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Große Literatur aus Frankreich? Hier ist sie

· Culture

Betten spielen in Emmanuel Carrères jüngstem Buch „Kolchose“ eine zentrale Rolle. Sein Titel verdankt sich dem Ehebett der Eltern und einer Zeremonie in der Kindheit des Autors: Wenn der Vater auf Dienstreisen ist, dürfen die drei Geschwister im elterlichen Schlafzimmer übernachten. Die jüngste Tochter darf zur Mama ins Bett. Der Autor und die andere Schwester gesellen sich auf Matratzen dazu. Perfekte Fusion zu viert, ohne Vater. „Wir nannten das Kolchose machen.“

Die Wortwahl, die auf die sowjetische Kollektivwirtschaft anspielt, beweist Sinn für Ironie. Den hat die Mutter, Hélène Carrère d’Encausse, genannt die Zarin, Spross von verarmten georgischen Intellektuellen und „flamboyanten Weißrussen“ mit einem Schuss preußischem Adel, deren mittellose Eltern, Exilanten der ersten Generation, sich einst in einer Pariser Absteige kennengelernt hatten. Hélènes Bruder Nicolas wird das später auf den Punkt bringen, indem er behauptet, sie seien beide Kinder Lenins. Natürlich ist da etwas dran. „Ohne die Oktoberrevolution hätten sich ihre Eltern niemals kennengelernt“, resümiert Carrère in seinem Buch.

Ein Porträt seiner Mutter

Die konservative Historikerin Hélène Carrère d’Encausse, 1929 geboren und 2023 mit 94 Jahren gestorben, hat ihren Eltern ein Leben lang beweisen wollen, wie weit man es bringen kann. Zur ausgewiesenen Russlandexpertin, die den Zerfall der Sowjetunion voraussagte, bis in die Académie Française, als deren Vorsitzende sie diese Welt verlassen hat, mit den höchsten Ehren der Republik bei einer Trauerfeier im Ehrenhof des Invalidendoms. Obwohl schwer krebskrank, ist Carrère d’Encausse bis zum Schluss lächelnd und kerzengerade ihren Pflichten nachgegangen. „Never explain, never complain“.

In den letzten Tagen ihres Lebens entdeckt der Sohn, dass seine Mutter in der weitläufigen Wohnung, die der Vorsitzenden der Académie Française zur Verfügung gestellt wird, seit Jahren auf einem kleinen, altrosa Kanapee schlief, die Rückenlehne hart und steif, geeignet als Gästebett, aber nichts für jeden Tag. Abends holte sie das Plumeau und die Kissen aus dem Schrank, morgens verstaute sie alles, um die Spuren des Schlafs zu beseitigen, „wie die eines Verbrechens“. Betten, Ort der Liebe oder Sinnbild eiserner Disziplin. Am Ende des Buches wiederholt sich die Urszene der Kindheit in einem Pariser Hospiz, als sich alle drei Geschwister rund um das Sterbebett der Mutter ausstrecken.

Carrère, ein Spezialist für Intimität und Meister der Autofiktion, hat sich mit seinem jüngsten Buch „Kolchose“ selbst übertroffen. Über vier Generationen geht er seiner Familiengeschichte nach, die so romanesk ist, dass man es kaum glauben kann. Seit seinen Bestsellern „Alles ist wahr“ (2014) und „Yoga“ (2022) sind seine Leser gewohnt, dass Grenzen verschwimmen. Es ist bei ihm schwer zu sagen, was Roman, was Realität, was Fakt und was Fiktion ist. Aber das spielt auch keine Rolle, weil es nicht um Wahrheit, sondern um den Versuch geht, die Komplexität menschlicher Beziehungen widerzuspiegeln.

In seinem Buch „Ein russischer Roman“ hatte er verraten, dass Hélènes georgischer Vater, vermutlich wie der Autor selbst bipolar, während des Krieges als Übersetzer für die deutschen Besatzer gearbeitet hatte. Obwohl nicht als Kollaborateur verurteilt, wurde er vermutlich von Milizen gelyncht. Nach Veröffentlichung des Romans sprach die Mutter zwei Jahre nicht mit ihrem Sohn. Die Strafe dafür, dass er ein Familiengeheimnis öffentlich gemacht hatte. In „Kolchose“ schneidet er das Leben der schillernden Wissenschaftlerin gegen das des Vaters, Louis Carrère d’Encausse, der nicht etwa adelig ist, sondern Dencausse durch ein Apostroph trennt und damit in ein „von“ verwandelt. Der Versicherungsvertreter verbringt sein Leben im Schatten seiner Frau. Als sie ihn nach wenigen Ehejahren für eine neue Liebe verlassen will, versucht er, sich das Leben zu nehmen. Sie bleibt, aber die Betten werden getrennt. Die letzten Jahre verbringt Louis in seinem Zimmer am Ende eines langen Flurs in der imposanten Wohnung mit Blick auf die Seine, wo er akribisch die Familiengeschichte dokumentiert: drei Ordner für die seiner Frau Hélène, einer für die eigene.

Ein Paar, dem die Liebe abhandengekommen ist

„Kolchose“ ist Carrères Liebeserklärung an ein Elternpaar, dem die Liebe abhandengekommen ist. Er habe durch das Schreiben dieses Buches gelernt, wie groß seine Liebe zu ihnen sei, sagt Carrère in einem Interview: „Es ist, als hätte die Rückkehr in die Kindheit, nicht nur in meine eigene, sondern auch in die ihre, die ganze Schicht aus Kummer, Groll und Missverständnissen weggefegt, die immer zwischen Eltern und ihren erwachsen gewordenen Kindern existiert.“

Ein deutscher Leser kann sich berechtigterweise fragen, warum ihn die Familiengeschichte einer Frau interessieren soll, die zur Inkarnation der französischen Republik wurde, und die man ganz entfernt mit Marion Gräfin Dönhoff vergleichen könnte. Die Antwort lautet, weil „Kolchose“ große Literatur ist und wie alle seine Bücher hervorragend von Claudia Hamm übersetzt wurde. Carrère ist es gelungen, Weltgeschichte mit Lebensgeschichte auf eine besondere Weise zu verstricken. Er zeigt, wie die stillen Nachbeben von geopolitischen Tsunamis noch Generationen später nachwirken. Und dass alle glücklichen Familien einander gleichen, aber alle unglücklichen auf ihre eigene Weise unglücklich sind.

Emmanuel Carrère: Kolchose. Aus dem Französischen von Claudia Hamm. Matthes & Seitz, 512 Seiten, 28 Euro

Emmanuel Carrère: Kolchose. Aus dem Französischen von Claudia Hamm. Matthes & Seitz, 512 Seiten, 28 Euro