Voice of Freedom Повна версія

Fürchtet die Fetten!

· Culture

Zwei Schauspielerinnen gehen durch die Reihen, auf ihren T-Shirts steht „Queer Fat Feminist“. Per Augenmaß wird das Publikum gewogen und fast durchweg für zu leicht und zu hellhäutig befunden. Wie eine Kanonade ewiger Verdammnis hallen die Urteilssprüche („Dünn! Weiß!“) von den Wänden des Kreuzgangs wider. Vor dem Kloster hatte sich zuvor eine lange Schlange von Menschen gebildet, die alle versuchten, an der Abendkasse noch eine Karte für das neueste Stück von Rébecca Chaillon beim Festival d’Avignon zu ergattern.

Die 40-Jährige gilt als die angesagteste Theatermacherin Frankreichs. Die „schwarze, fette, kinderlose, alternde Lesbe“, wie sich Chaillon selbst bezeichnet, beschwört mit „La Parabole du Seum“ jetzt den Aufstand der Dicken. Nicht der Dicke ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt, so könnte man die Botschaft des Abends zusammenfassen.

Sieben Schauspieler hat Chaillon gecastet. Sie alle sind mehrgewichtig, wie man heute im Sinne von „Body Positivity“ und „Fat Studies“ sagt, um womöglich abwertende Formulierungen zu vermeiden. Wobei an diesem Abend eher lustvoll mit Vorurteilen und Klischees gespielt wird, anstatt puristische Wortklauberei zu betreiben. Man propagiert sogar den „fetten Austausch“, um die rechtsextreme Chiffre vom „großen Austausch“ zu veralbern. Außerdem, so erfährt man, werden die Dicken sogar den Kapitalismus zu Fall bringen! Allein durch ihr Gewicht? So ungefähr.

Das neue revolutionäre Subjekt sind weder Arbeiterklasse noch Stadtguerilla, weder Randgruppen noch Dritte Welt. Es schiebt sich schwerfällig durch die Regalreihen der Supermärkte in den französischen Vorstädten, den berüchtigten Banlieues, wo auch Chaillon selbst groß geworden ist. Weder fluide noch flexibel, findet der neoliberale Leistungsimperativ am dicken Körper seine absolute Grenze, so wird es einem grob erzählt. So ähnlich hatte man unter Linken bereits vor ein paar Jahren die Depressiven als Kämpfer im seelischen Generalstreik verklärt.

Wer in der Konkurrenzgesellschaft unter die Räder kommt, wird zugleich für deren Ende sorgen, verheißt die heute ins Kulturelle gewendete Verelendungstheorie. Geholfen ist mit solchen Träumereien in Wirklichkeit niemandem. Von der kleinen Publikumsbeschimpfung am Beginn bis zur antikapitalistischen Nobilitierung folgt „La Parabole du Seum“ einer klassischen Logik der ästhetischen Umwertung. Unausgesprochene Vorurteile werden offengelegt, gegen das Publikum als Stellvertretung der Gesellschaft gewendet und vermeintliche Mängel zur politischen Auserwähltheit umgedeutet.

Thesen, dick wie Butter aufgetragen

Als versierter Kapitalismuskritiker könnte man sich allerdings wundern, warum die radikale Empowerment-Dramaturgie beispielsweise nicht einmal erwähnt, wie die Nahrungsmittelindustrie unkontrolliert und ungestraft allerlei Gesundheitsschädliches mit Zucker und Zusatzstoffen produzieren und bewerben darf, während die Gesellschaft die Folgekosten dessen zu tragen hat. Da verbleibt man doch lieber im übersichtlich Zwischenmenschlichen.

Abwertung durch theatrale Behauptung in Aufwertung zu verwandeln, ist auf der Bühne eben leichter gemacht als die kühle und nüchterne Strukturanalyse des Unglücks. Und außerdem kann man viel lustigen Quatsch machen: Das halbnackte Ensemble beschmiert sich mit glibberiger Wackelpuddingmasse oder geschüttelter saurer Milch, wickelt sich in Folie ein oder übergießt sich mit Wasser und rutscht über das nasse Plastikfolienbühnenbild, das an Fett- oder Butterberge erinnert.

Alle paar Minuten kommt eine neue Idee, wie eine „Lotterie für dicke Gewinne“ oder ein Aufruf gegen Kulturkürzungen. Wie schon bei den Wiener Festwochen, wo die Premiere stattfand, können sich nicht alle Zuschauer für das dramaturgische Chaos erwärmen und gehen teils demonstrativ und unter Buh-Rufen der verbleibenden Fans aus der Vorstellung.

Nach zweieinhalb Stunden ist man als Zuschauer erschöpft. Zum einen von den dick aufgetragenen Thesen und Bildern, zum anderen von deren Oberflächlichkeit. Dass Chaillon den Science-Fiction-Roman „La Parabole du Semeur“ („Die Parabel vom Sämann“) von Octavia E. Butler, in dem eine buntgemischte Gruppe in einer postapokalyptischen Welt ums Überleben kämpft, mit dem Gefühl der Abgehängten in den Banlieues und dem allgemeinen Katastrophismus von Umweltzerstörung, Krieg und Krise kurzschließt („Seum“ meint auch so viel wie Wut, Bitterkeit und Enttäuschung), hält den Abend zwar notdürftig zusammen, kollidiert allerdings auch des Öfteren mit dem Thema der Dickleibigkeit. Worum geht es eigentlich, fragt man sich beim fröhlichen Themenhopping im aufgeblasenen Klagegesang über die Gegenwart.

Und Chaillon? Tritt an diesem Abend nur als Regisseurin auf, nicht als Performerin. Dabei wurde sie mit ihren extremen Selbstversuchen vor Publikum bekannt, so wie ihr Vorbild Marina Abramović. In „Le gâteau“ („Der Kuchen“) verspeiste Chaillon die rohen Zutaten eines Kuchens (Eier, Butter, Mehl) bis zum Erbrechen. In „Whitewashing“ („Weißwaschen“) kippte sie Bleichmittel auf ihre Haut. In „La Gouineraie“ („Der Lesbengarten“) liebkoste sie sich – komplett mit Tapetenkleister bedeckt – mit einer echten Rinderzunge. In „Carte noire nommée désir“ („Ein Kaffee namens Begehren“) huldigte sie der Figur der schwarzen Frau, was in Avignon vor drei Jahren für Aufregung sorgte.

Vergangenes Jahr feierte Chaillon in Paris ihren 40. Geburtstag mit einer, na klar, 40-stündigen Nonstop-Performance. Dagegen wirkt „La Parabole du Seum“ zwar um Aufruhr bemüht, aber eigentlich brav. Muss sich der Kapitalismus nun vor der Revolution der Dicken fürchten? Das kann man sich am Ende des Abends nur schwer vorstellen.