgefährtin sie verlassen hatte. Zur Strafe oder auch als Liebesbeweis hat Ann ihr Boot nach der Verflossenen benannt.

Für einen Neuanfang ist es nie zu spät, das war eine der Botschaften von Beatrix Gerstbergers Bestseller „Die Hummerfrauen“ von 2025. Eine andere, nur scheinbar entgegengesetzte Lehre aber lautete, dass verdrängte Schuld, uneingestandene Trauer und andere Leichen im Keller einen echten Neubeginn unmöglich machen. Für den Aufbruch stand symbolisch der Hummer selbst, vor allem das von Ann als Haustier gehaltene, extrem seltene blaupanzerige Exemplar. Denn Hummer werfen alle paar Jahre ihren Panzer ab, so können sie wachsen und werden fast hundert Jahre alt.

Umgekehrt lautet eine Fischerweisheit aus Maine aber auch: „Ein Hummer versteht sich besser aufs Loslassen als jeder Mensch.“ Ann, so viel literarische Bildung muss sein, hat ihren anthropomorphisierten Hummer übrigens „Mr. Darcy“ getauft, nach dem romantischen Helden aus Jane Austens „Stolz und Vorurteil“. Nach dem Motto: harte Schale, leckeres Fleisch.

Anns Tod im hohen Alter bildete den erzählerischen Rahmen von „Hummerfrauen“, der vorwiegend kurz nach der Jahrtausendwende und in einem fatalen Sommer 1982 spielte. Die anderen, vorwiegend weiblichen Hauptfiguren sind jeweils eine oder sogar zwei Generationen jünger, aber auch ihre Schicksale sind mit dem Fischerdorf und seiner vorgelagerten Insel, einer beliebten Sommerfrische, verbunden. Eine gescheiterte Ehe, der Verlust eines geliebten Bruders beziehungsweise Sohns, ein schwerer Unfall – alle hier haben Gepäck aus der Vergangenheit dabei und ringen damit, ihrem Leben neue, tragfähige Planken einzuziehen.

Der neue Band „Hummerjahre“ (dtv, 23 Euro) ist weniger Sequel als der zweite Teil des Romans: Er löst das ungelöste Geheimnis um einen tragischen Bootsunfall 1982 auf und erhält damit rätselhaft gebliebene Konflikte aus Band eins. Ann und ihr Mr. Darcy sind in ausführlichen Rückblenden ebenfalls wieder dabei, insofern werden tatsächlich allen Generationen von Leserinnen Identifikationsfiguren angeboten.

Die raue, aber wunderschöne Natur verändert sich hier in Maine tröstlicherweise gar nicht; Zeitgeschichte spielt praktisch keine Rolle. Man wüsste gar nicht, ob jeweils Bush, Obama oder schon Trump regiert, das ist, etwa verglichen mit den im Grunde ähnlich konstruierten Romanen Jonathan Franzens, einer der irritierendsten Unterschiede.

Und dann gibt es noch ein Thema, das von den Fischerbooten elegant umschifft wird: dass seine Artgenossen mehrheitlich auf nicht so angenehme Weise zubereitet und verspeist werden – wie das wohl Mr. Darcy findet?