Göttliches Gemetzel
Am Seil hängend zu Tode geschleift, erschossen, gesprengt, verbrannt, vom Felsen in einen Quecksilbertümpel oder in eine Schlucht gestürzt, zusammengeschlagen, beinah erhängt, erstochen, vom Speer durchbohrt, am Marterpfahl oder an einem heiligen Ort verbrannt, in einer Kutsche massakriert – kurzum, über einen Mangel an Drama konnte sich nach der diesjährigen Premiere „Im Tal des Todes“ bei den Karl-May-Spielen in Bad Segeberg niemand beschweren. Das bewährte, neunköpfige Stuntteam von Steve Szigeti übertraf sich zu Fuß, am Berg und zu Pferde selbst.
Daniel Günther eröffnet Spiele für Frieden und Freiheit
Zu so viel Action kommt es schon mal, wenn wahre Liebe, Moral, Anstand, menschliche Größe, Humanität, unverbrüchliche Freundschaft und ein Sinn für Erkenntnis, Frieden und Freiheit in der Regie von Nicolas König auf rücksichtslose Gier, Skrupellosigkeit, Verschlagenheit, Verrat, und gewissenlose Ausbeutung treffen. Auch das Schauspiel-Ensemble zeigte keine Schwäche.
Alles überragend dominierte bei der von bestem Sommerwetter verwöhnten Open-Air-Premiere der Karl-May-Spiele am Samstag der festlich erleuchtete Gipshügel von Bad Segeberg ist seiner Rolle als Kalkberg das Geschehen. Vor dem Felsenrund eröffnete traditionell Daniel Günther (CDU) als Ministerpräsident von Schleswig-Holstein nach ein paar launigen Worten die Spiele mit dem Startschuss aus einem Gewehr. An seiner Seite wie in den vergangenen Jahren: Bad Segebergs Bürgermeister Toni Köppen (parteilos) als Aufsichtsratsvorsitzender der Spiele und Ute Thienel, seit einem Vierteljahrhundert Geschäftsführerin. Sie begrüßte das Publikum im ausverkauften Amphitheater mit 7.700 Plätzen gewohnt herzlich.
Sasha singt in starker Wildwest-Kulisse
Als Überraschungsgast nach dem Ende der Premiere sang Popstar Sasha seinen Hit „Lucky Day“, der mühelos das wegen der Trockenheit ausgefallene große Feuerwerk kompensierte, das auf eine Art Tischfeuerwerk im Freilichtmaßstab reduziert werden musste – vielleicht auch zur Freude der einen oder anderen der 30.000 Fledermäuse, die im Höhlensystem des Kalkbergs leben. Einige flogen bereits vor dem Schlussapplaus im Publikumsrund vorbei. Sasha spielt auf seiner aktuellen Tour durch Deutschland noch 21 Konzerte, darunter in Lüneburg beim Kultursommer (9. August), auf der Seebühne in Bremen (14. August) und im Hamburger Stadtpark (16. August).
Die schöne, übersichtliche, multifunktionale Kulisse (Bühne: Erik Rüffler) in Bad Segeberg mit ihren vielen verborgenen technischen Trickelementen zeigt in der aktuellen Spielzeit links das mexikanische Dorf San Miguel (nicht gesponsert vom Bier gleichen Namens), in der Mitte die Quecksilbermine, wegen der ausströmenden Dämpfe ursächlich für die Benennung „Tal des Todes“ und rechts das Dorf der Chiricahua-Apachen, die gerade ihren Häuptling zu Grabe getragen und nun von einer Heiligen Frau angeführt werden, der Schamanin Paloma Nakana, der „Weißen Taube“, stark verkörpert durch Inés Cihal. Paloma verfügt tatsächlich über beeindruckende Zauberkräfte, unter anderem ist sie Meisterin in Niederstarren und Teletransportation.
Stars: Isabel Varell, Alexander Klaws, Bastian Semm und Florian Fitz
Vor dieser Kulisse treffen der unvergleichliche Alexander Klaws in seinem sechsten Jahr als Winnetou, Häuptling aller Apachen, und Bastian Semm als sein ihm durchaus das klare Quellwasser reichen könnender Blutsbruder Old Shatterhand auf den Verbrecher Roulin, dem Florian Fitz eine teuflische, vermeintliche Überlegenheit verleiht. Roulin betreibt im Tal des Todes ein Bergwerk zum Quecksilberabbau. Wegen der hohen „Fluktuation der Beschäftigten“ – die schanghaiten oder anders gedungenen Arbeiter sterben schnell – braucht er ständig neue Arbeitskräfte.
Seine Komplizin ist die Wirtin Senorita Miranda (Isabel Varell), die nicht von einer sicheren Rente, sondern von Reichtum im Alter träumt. Sie verhilft ihm zu Sklaven, indem sie Durchreisende mit Hilfe von K.O.-Tropfen betäubt und sie ins Bergwerk liefern lässt. Roulin selbst arbeitet lieber mit Waffengewalt und Entführungen. Varell rockt den Kalkberg mit Tanz und Gesang im Kreise der bewährten Komparsentruppe, singt sogar „Baila me“ von den Gipsy Kings.
Ironie und Selbstironie lockern Handlung auf
Der feurige Hit stammt zwar nicht ganz aus der Zeit Karl Mays, sondern von 1991, aber das stört bei diesem und anderen Show-Elementen, die Autor Michael Stamp und Regisseur König zwecks Lokalkolorit in die Handlung eingebaut haben, überhaupt nicht. So darf an anderer Stelle ein mit Sombrero und Poncho als Mariachi getarnter Old Shatterhand, der die Gespräche der Ganoven in Mirandas Cantina in San Miguel belauscht, zur Gitarre greifen, da Schauspieler Bastian Semm sehr gut Gitarre spielt. Deutlich besser jedenfalls als der eigentliche Mariachi-Gitarrist, was ihn als Old Shatterhand fast verrät.
Auch Ironie und Selbstironie spielen also, wie schon bei Karl May, eine wichtige Rolle, insbesondere bei den lustigen Personen des Abends, wie dem Shatterhand-Verbündeten Sam Hawkins (lässig listig: Dirc Simpson) und dem Duo Sir John Raffley (komisch ignorant: Heinrich Schafmeister) und Rechtsanwalt Don Fernando (komisch verzweifelt: Alexis Kara). Raffley, ein verschrobener, naiver Lord, als Mitglied des Londoner Travel Club auf Zwangsabenteuerurlaub, kommt sogar mit dem Leben davon, obwohl alles dagegenspricht. Viele Gefahren fängt Don Fernando unfreiwillig für ihn ab.
Lebendiger Abenteuer-Comic für die ganze Familie
Raffley kommt gar zu einem Einsatz als britischer Geheimagent, zum musikalischen Thema von James Bond und mit Hilfe einiger Stunt-Doppelgänger scheint er plötzlich überall zu sein, bis er schließlich als Doppelnull seinen Feinden in die Hände fällt. So lockert die (Selbst-)Ironie die Handlung unterhaltsam auf und relativiert die Gewalt, die selbst kleinen Kindern gar nicht mehr schrecklich vorkommt.
Letztlich sind alle Figuren im Karl-May-Spektakel für die ganze Familie so überzeichnet, dass die Freilichtschau an einen Comic mit großen Bildern und klaren Dialogen erinnert, getragen von den nicht zu unterschätzenden Melodien des Filmkomponisten Martin Böttcher, inklusive Winnetou- und Old-Shatterhand-Melodie. Regisseur König jongliert geschickt mit den Handlungselemente bis hin zur eleganten Bespielung das gesamten Arreals, inklusive der Wege und Treppen im Publikumsbereich.
Kalkberg-Urgestein Joshy Peters glänzt als dem Feuerwasser verfallener Häuptling
Für die Comicnähe sprechen dabei nicht nur die Auftritte eines Schreiseeadlers und eines Falken, sondern auch einige Sprechblasen voller Pathos, besonders, wenn Winnetou mal wieder einen Schurken läutert. Diesmal heilt er durch eine Abstinenzpredigt, die jedem Guttempler zur Ehre gereicht hätte, den dem Alkohol verfallenen Häuptling Eiserner Pfeil, der die Maricopa anführt – traditionelle Feinde der Apachen. Auch gute Regeln für andere Häuptlinge, Autokraten, Diktatoren und mächtige Anführer halten Winnetou und Old Shatterhand parat, gemahnen daran, dass die Regierenden nicht sich selbst, sondern ihrem Volk zu dienen haben.
Kalkberg-Urgestein Joshy Peters aber läuft als versoffener, eingerosteter Eiserner Pfeil zu einer seiner Höchstleistungen bei den Karl-May-Spielen auf. Den Brandy trinkt er gleich aus dem Fass und verliert dabei fast alle Skrupel, die einen ehrenhaften Häuptling auf dem rechten Pfad halten. Seiner Zweikampftauglichkeit ist der Schnaps auch nicht zuträglich, wie der einst pfeilschnelle Recke im Duell mit Winnetou erkennen muss.
Ende gut, alles gut
Roulin verliert seinen wichtigsten Verbündeten, nachdem der Häuptling der Apachen ihn geläutert hat. So endet der trockene Häuptling immerhin auf der Seite der Guten. Andere Roulin-Handlager haben nicht so viel Glück, darunter der Blutige Jack (straight: Felix Adams) und Juanito Alfarez (Sascha Hödl). Hödl reitet nicht nur fantastisch, er sichert sich auch durch die Gewissensbisse, die ihn plagen und schließlich von Roulin entfremden, das Wohlwollen der Zuschauer.
Am Ende wird nach einem martialischen Showdown alles gut. Der Finsterling Roulin, seine Handlanger nebst Miranda und Schergen sind beseitigt und besiegt. Die Schamanin, die während des Stückes immer abwechselnd die Zeilen „La Paloma, ade“ und „La Paloma, olé“ rechtfertige, bekommt ihren geliebten Martin von Adlerhorst (strahlend: Fabian Monasterios), der sich aus Liebe immer wieder für sie in Gefahr begibt. Winnetou und Old Shatterhand reiten wieder, bis sie im kommenden Jahr „Unter Geiern“ landen, in einer anderen Wüste, in einer anderen Schlucht. 2027 starten die Karl-May-Spiele am 26. Juni.
Termine: donnerstags bis sonntags, bis 6. September