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Essen (NRW) – Nachdem in Essen am Mittwoch ein Häftling bei einem Arztbesuch von Helfern befreit werden konnte, kommt heute heraus, dass sie Schlüssel für seine Fußfesseln dabei hatten. Woher hatten sie die Schlüssel? Und woher wussten die Täter offenbar genau, wann und wo sie zuschlagen mussten?

Am Freitagvormittag musste sich die Spitze des NRW-Justizvollzugs in einer Sondersitzung des Rechtsausschusses im NRW-Landtag unangenehmen Fragen stellen.

Der Flüchtige, Dijvar Gündüz (34), hatte eine lange Haftstrafe zu erwarten. Im Februar war er wegen Drogendelikten zu zwölf Jahren und sechs Monaten verurteilt worden. Im April kamen weitere vier Jahre und sechs Monate wegen gefährlicher Körperverletzung, Freiheitsberaubung und BTM-Delikten hinzu. Die Urteile waren noch nicht rechtskräftig.

Wie bekamen die Helfer die Fesseln auf?

Eine der drängendsten Fragen im Ausschuss: Wie konnte der Gefangene, der Fußfesseln trug, in einem Hausflur vor der Essener Arztpraxis so schnell befreit werden?

Andreas Schüller, zuständig für die Sicherheit in den NRW-Justizvollzugsanstalten, lieferte dazu eine mögliche Erklärung: „Die Fluchthelfer müssen eigene Schlüssel dabei gehabt haben. Die beiden Justizbeamten haben ihre noch. Auch eine Überprüfung innerhalb der JVA ergab, dass dort noch alle Schlüssel vorhanden sind.“

Was geschah mit den Waffen der Justizbeamten?

Während des Befreiungsversuchs hatte einer der Beamten seine Waffe gezogen, entriegelt und durchgeladen. Doch als er schießen wollte, löste sich kein Schuss. Daraufhin soll einer der Helfer dem Beamten die Waffe aus der Hand geschlagen haben. Anschließend wurden die beiden Aufpasser von den Tätern gefesselt. Lange war unklar, ob die Fluchthelfer eine Waffe mitgenommen hatten. Am Freitag kam im Ausschuss die Antwort.

„Beide Waffen sind noch vorhanden, eine steckte bei einem der Beamten noch im Holster, die andere wird aktuell von der Polizei untersucht“, so Schüller.

Warum war keine Polizei dabei?

Vollzugschefin Sigrid Hellweg erklärte, im Vorfeld sei eine individuelle Gefährdungsbeurteilung vorgenommen worden: „Es wurden die Flucht- und Befreiungsgefahren und das bisherige Verhalten des Häftlings beurteilt.“

CDU-Politiker Gregor Golland (51) übte Kritik: „Wir müssen aus der Situation lernen. Der wird die zwölf Jahre nicht absitzen wollen, deshalb wird er sich auch morgen nicht mit seinem Anwalt stellen.“

Golland schlug vor, Gefangene bei solchen Arztbesuchen zusätzlich von der Polizei begleiten oder elektronisch sichern zu lassen. Er fragte auch nach einem möglichen Migrationshintergrund und einem zweiten Pass, mit dem sich der Flüchtige möglicherweise ins Ausland absetzen könnte. Zudem vermutete Golland: „Wer in so großem Stil mit Drogen handelt, hat wahrscheinlich ein 7-stelliges Vermögen.“

Auf die Frage nach seiner Herkunft antwortete Hellweg lediglich: „Er ist Deutscher. Der Name lässt darauf schließen, dass irgendwann, irgendwo ein Migrationshintergrund besteht.“

Woher wussten die Befreier vom Arzttermin?

Auch das bleibt eine der entscheidenden Fragen. Dr. Werner Pfeil (60, FDP) wollte wissen, ob die Zelle nach einem möglichen Handy durchsucht worden sei. Hellweg bestätigte die Durchsuchung. Ein Handy wurde in seiner Zelle nicht gefunden.

NRW-Justizminister Benjamin Limbach lobte unterdessen die beiden betroffenen Justizbeamten: „Sie haben besonnen gehandelt. Ich bedanke mich ausdrücklich für ihren Einsatz. Ich reise noch heute nach Essen und treffe sie persönlich.“

Der Flüchtige ist erheblich vorbestraft und hat acht Einträge. Bereits als Jugendlicher erhielt er Freiheitsstrafen auf Bewährung sowie Jugendarrest.