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Gernot und Renate hatten 17 Kinder. Sie wurden Professoren, Volkswirte, Ärzte

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Die Geschichte der Schnabels – einer deutschen Nachkriegsfamilie, die mit Kindern überreich gesegnet war – ließe sich problemlos als Horrorstory erzählen. Der Vater: ein Tyrann, der seine Kinder im Keller mit dem Teppichklopfer verdrosch, manchmal so heftig, dass das Opfer hinterher zu Hause bleiben musste. Die Mutter: eine Frau voller Standesdünkel, die ein Baby nach dem anderen zur Welt brachte, ihre Kinder sich selbst überließ, sie nie in den Arm nahm, manchmal tagelang einfach verschwand.

Dazu die Tragödie, für die es keine Worte gibt: Eines der Kinder verunglückte als 13-Jährige tödlich – das Mädchen stürzte bei einer Bergwanderung ab. Und natürlich musste der Vater – Arztsohn und ab den 1950er-Jahren im Management für ein Bauunternehmen in Essen tätig – schuften wie ein Irrer, um die Familie zu ernähren. Und natürlich war, trotz der Wirtschaftswunderjahre, nie genug Geld da. Der dauergestresste Vater starb mit nur 54 Jahren an einem Herzinfarkt.

Das Verblüffende an der Geschichte der Familie Schnabel – jedenfalls so, wie die Journalistin Katrin Hörnlein sie uns in ihrem Buch „Die Schnabels“ berichtet – ist jedoch, wie normal diese Familie war. Das wirkliche Leben ist eben keine moralische Anstalt, sondern zerklüftet und kompliziert: Der Tyrann mit dem Teppichklopfer war zugleich ein liebevoller Vater, der mit seinen Kindern herumtollte und schwimmen ging. Dass er seine Kinder prügelte, lag nicht an seinem Sadismus; so erzog man in der Bundesrepublik der 1950er-Jahre seinen Nachwuchs. Später hörte er von selbst mit den Misshandlungen auf.

Die Mutter war nicht nur eine Egoistin; sie war auch eine begeisterte Leserin, die sich gern mit ihren Kindern unterhielt, sobald sie ihr intellektuell ebenbürtig waren. Nach dem Tod ihres Mannes hängte sie ihrem Dasein sozusagen ein zweites Leben dran: Sie nahm sich einen jungen Liebhaber und bereiste die Welt.

Die Schnabels hatten 17 Kinder; Renate Schnabel, die Mutter, war quasi dauerschwanger. Interessant an der Familie ist unter anderem, wie exakt sie die frühe Geschichte der Bundesrepublik widerspiegelte. Als Odilo, der Älteste, geboren wurde, hieß der Kanzler Konrad Adenauer; bei der Geburt des jüngsten Kindes, Falk, hatte gerade eben Helmut Schmidt Willy Brandt abgelöst. Die Schnabels litten mit ihren ersten Kindern unter der Wohnungsnot nach dem Krieg, lebten in einer engen Behausung in Essen mit Blick auf Bahnsteig und Tankstelle.

Dann trägt das Wirtschaftswunder sie in den Mittelstand, die immer größer werdende Familie bezieht ein Haus in Köln; zuletzt baut sie sich sogar ein eigenes Haus mit Swimmingpool. Der Vater, Gernot, wählt CDU, die Mutter SPD, ohne dass es deshalb zu größerem Streit käme. An der Studentenrevolte von 1968 beteiligt sich keiner der Schnabels (dafür sind die Kinder zu jung), aber als die Beatles aus dem Radio zu hören sind, lassen sich die Jungs die Haare wachsen.

Der Großvater in Bautzen

Erst spät in dem Buch erfährt man, dass die Schnabels nicht nur eine westdeutsche Familie waren. Gernots Vater Hans, ein Kinderarzt, lebte in Bautzen; er wurde 1948 verhaftet, weil er antisowjetische Literatur im Bücherschrank stehen hatte, kam für Jahre ins Gefängnis, wurde geschlagen, seine minderjährigen Kinder wurden in Pflegefamilien gesteckt. Gernot studierte zu dieser Zeit in Münster, also im Westen. Später besuchten seine Kinder oft den Großvater in Bautzen. Nach seiner Pensionierung, als er endlich reisen durfte, kam er häufig die Westfamilie besuchen. Seltsamerweise war es aber Renate, die den lebendigsten Kontakt zur Ostfamilie hatte – Gernot kümmerte sich kaum um sie. Weil er sich schuldig fühlte? Weil er nicht mit seinem Vater über das Gefängnis reden wollte? Wir können ihn nicht mehr fragen.

Wie ernährt man eine Großfamilie? In den 1970er-Jahren brachte Gernot Schnabel – inklusive Kindergeld – 5000 Mark nach Hause, das wären heute 10.000 Euro. Nicht schlecht, möchte man ausrufen; allerdings war er der Alleinverdiener, es reichte kaum für alle. Zum Geburtstag gab es immer „etwas Nützliches“, erinnert sich eins der Kinder. Kleidungsstücke, auch Spielsachen, wurden von den größeren Geschwistern an die kleineren weitergereicht. Die Kinder verdienten Geld mit kleinen Jobs dazu.

In den Urlaub fuhren die Eltern meistens getrennt, jedes Elternteil nahm ein paar Kinder mit; es wurde gezeltet. Einmal reiste die ganze Familie nach Italien. Es wurden zwei Wohnungen gebucht, aber nur einmal Halbpension – die Hälfte der Familie durfte ins Restaurant, die andere musste sich in den Wohnungen selbst mit Essen versorgen. Trotzdem, berichtet Katrin Hörnlein, habe die Familie sich nie arm gefühlt.

Waren die Schnabels gläubig? Die Kinder mussten sonntags in den (protestantischen) Kindergottesdienst, alle wurden konfirmiert. Aber nach der Konfirmation musste niemand mehr zur Kirche gehen. Diese weitgehende Abwesenheit von Religion darf man erstaunlich finden: Die meisten kinderreichen Familien sind es deshalb, weil sie einer strikten religiösen Tradition folgen – Mormonen etwa oder Katholiken. Bei manchen erklärt sich der Kinderreichtum daraus, dass die Gemeinschaft, der die Familie angehört, ein schweres historisches Trauma durchlitten hat; das gilt für die ultrafrommen Juden. Nichts davon trifft auf die Schnabels zu. Offenkundig gefiel es den Eltern, Sex miteinander zu haben, aber kein religiöses Verbot hätte sie daran gehindert, Verhütungsmittel zu benutzen. Die Frage, warum Renate Schnabel ein Kind nach dem anderen gebar, bleibt in diesem Buch ohne Antwort.

Die Vornamen der Schnabel-Kinder

Schaut man sich die Vornamen der Schnabel-Kinder an, befürchtet man das Schlimmste: Die ersten drei Söhne heißen Odilo, Ronald und Torulf. Schneidig! Und sehr nordisch. Haben wir es hier etwa mit Nazis zu tun? Tatsächlich war Gernot Schnabel in der Wehrmacht und trat 1944 in die NSDAP ein. Sein Vater wurde 1937 Mitglied der Nazi-Partei. In beiden Fällen hatte das aber eher mit Opportunismus als mit strammer Gesinnung zu tun. Die nordischen Namen lassen sich eher so erklären, dass Gernots Vater aus der Wandervogelbewegung kam, die zwar völkisch und antisemitisch war, von den Nazis aber unterdrückt wurde.

Die nächsten Schnabel-Kinder haben dann schon ziemlich unskandinavische Namen: Arrigo und Allard. Extravagant bleiben die meisten Namensentscheidungen – hier ein Orlando (hatte Renate etwa Virginia Woolf gelesen?), dort eine Carena, eine Dunja. Aus allen Kindern ist übrigens etwas Ordentliches geworden: Ärzte, Psychologieprofessoren, Volkswirte.

Beinahe alle sind in Ehrenämtern tätig. Familientreffen (natürlich gibt es mittlerweile längst Urenkel) erinnern eher an Dorffeste. Alle reden durcheinander, und doch hören alle zu: ein Kunststück, das nur Geschwister fertigbringen. Würde man das Gesamtvermögen beziffern, das die Schnabels – sozusagen als Sippe – auf die Waage legen, käme man bestimmt auf Millionen. Insgesamt: eine Geschichte von Fortschritt und gesellschaftlichem Aufstieg – das glatte Gegenteil einer Horrorstory.

Trotzdem bleibt die Frage: Waren die Schnabels eigentlich eine glückliche Familie? Die Kinder erinnern sich, dass die Eltern oft, heftig und hässlich miteinander stritten. Dabei fielen auch Sätze wie: „Hätte ich dich doch nie geheiratet!“ Es ist ein offenes Geheimnis: Wären die vielen Kinder nicht gewesen, wären Gernot und Renate kein Paar geblieben. Eigentlich passten die beiden gar nicht zueinander.

Hinzu kamen die Tragödien. Eine Tochter verunglückte tödlich; eine weitere Tochter wurde schwer krank und starb vor der Zeit. Während Katrin Hörnlein ihr Buch fertigstellt, starb – im Alter von 71 Jahren – der dritte Sohn der Schnabels. Vielleicht sollte man nicht sagen, dass die Schnabels eine glückliche Familie waren. Vielleicht trifft es eher das Adjektiv „stark“. Die Schnabels waren resilient, sie hielten viel aus. Keiner von ihnen wurde drogensüchtig, niemand schied durch Selbstmord aus dem Leben. Aber kein einziges der Schnabel-Kinder gründete selbst eine Großfamilie.

Katrin Hörnlein: Die Schnabels. Mutter, Vater, 17 Kinder. dtv, 234 Seiten, 22 Euro.