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Es gibt Themen, bei denen man sich in unserem Land heute ganz schnell den Mund verbrennen kann. Zum Beispiel dieses: Haben die Deutschen das Arbeiten verlernt, feiern sie deshalb heute viel mehr krank als früher? Ist die Work-Life-Balance heute das, was früher der Fleiß war?

Ich bin jetzt mal mutig. Also: Seit Tagen geistert mir eine Nachricht durch den Kopf, die in den Medien eher wenig Widerhall gefunden hat. Im niedersächsischen Celle klagt eine junge Frau gegen ihre Kündigung. Ihr Arbeitgeber, ausgerechnet eine Krankenkasse, nennt folgenden Kündigungsgrund: Die Frau hat sich über einen Zeitraum von vier Jahren (2022 bis 2025) 169 Tage krankgemeldet. 2022 waren es 22 Tage, ein Jahr später schon 51, 2024 dann 45 und 2025 wieder 51. Das war dem Arbeitgeber zu viel.

Was man wissen muss: Die Klägerin, Kauffrau für Dialogmarketing, arbeitet im Home-Office, ist verheiratet und hat zwei Kinder. Zusätzlich zu ihren 169 Krankheitstagen meldete sie sich in der Zeit an 72 Tagen wegen Krankheit eines Kindes von der Arbeit ab. Aber das spielt laut Arbeitgeber beider Kündigung keine Rolle.

Wir reden bei der jungen Frau, die keine chronische Erkrankung hat, von 241 Fehltagen binnen vier Jahren. Das sind mehr als 48 Wochen, praktisch ein ganzes Jahr.

Ob das zumutbar ist oder nicht, muss jeder für sich selbst entscheiden. Ich sage: Wer krank ist, ist krank. Und wer sein krankes Kind versorgen muss, hat jedes Recht dazu. Darüber gibt es für mich gar keine Diskussion.

Aber natürlich muss die Frage erlaubt sein, wie viel Krankheit unsere Wirtschaft verkraften kann. Denn jeder Ausfall bedeutet, dass andere ran müssen. Kollegen machen Überstunden, Kunden werden vertröstet. Und irgendwann kommt der Punkt, an dem nicht nur die Geduld, sondern auch die wirtschaftliche Kraft aufgebraucht ist.

Ich rede hier nicht von den Konzernen. Die haben Personalreserven, können anders organisieren. Der Handwerksbetrieb kann das aber nicht. Dort springt der Chef ein. Oder die Chefin. Oder niemand.

Es ist der Mittelstand, der die Last trägt und darunter leidet. Der Bäcker mit acht Beschäftigten. Oder die Café-Inhaberin. Die Menschen also, die Verantwortung übernehmen und Arbeitsplätze schaffen.

Zahlen lügen ja nicht. Die Zahl der Krankheitstage in Deutschland steigt. Gerade in Branchen, die ohnehin Personalmangel beklagen. Aktuelles Beispiel: Pflegekräfte in Mecklenburg-Vorpommern waren 2025 durchschnittlich 32 Tage krank. Das hat sicher gute Gründe. Pflege ist ein Knochenjob.

Wir müssen genauer hinschauen, warum die Fehlzeiten seit Jahren steigen. Liegt es an psychischen Belastungen? Zu hohen Anforderungen? Einer veränderten Einstellung zum Arbeitgeber? Wahrscheinlich von allem etwas.

Ob es hilft, im Zuge der Gesundheitsreform künftig schon ab dem ersten Tag die Krankschreibung zu verlangen, wird sich zeigen. Wir dürfen aber das Thema Fehlzeiten nicht weiter tabuisieren. Ich bin überzeugt, dass man Arbeitnehmer schützen kann, ohne Unternehmer allein zu lassen.

Es sind doch die Mittelständler, die einen Großteil unseres Wohlstands finanzieren. Sie zahlen Löhne, investieren und bilden aus. Sie tragen Risiken und zahlen die Steuern und Abgaben, die unseren Sozialstaat überhaupt erst möglich machen.