Ceuta – Nach dem großen Ansturm auf die spanische Exklave Ceuta sollen die meisten Migranten nach Marokko zurückgekehrt sein. Ein Besuch von WELT (gehört wie BILD zu Axel Springer) vor Ort zeigt ein anderes Bild. Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: Nein – nach Marokko werde er bestimmt nicht zurückgehen, sagt Hamsa, und man merkt ihm seine Entschlossenheit an. Energisch schüttelt er den Kopf. Der 34-Jährige ist am Donnerstag vergangener Woche nach Ceuta gekommen, gemeinsam mit 72.000 anderen illegalen Migranten.
Hamsa hat zwar keinen Schlafplatz in der Stadt gefunden, die Notaufnahmen sind heillos überfüllt. Seine Hoffnung auf ein besseres Leben will er aber auf keinen Fall aufgeben. Immerhin, sagt er, sei er jetzt schon in Spanien – auch wenn es sich nicht unbedingt so anfühlt. „Es wird schon eine Möglichkeit geben, aufs Festland zu gehen. Sie können uns ja nicht ewig hierbehalten“, meint er. In Spanien möchte er aber dann nicht auf Dauer bleiben. „Ich will nach Deutschland, Österreich oder Holland. Die Menschen da sollen freundlich sein.“
Viele Migranten sind zurück nach Marokko gegangen
70.000 der ursprünglich 72.000 Migranten sind inzwischen in die Heimat zurückgekehrt. Das sind zumindest die Zahlen, die das spanische Innenministerium veröffentlicht hat. Doch der Eindruck, den man bei einer Fahrt durch die Stadt an der Nordspitze des afrikanischen Kontinents gewinnt, ist ein anderer.
Nicht nur unmittelbar an der Küstenstraße sind überall große Gruppen von Marokkanern unterwegs, auch im Stadtteil Los Rosales, vielleicht zehn Autominuten vom Zentrum entfernt, sind es Hunderte. Manche liegen im Schatten der mächtigen Pinien auf dem lokalen Friedhof, dem Cementerio de Sidi Embarek, andere suchen Schutz vor der brennend heißen Sonne in einer der vielen engen Gassen.
Rettungsdienst: „Nichts ist unter Kontrolle!“
Angelehnt an Hausmauern sitzen sie da. Minuten werden zu Stunden, Stunden zu Tagen. Hamsa ist gelernter Elektriker, aber in seiner Heimatstadt Tanger sieht er keine Zukunft: „Ich kann zu Hause kein Geld verdienen. Die Leute haben ja kaum etwas, wie sollen sie mich bezahlen?“
Einen klaren Plan hat er nicht, sagt er. „Aber ich schaffe es schon irgendwie nach Europa, ich möchte Asyl beantragen.“ Es sind Sätze, die man immer wieder hört. Zurück? Auf keinen Fall. Und die spanischen Sicherheitskräfte tun auch wenig dafür, dass sich das ändert.
Die schweren Geländewagen der Armee rollen gemächlich die Küstenstraße rauf und runter, im Meer, wenige hundert Meter von der Küste entfernt, schaukelt ein Schiff der Marine. Auch die Guardia Civil, die nationale Gendarmerie, ist mit Fahrzeugen präsent, dazu die lokale Polizei. Die Botschaft: Wir haben alles im Griff.
Dem widerspricht Abdelghani El Amrani energisch: „Sehen Sie sich doch um, nichts ist unter Kontrolle!“ Der Teamleiter des staatlichen Rettungsdienstes ist in einem verlassenen Industrieviertel am Rande der 80.000-Einwohner-Stadt mit einem Kollegen im Einsatz. Gerade versorgt er die stark blutende Stichwunde am Arm eines jungen Mannes. Es hat eine Messerstecherei unter Migranten gegeben.
Madrid versucht, die Notlage herunterzuspielen
Vor und in den Lagerhallen haben knapp 1000 Menschen ihr provisorisches Lager aufgeschlagen, die meisten von ihnen sind Minderjährige, sechzehn, vielleicht siebzehn Jahre alt. Ihre Eltern sind in Marokko. Tücher und Kleidungsstücke dienen als Schutz vor der Sonne, einige sitzen, andere liegen auf den geteerten Zufahrtswegen.
„Es geht jetzt darum, Leben zu retten“, sagt El Amrani. „Wir haben nicht genügend Mitarbeiter, um uns um alle zu kümmern. Es gibt Infektionskrankheiten, die Flüchtlinge stecken sich untereinander an, und es fehlt an Lebensmitteln, die wir verteilen können.“
Und dann nennt er eine Zahl: 7000. So viele Migranten seien es tatsächlich, die immer noch in der Stadt seien. Mindestens. Nicht 2000, wie es die Regierung in Madrid behauptet. Diese Informationen decken sich mit Zahlen, die die Hilfsorganisation Luna Blanca, zu Deutsch: Weißer Mond, im Gespräch mit WELT nennt. Die Leiterin der NGO, Halima Ahmed, sagt: „In Madrid versucht man, die Notlage herunterzuspielen. Es sind Tausende, die auf Hilfe angewiesen sind.“
Auch der Präsident der spanischen Exklave, Juan Jesus Vivas, spricht von einer unhaltbaren Situation. Laut offizieller Darstellung des spanischen Innenministeriums sind es rund 1000 unbegleitete Minderjährige, die sich momentan in der Stadt aufhalten; die tatsächliche Zahl ist nach Schätzungen von Hilfsorganisationen fünfmal so hoch.
Aus Deutschland nach Marokko abgeschoben
Ahmed Zayda trägt ein etwas zu eng sitzendes Camouflage-T-Shirt, armeegrüne Shorts und Badelatschen. „Die Sachen hat mir ein Spanier geschenkt“, erzählt er. „Meine Klamotten waren komplett zerrissen, als ich in Ceuta ankam.“
Der 26-Jährige, den wir im Zentrum der Stadt treffen, spricht fließend Deutsch. Seine Mutter ist Marokkanerin, sein Vater Palästinenser. Sechs Jahre habe er in Freiburg gelebt, erst im Februar sei er von den deutschen Behörden abgeschoben worden – nach Marokko. Nun sieht er seine Chance gekommen, um zurückzukehren.
„Ich habe letzten Donnerstag auf WhatsApp gelesen, dass die Grenze auf sein soll. Plötzlich waren alle unterwegs, zu Fuß, per Auto, per Bus. Tausende – und ich auch. Als ich an der Grenze ankam, bin ich einfach ins Wasser gesprungen.“ Vier Stunden lang sei er geschwommen, sein neues – oder vielleicht auch altes – Leben vor Augen.
Doch nun weiß er nicht so recht weiter. Er möchte erst einmal aufs spanische Festland, aber wie? Mitarbeiter der örtlichen Behörden in Ceuta hätten ihm gesagt, er solle geduldig sein – es werde sich schon eine Lösung finden. Seitdem stromert er tagsüber durch die Stadt, nachts schläft er auf der Straße oder am Strand. Er hat seinen marokkanischen Pass dabei, aber kaum Geld. Der Hunger plagt ihn. Doch ihm bleibt nicht viel anderes übrig, als das zu tun, was alle jetzt machen, die illegal nach Ceuta gekommen sind: warten.
Sicherheitsleute patrouillieren in Ceuta
Die Gruppe junger Marokkaner, die vor einem Supermarkt steht, hofft ebenfalls auf etwas Essbares. Rein lässt man sie nicht, und die Männer des Sicherheitsdienstes, den die Betreiber extra engagiert haben, bestätigen: Man habe Angst vor Diebstahl und Plünderungen. Deswegen hätten sie die Anweisung erhalten, nur Spanier in den Laden zu lassen.
Aus der gleichen Sorge heraus haben viele Geschäftsinhaber ihre Läden komplett dichtgemacht, Bäckereien verkaufen Baguettebrote an die Migranten nur hinter den heruntergelassenen Gittern. Berichte über regelrechte Raubzüge und Einbrüche, die es in den Tagen nach dem Massenansturm gegeben haben soll, wurden gegenüber WELT nicht bestätigt.
„Es ist nicht leicht, sich hier durchzuschlagen, aber zu Hause ist es auch nicht besser“, sagt Abdul, der aus Casablanca stammt. Zumindest sei das Schlimmste in Ceuta überstanden. „Die Polizisten und Soldaten haben zum Anfang regelrecht Jagd auf uns gemacht. Sie kamen mit Hunden. Wir haben uns dann im Wald versteckt.“ Jetzt sei die Lage viel entspannter, die Polizei lasse sie in Ruhe.
Tatsächlich patrouillieren die Sicherheitskräfte in der Stadt, die unübersehbaren großen Gruppen von Marokkanern werden aber nicht kontrolliert. Was genau ihr Auftrag ist, lässt sich schwer ausmachen. Anfragen von WELT ließen die Polizei und die Guardia Civil bislang unbeantwortet. Ceutas Präsident Vivas hat die spanischen Provinzen um Hilfe gebeten, sie sollen vor allem die Tausenden Minderjährigen aufnehmen. Die Antwort bislang: Schweigen – und in manchen Fällen ein klares Nein. Vor allem in den autonomen Gemeinschaften Spaniens, die von der rechtskonservativen Partido Popular regiert werden. Dort weigert man sich schlichtweg, Migranten aus Afrika aufzunehmen.
Und auch aus Madrid selbst kommt – außer der militärischen Unterstützung – keine Hilfe. Der spanische Ministerpräsident Pedro Sánchez ist bis Ende des Monats im Urlaub, sein Innenminister Fernando Grande-Marlaska verweigerte dem Regierungschef der Exklave bislang ein persönliches Treffen. Nicht nur die Politiker in Ceuta, auch die Einwohner fühlen sich allein gelassen. „Sind wir denn keine Spanier?“ ist die Frage, die immer wieder zu hören ist.