Geige ist langweilig, sagt sie
Natürlich hätten wir uns auch in einer Kirche treffen können, dem vermeintlich natürlichen Habitat eines Organisten. Oder in einer Philharmonie. Ihr beim Proben zuhören, beim Experimentieren, beim Klangbauen zuschauen können. Da, wo Iveta Apkalna ihrem Beruf nachgeht. Das hätte dann aber mitten in der Nacht sein müssen. Organisten, das lernt man ganz schnell im Strom der Geschichten, in den man von Iveta Apkalna gezogen wird, sind Nachtmahre. Notgedrungen.
Iveta Apkalna ist Titularorganistin der Hamburger Elbphilharmonie. Und in den neun Jahren, in denen sie das ist – eine ganzheitliche, typisch organistische Jobkumulation aus Kuratorin, Konzertveranstalterin und Artist-in-Dauerresidenz gewissermaßen –, hat sie, sagt sie, ein einziges Mal am helllichten Tag an der grandiosen Klais-Orgel mit ihren beinahe 5000 Pfeifen über dem Hamburger Hafen proben dürfen.
Sonst ist da immer Orchesterprobe oder Konzert. Selbst ihre Alben nimmt die Frau, die hauptverantwortlich dafür ist, die Orgel vom letzten Rest weihrauchverhangener Biederkeit zu befreien und von der Empore aufs Podium zu heben, zu nachtschlafender Zeit auf.
Jetzt ist Nachmittag. Jetzt ist das komplette Gegenteil zur Elphi. Ein Jugendstilcafé in Berlin-Steglitz. Iveta Apkalna, 1976 im ostlettischen Rezekne geboren, wohnt um die Ecke. Grazil ist sie, zerbrechlich wirkt sie, so gar nicht wie die Dominatorin eines gewaltigen Klangungetüms. Und sie hat schon geübt. Vier Stunden sollten es schon sein am Tag, sagt sie. Auf ihrer dreimanualigen Digitalorgel daheim mit Kopfhörer. In Berlin hat sie eine und in Riga. Seit acht Jahren spielt sie mit ihr daheim in Lettland am Dzintari-Strand vor 10.000 Leuten zum Sonnenaufgang. Magisch ist das (Arte hat es in diesem Jahr zum zweiten Mal aufgezeichnet). Aber das nur nebenbei.
Natürlich könnte sie auch in einer Berliner Kirche üben. Aber sie ist – nicht nur, weil ihr ihre Nachtruhe immer heiliger wird – froh, daheim sein zu können. Koffer umpacken, bügeln, Bürokram, üben, kochen, Familie haben, solange noch alle daheim sind – ihr Mann, der Tonmeister ist, ist viel unterwegs, der Sohn hat gerade Abitur gemacht, die Tochter macht es kommendes Jahr. Und tanzen kann sie auch daheim, wenn niemand zuschaut. Zu Prince zum Beispiel.
Musik ist etwas Körperliches für Iveta Apkalna. Musik ist, wie alles im Leben der Lehrertochter, mehr als nur Musikmachen – eine ganzheitliche Angelegenheit. Tanzen hat sie gemocht, fürs Eislaufen die Schule sausen lassen, von einem Meisterkurs im Eistanz träumt sie heute noch. Tänzerin hätte sie werden wollen. Dann hat sie Klavier gespielt mit fünf, mit neun ihr erstes Konzert als Solistin mit Orchester gespielt. Mit 15 ihr erstes Orgelkonzert gehört. Und sich an die Orgel gesetzt und die ganz andere Verbindung zur Musik gespürt, die Körperlichkeit, das Im-Kern-des-Klangs-Sein, diese ganzheitlichen Vibrationen, diese Elektrizität, die durch ihren ganzen Körper ging.
Nicht die Klanggewalt der Königin der Instrumente hat sie fasziniert, nicht die Lautstärke. Sie hat nicht einmal in ihrem Leben, versichert sie, tatsächlich Tutti gespielt, also alle Register gezogen. Die leisen Register, sagt sie, sind ihr die liebsten. Sie wollte nicht einfach nur glänzen, wollte Menschen glücklich machen, eine Gemeinschaft bilden. Geschichten erzählen von Freiheit und Schwerelosigkeit, von sich und ihrem Geradesosein.
Orgel ist Widerstand
Orgelspielen war, als Iveta Apkalna Kind war, in Lettland nie nur Orgelspielen. Es war politisch, war Widerstand gegen die sowjetische Zwangsherrschaft. Orgelspielen war Freiheit in einem Land, das Kirchen in Schwimmbäder verwandelte und Orgeln verkommen ließ, alle und alles beobachtete. Ihre Familie hat Iveta, die heimlich im Haus des Pfarrers getauft wurde, schützen wollen. Hat Orgelnoten versteckt, verheimlicht, dass der Großvater und der Vater Orgel spielen gingen in der Dorfkirche. Was sie die Jobs hätte kosten können. Ohne die „Singende Revolution“ in Lettland 1989, als die Letten, ein Volk der Sänger, auf die Straßen gingen und auf den Straßen das Regime mit verbotenen Volksliedern geradezu wegsangen, hätte sie, sagt sie, nie Organistin werden können. Auch ein Auftrag für sie: an die Freiheit zu erinnern, an die Unterdrückung und die Verheißung der Kunst.
Zurück zur Heimorgel aus dem Süddeutschen, von der sie gerade kommt. Die Orgel daheim, sagt sie, ist auch ein Befreier. Hilft ihr, sich von Defiziten freizumachen für das Unplanbare. Organisten sind die flexibelsten Mitarbeiter im Haus der Kunst. Müssen es sein. Iveta Apkalna hat ja keine Stradivari im Handgepäck und keine Marigaux-Oboe. Sie begegnet in jeder Kirche, jedem Konzertsaal neuen Wesen mit neuen Möglichkeiten, in neuen Verfasstheiten. Man muss sich das Leben einer Organistin als permanentes Speeddating vorstellen. Eine Orgel ist nicht nur Instrument, ist Tanzpartner, potenzieller Liebhaber. Ein menschliches Wesen.
Natürlich kennt sie, bevor sie einem neuen Instrument begegnet, die Disposition, weiß, wer sie wann gebaut hat, wie viele Manuale, welche Register sie hat, welche Mixturen, Klangfarben möglich wären. Und dann bereitet sie sich vor, hat Klänge im Kopf, notiert mögliche Registrierungen, Klangfarbenmischungen. Ein Organist ist mehr als nur Interpret eines Stückes. Ein Organist ist Interpret und Arrangeur und Komponist.
Und dann ist man da, und alles ist anders. Weil die Flöte eher fistelig ist oder verstimmt oder gar nicht geht. Weil die Akustik ist, wie sie ist. Als Organistin auf Tournee zu gehen, ist eine Abenteuerreise im Wunderland. „Ich muss aus Defekten Effekte machen. Muss zaubern können. Es ist wie mit Katzen im Sack zu handeln, von denen man nicht so richtig weiß, ob eine Katze aus dem Sack kommt, ein Reh oder ein Elefant.“
Mit einem einzigen Programm durch 17 Konzertsäle zu tingeln, den Goldberg-Variationen oder den letzten drei Beethoven-Sonaten, ist für Organisten illusorisch. Jede Orgel ein anderes Programm, das daheim perfektioniert sein will, weil zwischendurch keine Zeit ist zum Üben. Weil man frei sein muss und flexibel für alle Eventualitäten. Unterwegs notiert sie, was sie sich an Klang denkt. Denkt sich Orchestrierungen aus. Und sitzt dann trotzdem acht, zehn Stunden auf der Empore, auf dem Podium und probiert und schaut, was passiert. Oboe oder Geige wäre einfacher. Geige ist langweilig, sagt sie.
Die Orgel, lange ein männliches Ding
Und dann passieren Dinge, die Geigern, die Pianisten nie passieren würden. Einmal zum Beispiel, da hat sie Charles Widors gewaltige fünfte Orgelsinfonie gespielt. Und die Assistentin, die mehr tun muss als Notenseiten umblättern, die Partnerin, Klangfarbenfacharbeiterin ist und zur richtigen Zeit die richtigen Registrierknöpfe rechtzeitig drücken muss, hat versehentlich die komplette Orgel abgeschaltet. Nichts kam mehr. Und Iveta Apkalna erinnerte sich wieder an ihre alte russische Klavierschule. Nerven behalten und im Rhythmus bleiben. Sie spielte einfach weiter, obwohl niemand etwas hören konnte außer Tastengeräuschen. Sie rief um Hilfe. Und irgendwann hörten wieder alle, was sie spielte.
Als sie anfing, war Orgelspielen ein männliches Ding, ein anonymes Ding, ein Kirchending. Potenziell eher graue Männer saßen unsichtbar auf Emporen und spielten zur Ehre Gottes, Beifall gab es keinen. Auf Schallplatten sah man Orgeln, aber keine Musiker. Dass Iveta Apkalna sich einen Dreck darum scherte, sich für die Vogue im Ärmellosen fotografieren ließ, kam bei ihren Hardcore-Orgel-Kollegen nicht gut. Inzwischen ist die Orgel ein Konzertinstrument wie jedes andere auch, ist weiblich, Anna Lapwood, Titularorganistin der Londoner Royal Albert Hall und sozusagen die Insta-Schwester von Iveta Apkalna, füllt Philharmonien mit Filmmusik. Es ist gut, dass es sie gibt. Iveta Apkalna ist anders. Sie verbindet Kontrolle und Ekstase, Grazie, Gewalt und Glamour.
Schuhe geben Halt
Sie will nicht nur Klang sein. Will Menschen verbinden, als Mensch sichtbar sein, als Mensch im Fluss, als Erzählerin. Will sich offen machen, offen halten. Und warum sollte sie in klassischer Orgelmanier, in spätromantischer Sack-und-Asche-Orgelmode auf die Bühne gehen? Tun ja ihre Klavierkolleginnen auch nicht. Nicht mal Dirigenten wie Yannick Nézet-Séguin, der Strasskönig unter den Orchesterleitern. Iveta Apkalna liebt Frackvariationen, sie liebt strenge Frisuren – und Schuhe. Auch die sind natürlich kein Selbstzweck. Sind – wie alles im Leben der Iveta Apkalna – nicht nur Schuhe. Die sind hochhackig, bequem, geben ihr Halt, sind Arbeitsinstrument und Verlängerung des Körpers und Glamour und Zeichen für Durchlässigkeit, Nahbarkeit.
Die Schuhe werden ihr auf die Zehen gefertigt. Seit Jahrzehnten hat sie einen Schuhmacher ihres Vertrauens, inzwischen in zweiter Generation. Mit ihm berät sie sich, passt die Leisten ihrem Alter an. Die Schuhe trägt sie ständig ganz nah bei sich, im Handgepäck auf Flugreisen. Sind aus Ziegenleder. Mit Kristallen, die glitzern im philharmonischen Halbdunkel, mit hohen breiten Hacken, was keine Eitelkeit ist, sondern Notwendigkeit, weil Iveta Apkalna gerade bei zeitgenössischen Kompositionen gern gleich mehr als ein Pedal drücken muss mit ihren Füßen.
Orgelspielen ist eine ganzheitliche Kunst. Kuchen hat sie keinen gegessen. Es ist dunkel über der Schlossstraße. Keine tote Kirche wartet heute auf sie. Sondern die Küche und die Familie.