Hannover – Deutschland verschenkt wirtschaftliches Potenzial in Milliardenhöhe. Der Grund: Viel zu viele Frauen arbeiten in Teilzeit. Marcel Fratzscher (55), Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), schlägt Alarm. „Der Anteil an Frauen, die Teilzeit arbeiten, ist ungewöhnlich groß. Dadurch bleibt wirtschaftlich ein riesiges Potenzial ungenutzt“, sagte der Ökonom dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Die Folge: „Die Gesellschaft verzichtet so auf eine Menge Wohlstand.“
Die Zahlen sind eindeutig: In Deutschland arbeitet die Hälfte der erwerbstätigen Frauen in Teilzeit. Fratzscher rechnet vor: „Deutschland könnte für den Arbeitsmarkt mehrere Hunderttausend Vollzeitkräfte zusätzlich gewinnen, wenn wir Hürden abbauen würden und mehr Frauen dazu bewegen könnten, ihre Arbeitsstunden aufzustocken.“
Doch es geht nicht nur um Wohlstand. Eine höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen wäre laut dem DIW-Präsidenten „das effektivste und beste Instrument, um das gesetzliche Rentensystem in Deutschland über die nächsten 15 bis 20 Jahre zu stabilisieren“.
Mehr Frauen im Beruf nützen der ganzen Gesellschaft
Kalkulationen einer EU-Behörde zeigen: Mehr Gleichstellung von Frauen könnte das Bruttoinlandsprodukt europaweit bis 2050 um bis zu 10 Prozent erhöhen. Fratzscher hält diese Größenordnung für realistisch. „Wenn wir die Erwerbsbeteiligung von Frauen erhöhen, dann profitieren alle“, betonte Fratzscher. „Es geht nicht nur um die Frauen, denen Chancen genommen werden. Der Gesellschaft als Ganzes, also auch uns Männern, entsteht dadurch großer wirtschaftlicher Schaden.“
Deutschland bremst Frauen im Job aus
Die Hürden sind vielfältig: Es fehlt an Betreuungsplätzen in Kitas und Schulen. Außerdem lohnt sich Arbeit finanziell oft kaum – wegen Ehegatten-Splitting und kostenloser Mitversicherung beim Ehepartner. Zudem seien Minijobs für viele Frauen eine Falle. „Wir sind noch meilenweit von wirklicher Gleichstellung entfernt“, kritisierte Fratzscher. Bislang werde das Thema von der Politik „vollkommen vernachlässigt – vielleicht sogar absichtlich“. Sein Fazit: „Wir schießen uns dadurch aber wirtschaftlich selbst ins Knie.“