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Gerettet ist das ICC noch lange nicht

· Culture

Es hat in Berlin eine gewisse Tradition, große öffentliche, polarisierende Gebäude, die aus der Nutzung fallen, so lange in eine Warteschleife zu schicken, bis der Abriss als Rettung verstanden wird. Die Ruinen werden zuvor noch pittoresk von Kultur und Kunst „bespielt“. Lange sah es so aus, als könnte dem 1979 eröffneten ICC ein ähnliches Schicksal blühen wie dem Palast der Republik – nur ohne jene Entlastungsfantasie, am Ende werde ein Schloss errichtet.

Das Internationale Congress Centrum Berlin ist noch nicht gerettet. Aber es hat erstmals seit Jahren eine ernsthafte Rettungsperspektive. Das hat auch mit dem Denkmalschutz zu tun, unter den das ICC im Jahr 2019 glücklicherweise gestellt wurde. Da war es schon seit fünf Jahren geschlossen, und es gab nicht wenige Stimmen, die den Abriss dieses zwischen Autobahndreieck, Messedamm und Messegelände gestrandeten Aluminium-Raumschiffs herbeisehnten.

Andere, vor allem jene, die das über dreihundert Meter lange Haus von innen kannten – vom Europäischen Kardiologenkongress, von der Internationalen Tourismusbörse, von „Wetten, dass …?“ oder Gesprächen an poppigen Bars –, hofften auf die Rettung. Die Landesdenkmalbehörde war ästhetisch so weitsichtig, nicht nur die technoide Sci-Fi-Space-Age-Fassade für schutzwürdig zu befinden, sondern auch das Innenleben. Da wären die 80 Säle und Räume, die Treppen und Rolltreppen, die Pullman Lounge, die verwinkelten Aufenthaltsflächen, der magistrale Erschließungskorridor und das Informations- und Leitsystem, ein neonleuchtendes Gesamtkunstwerk von Frank Oehring und Helge Sypereck.

Der Stillstand des Gebäudes kostet das Land Berlin rund zwei Millionen Euro jährlich an Sicherung und Unterhalt. Um das ICC als Standort für Kultur und Kreativwirtschaft zu entwickeln, war im November 2024 ein europaweites Konzeptverfahren gestartet worden. Am 24. Juni 2026 präsentierte Berlin nun eine offizielle Vergabeempfehlung für die „Projektpartnerschaft Quartier ICC“. Beteiligt sind unter anderem Arup, Hochtief, die Architekturbüros Max Dudler, GRAFT und schneider+schumacher, verschiedene Projekt- und Immobilienentwickler sowie die ICCA-Projektgruppe/Stiftung Kunstforum Berliner Volksbank. Letztere gehörte zu den frühen Verfechtern einer kulturellen Wiederbelebung.

Das alles klingt nach Entscheidung, ist aber nur ein Zwischenschritt. Zunächst soll eine „Exklusivitätsvereinbarung“ folgen, danach eine zweijährige „Anhandgabephase“, in der Baurecht, Finanzierung, Denkmalschutzfragen und das Nutzungs- und Betriebskonzept erst verbindlich geklärt werden.

Fünf zentrale Nutzungsbereiche wurden skizziert: Im großen Saal sollen Konzerte und Großveranstaltungen stattfinden, der Saal 2 zu einem „eigenständigen, offenen Ausstellungs- und Erlebnisraum“ werden. Das Mittelfoyer und andere Bereiche sind für „Gastronomie, Bars, Studios, Galerien und kulturelle Nutzungen“ vorgesehen. Das Gebäude soll eine öffentliche Nord-Süd-Passage bekommen und von zwei Hochhäusern mit Hotels und Büroflächen flankiert werden. Die Kosten für die beiden Hotelneubauten werden laut Deutscher Presseagentur auf jeweils 150 bis 200 Millionen Euro geschätzt. Die Sanierung des ICC werde nach vorsichtigen Schätzungen der Projektpartner wohl mehr als 400 Millionen Euro kosten.

Belastbare öffentliche Kostenzahlen nennt der Senat bislang nicht. Vorab war das Verfahren mit der Erwartung verbunden worden, dass private Investoren Sanierung und Nutzung stemmen. In den neuen Präsentationsunterlagen liest sich das komplizierter: Die Neubauten sollen über Eigenkapital, Bankdarlehen und Mieteinnahmen finanziert werden; für das Bestandsgebäude ICC sind zusätzlich Baukostenzuschüsse künftiger Mieter, Projektüberschüsse und Fördermittel von Bund und Land vorgesehen.

Aus dem Versprechen, Berlin bringe kein Geld mit, könnte also ein Mischmodell werden, in dem die Kultur die öffentliche Begründung liefert, um den Steuerzahler doch noch zu belasten. Der Regierende Bürgermeister Kai Wegner, CDU-Spitzenkandidat für die Abgeordnetenhauswahl am 20. September 2026, sagte: „Wir werden jetzt alle weiteren Fragen angehen, insbesondere zu Finanzierung, Genehmigungen und Umsetzung.“ Letztendlich werden diese Fragen darüber entscheiden, ob das ICC wirklich gerettet wird – oder ob es nur eine neue Erzählung bekommt.

In der Nutzungsmischung ist die Kultur nur ein Teil. Das passt zur Struktur des denkmalgeschützten Gebäudes, dessen Offenheit hoffentlich wiederhergestellt wird. Ein paar Ausstellungen, Shows, Konzerte und ein potenzieller Interimsbetrieb für die Philharmonie, die ab 2032 voraussichtlich saniert werden soll, sind noch keine Geschäftsgrundlage. Das ICC muss als Raumkunstwerk gerettet werden, nicht als Kulisse für die nächste Berliner Kulturbaustelle. Eine Entkernung käme dem Abriss gleich.