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Für das Deutsch-Abi kann man jetzt auch im Kino lernen

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Jenny Erpenbecks „Heimsuchung“ ist wohl das aktuell unter 18- und 19-Jährigen meistgelesene Werk der Gegenwartsliteratur. Der 2007 erstmals erschienene Roman ist seit diesem Jahr in den meisten Bundesländern Pflichtlektüre im Deutsch-Abitur. Schon die ersten Abiturienten des nächsten Jahres dürften gerade darüber sitzen: Die rund 180 Seiten gibt es bei Reclam für 7,40 Euro; genauso viel kostet der dazugehörige „Lektüreschlüssel XL“ („mit Inhaltsangabe, Interpretation, Prüfungsaufgaben mit Lösungen, Lernglossar“). Zusammen also nur unwesentlich mehr als ein Kinoticket.

Ziemlich gutes Timing also für den Kinostart der Romanverfilmung von Volker Schlöndorff, der in seiner langen Karriere reichlich Erfahrung im Schulbuchklassikerverfilmen hat – nach seiner oscargekrönten „Blechtrommel“ (1979) kamen unter anderem noch „Tod eines Handlungsreisenden“ (1985) und „Homo faber“ (1991). Um es gleich vorwegzunehmen: Als Abi-Vorbereitung wäre das Geld im Kino nicht so gut angelegt.

„Heimsuchung“ konzentriert das 20. Jahrhundert auf ein Seegrundstück in Brandenburg. Alle Auf- und Umbrüche, die Katastrophen und Tragödien, seine Verbrechen, aber auch seine glücklichen, friedlichen Zeiten spiegeln sich am Ufer, wo ein ambitionierter junger Architekt nach eigenen Plänen ein großzügiges Holzhaus für seine Familie bauen lässt. Lars Eidinger gibt ihn als zukunftstrunkenen, etwas zu selbstverliebten Gernegroß; es überrascht nicht, dass die von ihren Lippen abgelesenen Wünsche seine Frau (Susanne Wolff) nicht glücklich machen werden. Das Paar im Traumhaus steht von Beginn an unter einem schlechten Stern am märkischen Nachthimmel; die Ehe bleibt kinder- und lieblos, der See wird zur Kulisse von Trauer und seelischer Einsamkeit.

Das Gegenbild sind die jüdischen Nachbarn, die zwar nur zum Baden kommen, aber ein ungetrübtes, großbürgerliches Familienglück verkörpern. Der Tuchfabrikant (mit tragischer Würde: Ulrich Matthes) hat das Grundstück für seinen Sohn gekauft. Hier schlägt die Geschichte die Idylle in Scherben; die Entrechtung der Juden wird in wenigen Details vorgeführt. Am Ende übernimmt der Architekt das Grundstück des Nachbarn, zur Hälfte des Marktpreises, wie er gönnerhaft sagt, als habe er damit den Verfolgten noch ein gutes Werk getan. Der Erlös soll die rettende Ausreise finanzieren; sie verzögert sich; am Ende entgeht niemand der Vernichtung.

Wo Jenny Erpenbeck diese Chronologie aufbricht, indem sie jeweils einer Figur ein Kapitel widmet, und damit das Haus zum Ordnungsprinzip, zum Scharnier macht, bleibt Schlöndorff linear. Das Haus ist lediglich Kulisse für die Schicksale, die dem bekannten Gang der Zeitgeschichte folgen, der durch dokumentarisches Material zusätzlich vergegenwärtigt wird (falls jemand das zerstörte Berlin 1945 oder den Mauerfall vergessen haben sollte). Der Architekt dient sich karrieristisch erst den Nazis, dann den Sozialisten an und darf auf der Stalinallee bauen. Als er in der Mangelwirtschaft der frühen 50er eine Tonne Schrauben auf eigene Rechnung beim Klassenfeind besorgt, ist er erledigt, und das Haus herrenlos.

Der Film zerfällt durch dieses Verfahren in zwei Teile, wobei der zweite Teil die DDR erzählt und auch da brav die Mentalitätsgeschichte der kulturellen Elite bebildert, zwischen Privilegien, Opportunismus und allerhöchstens im Privaten oder in Schubladentexten geäußerter Systemkritik. Jenny Erpenbeck hat ihre eigene Familiengeschichte in der Figur der „Schriftstellerin“ angedeutet: Erpenbecks Großeltern Hedda Zinner und Fritz Erpenbeck waren einflussreiche und linientreue Kulturgrößen der DDR.

Dieser Komplex nimmt bei Schlöndorff viel größeren Raum ein: Die von Martina Gedeck verkörperte Staatsschriftstellerin, die das Haus nach ihrer Rückkehr aus der Sowjetunion bezieht, ist eine der stärksten Figuren des Films; auch die Bilder lösen sich mehr vom Schablonenhaften. Freilich streift die Story gerade hier die Kitschgrenze, wenn die backfischhaft unbeschwerte Enkelin im Badehaus die versteckten Kinderbriefe der jüdischen Vorbesitzer vor der Deportation findet und so die Vorgeschichte wieder Einzug hält. Hier birgt das Haus ein Geheimnis, aber auf ganz vordergründige Weise.

Schlöndorff hat das Pech, dass im vergangenen Jahr ein Film mit einem ganz ähnlichen Grundeinfall international für Furore sorgte: Auch Mascha Schilinskis „In die Sonne schauen“ machte einen Ort zum Protagonisten eines über das ganze 20. Jahrhundert reichenden Erzählbogens. Doch hatte Schilinski den Mut, ihre einzelnen Zeitebenen durch scharfe Schnitte miteinander zu verschränken. Zugleich erzeugte sie durch Kameraführung und Tonspur eine unheimliche, das Horrorgenre streifende Grundstimmung, die den Ort wie mit einem Fluch belegte, der nach Jahrzehnten noch Unschuldige in die Tiefe reißen konnte.

Eine ähnliche mythische Dimension deutet Schlöndorff nur an – mit der aus der Vorlage übernommenen, stark abgewandelten Vorgeschichte um eine Bauerntochter, die unehelich schwanger ihr Erbe verliert und sich im See ertränkt. Eines Abends schwimmt die Frau des Architekten weit raus, und die Kamera folgt ihr so, als würde jeden Moment ein Unterwassermonster nach ihr greifen. Aber die suizidale Versuchung bleibt ein visuelles Versatzstück. Durchgeführt wird das nicht, was besonders im Fall der jüdischen Familie auch seltsam wäre: Deren Ermordung wurde schließlich nicht von irgendwelchen schwarzmagischen Kräften, sondern von banal-bösen Massenmördern betrieben.

Bleibt allein der Gärtner, der schon im Roman ein der Geschichte und Vergänglichkeit entzogenes Naturprinzip verkörpert: Wigand Witting spielt ihn angemessen kernig und wortkarg, stets behilflich bei den Launen der wechselnden Besitzer oder auch, um Meißner Porzellan im Garten zu vergraben.

„Heimsuchung“ ist ein Film, der formal wie inhaltlich äußerst konventionell bleibt und fast ausschließlich von den herausragenden Schauspielern lebt. Angela Winkler spielt eine kleine, aber eindringliche Nebenrolle als Vertriebene aus dem Osten: Ein ganzes Lebensdrama spielt sich in ihrem Gesicht ab. Sogar der als Oskar Matzerath in die Kinogeschichte eingegangene David Bennent hat einen brillant-schrägen Kurzauftritt als deutscher Landser im letzten Aufgebot. Am stärksten bleibt Susanne Wolff im Gedächtnis, die in der Vergewaltigungsszene mit dem blutjungen russischen Soldaten all die Wut und Gier und Verzweiflung eines vergeudeten Lebens in die Szene legt.

Das Haus wird am Ende, nach der Wende, zum Entsetzen der ohnmächtigen Schriftsteller-Enkelin, die hier behütetes Kinderglück erlebte, westdeutschen Erben zurückgegeben und dann abgerissen. Es trägt keine Schuld am Schicksal seiner Bewohner. Es kann sie nicht retten, nicht beschützen, nicht vor der Geschichte und nicht vor den eigenen Dämonen. „Heimat planen, das ist sein Beruf“, heißt es im Roman einmal über den Architekten: „Ein Haus die dritte Haut, nach der Haut aus Fleisch und aus Kleidung. Heimstatt.“ Der stets neu pflanzende Gärtner allein weiß, dass nichts Bestand hat.