TTS-Player überspringenArtikel weiterlesen

Kühlungsborn/Quedlinburg – So hatten sich die Strategen in der CDU-Zentrale den Auftakt von Friedrich Merz' Ost-Wahlkampf wohl kaum vorgestellt. Am Strand von Kühlungsborn (Mecklenburg-Vorpommern) sollten Bilder entstehen, die den Bundeskanzler bei Sonnenschein und spätsommerlichem Badewetter im Gespräch mit Bürgerinnen und Bürgern zeigen. Stattdessen zogen dunkle Gewitterwolken auf, Regen und Donner bestimmten die Szenerie. Doch nicht nur das Wetter verdarb die Inszenierung: Aus der Menge wurden Merz Beschimpfungen wie „Pinocchio“ und „Kriegstreiber“ zugerufen, auf einem Plakat wurde sogar sein „Rücktritt“ gefordert. Unterstützung blieb dennoch nicht völlig aus. Einige Anhänger applaudierten und versuchten vergeblich, die Gegendemonstranten zu mehr Anstand aufzurufen.

Kanzler stärkt sich mit Fischbrötchen

Und der Kanzler? Nahm’s gelassen und stärkte sich mit einem Fischbrötchen („exzellent gut“). Auch Bürgerkontakt hatte er, vereinzelt jedenfalls. Über Absperrgitter hinweg kam er mit ein paar Passanten ins Gespräch. Bitter nötig – die CDU in Mecklenburg-Vorpommern dümpelt bei zehn Prozent (AfD: 36 Prozent).

Vielleicht kam Friedrich Merz die Ankunft in Quedlinburg nach den Szenen am Ostseestrand sogar gelegen. Hinter den verdunkelten Scheiben seiner Limousine fuhr er direkt auf den Innenhof des Schlosses. Am Straßenrand blieben nur wenige Demonstranten zurück, daneben einige Touristinnen aus Essen, die vergeblich auf ein Foto mit dem Kanzler gehofft hatten. Bemerkenswert: Obwohl der CDU-Kreisverband Harz mehr als 600 Mitglieder zählt, fand sich niemand zur Begrüßung ein. Auch Plakate, die für den Auftritt des Kanzlers warben, suchte man vergebens.

Parteiintern wurde schon länger gemunkelt, dass die örtliche CDU den in Beliebtheitsumfragen (letzter Platz im INSA‑Ranking) abgeschlagenen Kanzler gar nicht als Wahlkampflokomotive sieht. Und auch nicht der Ministerpräsident. Der 47‑jährige Schulze erweckt den Eindruck, als grenze er sich von Berlin ab. Im Sommer stellte er sich gemeinsam mit den anderen beiden ostdeutschen CDU-Ministerpräsidenten gegen ein Kernelement des schwarz-roten Rentenreformkonzepts – die Abschaffung der abschlagsfreien Rente nach 45 Beitragsjahren.

Während der Kanzler sich im Schloss ins Goldene Buch der Stadt eintrug, einen Blick in die Stiftskirche warf und dann noch 30 Minuten mit Harzer CDU-Funktionären sprach, stand die in den Harz gereiste Hauptstadtpresse im Regen auf den Auftritt des Regierungschefs.

„Genauso haben wir uns den Termin gewünscht“, sagte unverdrossen Sachsen-Anhalts CDU-Ministerpräsident Sven Schulze und machte einen auf „Gut Wetter“, als im Hintergrund zumindest ein Regenbogen auftauchte. Er freue sich, Merz zum ersten Mal in seinem Geburtsort Quedlinburg zu begrüßen.

Merz warnt schon wieder die AfD-Wähler

Merz schien die Gewitterkulisse, die ihm die schönen Fotos verhagelte, inzwischen sogar ganz recht zu sein. Und setzte am Ende eines eher missvergnüglichen Tages trotzig einen oben drauf.

Er wiederholte nicht nur seine Warnung vom Vortag an alle AfD-Wähler, dass sämtliche „internationale Investoren es sich dreimal überlegen, ob sie noch in Sachsen-Anhalt investieren“. Das Land dürfe „kein Experimentierfeld für Wutbürger werden“. Er schon dann aber nach, es gebe keine Brandmauer zu Wählern, die wolle man zurückgewinnen. Das wäre bitter nötig. Denn Sven Schulzes CDU liegt gerade mal knapp über 20 Prozent, die AfD kommt in Umfragen auf 40 und mehr. Dennoch hat Merz „die Zuversicht, dass es am Sonntag ein gutes Ergebnis geben wird für Sven Schulze und die CDU“. Was auch immer er damit meint. Nachfragen waren nicht vorgesehen.