Gegen diese Goldberg-Variationen hat der Schlaf keine Chance
Vielleicht kennen Sie das ja. So ein Stück Weg, das Sie seit Jahren gehen, und von dem Sie meinen, dass Sie jede Biegung, jeden Baum am Rand kennen. Und dann weht da ein neuer sanfter Wind durch, fällt da ein ganz neues Licht hinein. Und alles sieht anders aus, frischer, wie verzaubert.
So ungefähr muss man sich vorstellen, was Asya Fateyeva, Eckart Runge und Andreas Borregaard – Fabelinstrumentalisten allesamt an Saxofon, Cello und Akkordeon – mit Bachs Goldberg-Variationen, einer der bekanntesten Wegstrecken der Weltmusik, veranstalten.
Bevor wir dieses Licht und die Leichtigkeit, dieses luftige Wunder zu beschreiben versuchen, müssen wir vielleicht erst einmal die Puristen beruhigen, die bedenkenvoll den Kopf wiegen und Gänsehaut bekommen bei der Vorstellung, dass ihr barockes Heiligtum auf zwei Instrumenten exerziert wird, die erst gut 100 Jahre nach Bachs Tod erfunden wurden und abseits des klassischen Instrumentariums Karriere gemacht haben.
Das mit dem Puristensein ist im Prinzip schon schwierig, seit Johann Sebastian Bach seinem angeblich als Einschlafhilfe für Hermann Carl von Keyserlingk, den russischen Gesandten am chursächsischen Hof zu Dresden, 1741 verfertigten Einstünder einen Titel gab. „Aria mit verschiedenen Veraenderungen vors Clavizimbel mit 2 Manualen“ stand da über dem, was Keyserlingks Hofmusikus Johann Gottlob Goldberg der Legende nach des Abends als musikalisches Sedativum im Nebenzimmer des Keyserlingk’schen Schlafgemachs zu spielen hatte (was schon deswegen wahrscheinlich ein Blödsinn ist, weil Goldberg 1741 gerade mal 13 Jahre alt war).
Auf dem Klavier ist es schon kompliziert
Puristen müssten also ein ziemlich monströses Cembalo fordern, wie jenes, das Wanda Landowska im Herbst 1933 auf ihrem Landsitz Saint-Leu-la-Forêt nördlich von Paris für die erste Gesamtaufführung des damals weitgehend komplett vergessenen Zyklus seit Menschengedenken nutzte.
Schon auf dem Klavier muss man Kompromisse machen, kommen Pianisten auf ihrem einen Manual die Finger und Hände gern mal über- und durcheinander. Und weil die Aria samt ihrer „Veraenderungen“ spätestens seit Glenn Gould sich 1955 auf seinem Höckerchen an den Flügel gesetzt hatte und durch die Partitur gerast war, zum Testfeld der technisch-musikalischen Fähigkeiten und zum Karrieresprungbrett beinahe eines jeden jungen Pianisten geworden waren, und Bach als Kind seiner Zeit selbst ein Virtuose der Umbesetzung und Umnutzung von Konzerten und Arien war, gibt es gefühlt so viele Einspielungen und Besetzungsvariationen, wie es Einwohner auf Curaçao gibt.
Markus Becker und Igor Levit haben gerade in Düsseldorf Max Regers Bearbeitung von Joseph Rheinbergers Bearbeitung für zwei Klaviere aufgeführt. Cameron Carpenter spielt das „Kuriositätenkabinett“ (Carpenter über Goldberg), das der aus einem mathematisch geradezu manisch gehäkelten Korsett musikalisch sich befreiende Zyklus tatsächlich ist, auf der Orgel.
Es gibt Versionen des technisch, physisch und intellektuell höchst fordernden Stücks für Streichtrio (besonders beliebt, vorhanden in einem halben Dutzend Variationen), für Streichseptett, für sieben Fagotte und Kontrafagott, für Saxofon, Percussion und Blockflöte, für Cembalo, Flöte und Gambe, für zwei Gitarren, für Streichorchester. Die Liste kann fortgesetzt werden. Und Jacques Loussier hat es sich natürlich nicht nehmen lassen, das ehemalige Sedativum in herrlich einlullenden Klassikjazz zu verwandeln.
Das Dach von der Partitur genommen
Das mit dem Einschlafen kann man vergessen bei dem, was Fateyeva, Runge und Borregaard in akribischer Feinarbeit, hohem Ernst und hellem Mut mit der Partitur angestellt haben. Fateyeva, die auf der Krim geborene Saxofonistin, die ihr Instrument in den vergangenen Jahren fürs Klassische geradezu revolutioniert hat, Runge, 30 Jahre Cellist des Artemis-Quartetts und einer der unerschrockensten Abenteurer des Cellos, und Borregaard, der für das Instrument des Jahres 2026 ist, was Fateyeva fürs Saxofon ist, haben mit dem kontrapunktischen Kunstwerk gemacht, was Karmann früher mit VW Käfern machte – das Dach abgehoben.
Sie tanzen im Reigen durch Strukturen, werfen sich Linien zu, pusten Luft in Kontrapunkte. Man hört Details, die man in den hunderten Versionen vorher nie gehört hat. Ist bezaubert von der Schwerelosigkeit, dem melancholisch-heiteren Spiel der Farben, vom vorbeifliegenden Funkeln der melodischen Lichtwechsel. Staunt, wird ganz still. Und geht die Wegstrecke gleich noch einmal.
Wem diese verflixt schöne Exkursion an den Rand des klanglich mit Goldberg Möglichen schon beim Lesen zu abenteuerlich ist, für den haben wir natürlich auch eine Alternative. Selbst für jene, die sich eigentlich eine Goldberg-Fastenzeit auferlegt hatten, nach dem berechtigten Getöse um Víkingur Ólafssons herrlich notwendige, tiefgründige, hellsichtige Einspielung von 2023 und seiner unendlichen Welt-Tournee.
Yunchan Lim ist ein hochbegabter koreanischer Pianist. 2022 gewann er den legendären Van-Cliburn-Wettbewerb. Heute ist er so alt wie Glenn Gould bei seiner Aufnahme von 1955, von der Lim seit seinem achten Lebensjahr infiziert ist. Er begreift die Goldberg-Variationen geradezu existenzialistisch, als „eine musikalische Lebensreise – vom ersten Augenaufschlag in der Aria bis zur letzten Aria, wenn sich unsere Augen sanft schließen“. Dazwischen leuchtet er alle Winkel dieses musikalischen Lebensweges mit einer Klarsichtigkeit, Präzision und Wärme aus, dass man bis in die verästelten Mikrostrukturen ganz oben unterm Dach dieses gewaltigen Gebäudes alles erkennen kann.