Familie Grüffelo, die Maus und Scheherazade
Wer um die Jahrtausendwende seinem Kind den „Grüffelo“ vorlas, der kann das heute wahrscheinlich schon für sein oder ihr Enkelkind tun. Es ist also äußerst passend, dass jetzt die „Grüffelo-Oma“ erscheint. Sie ist sozusagen der monstergewordene Erstvorleser. Und tatsächlich entpuppt sich die Großmutter, die lesen und schreiben kann, auch als jene Instanz, die für die Weitergabe einer uralten, heute mehr denn je bedrohten Kulturtechnik steht: des Erzählens.
1999 erschien der Originalband von Julia Donaldson, mit den längst weltberühmten Bildern des in London lebenden Hamburger Illustrators Axel Scheffler. Fünf Jahre später folgte das „Grüffelokind“ – in der deutschen Fassung geschlechtlich unbestimmt, im Original hingegen grammatikalisch weiblich. Mehr als zwanzig Jahre mussten wir auf die Fortsetzung warten, die paradoxerweise die Familie der Fabelwesen um eine Generation in die Vergangenheit verlängert. Oma hat ihren Besuch in der Höhle von Vater und Tochter angekündigt und beide ziehen los, um der bekanntermaßen stets äußerst hungrigen Matriarchin eine standesgemäße Mahlzeit vorzusetzen. Fressen und Gefressenwerden, das war in allen Bänden das ziemlich realistische zentrale Thema in der freien Natur. Und wie man genau das durch Listenreichtum verhindert, das zeigte ein ganz unmonsterhaftes Wesen, nämlich die Maus.
„Die Maus spazierte im Wald umher“, mit diesen legendären Zeilen begann es 1999. Großartig und äußerst kindgerecht war die Variation der Story. Die Maus begegnet erst dem Fuchs, dann der Eule, schließlich der Schlange und rettet sich jedes Mal durch den Verweis auf ihre Verabredung mit einem schrecklich, grässlichen Fantasiewesen, dem Grüffelo eben, der großen Hunger auf „Fuchsspieß“, „Eule mit Zuckerguß“ und „Schlangenpüree“ habe. Bis der dann tatsächlich auftaucht und seinerseits seinen Lieblingsschmaus „Butterbrot mit kleiner Maus“ zu sich nehmen will. Der nur ausgedachte Horror wird Wirklichkeit: „Es gibt ihn doch, den Grüffelo!“
Die Maus verweist nun auf ihren eigenen legendären Ruf: „Alle Tiere im Wald haben Angst vor mir.“ Dann geht die Reise in umgekehrter Richtung – Schlange, Eule, Fuchs – und tatsächlich machen sich alle sogleich davon. Am Ende ist der Grüffelo selbst in Todesangst, weil die Maus gern „Grüffelogrütze“ aus ihm machen würde.
Das Tolle an diesem Kinderbuch (immerhin ab vier Jahren!) ist gerade, dass Donaldson vor diesen unverhohlenen Gewaltfantasien und dem Spiel mit Ängsten auf allen Seiten nicht zurückschreckt – was ihre Geschichte in die Nähe traditioneller Märchen rückt, in denen es ja alles andere als unblutig zugeht. Zwar wird keinem Tier ein Haar gekrümmt, aber die Drohung steht immer im Raum. Um die Macht der Einbildungskraft geht es eben, und was sich die Tiere vorstellen können, das soll sich auch das Kind denken. Ja, das muss es sogar, sonst funktioniert die Story gar nicht. Der Grüffelo wird zum Opfer der Imagination, die ihn selbst überhaupt erst hervorgebracht hat.
„Das Grüffelokind“ fiel hinter die Abgründigkeit des ersten Bands zurück, obwohl das ganze Personal in winterlicher Landschaft wieder auftaucht. Seinen Charme gewann es durch die Vater-Kind-Idylle und seine lustige Reflexion auf die Entstehung von Mythen. Denn Jahre nach seiner traumatischen Begegnung mit der Maus hat der Grüffelo-Papa sie in der Erinnerung selbst auf Monsterformat aufgeblasen: „Schrecklich stark ist die große, böse Maus/ und schwingt sie den Schwanz, dann ist es aus.“ Das Grüffelokind will sich selbst ein Bild machen, und die Tiere, die es trifft, bestätigen ihm den monströsen Charakter der Maus, die sich vor allem von Grüffelo-Fleisch in allen Darreichungsformen zu ernähren scheint. Und als die Maus dann schließlich auftaucht, scheint sich die Nahrungskette wieder in die andere Richtung zu drehen, doch wieder ist es ein Trick, mit dem die Maus sich rettet.
Donaldson/Scheffler erzählten hier kindgerecht von der Entstehung von Geschichten selbst, von der Kopfgeburt mythischer, titanischer Gestalten. Passend dazu die kindlichen Wandmalereien in der Grüffelohöhle, wo die Geschichte der Killermaus und ihrer mutmaßlichen Opfer bildlich nachgestellt wird.
Im neuen Band wird wieder die Maus zum eigentlichen Protagonisten, nachdem Grüffelo-Vater und (nun explizit) Grüffelo-Tochter auf ihrer Nahrungsbeschaffung für die hungrige Oma von Fuchs, Eule und Schlange jeweils zum nächsten Opfer abgelenkt werden. Wird es also „Fuchsschwanzsuppe“ oder doch eher „Eulenpizza“? Oder bekommt die Oma am Ende „Schlangentorte mit Erdbeersoße“?
Auf der Speisekarte bleibt dann ausgerechnet die Maus übrig, die gefangen wird, während sie gerade einem aufmerksamen Publikum von Eichhörnchen, Hasen und Vögeln von ihren vergangenen Heldentaten erzählt. Sie ist zum Barden geworden, und wird dann in Gefangenschaft und im Angesicht des Kochtopfs endgültig zum Geschichtenerzähler.
Donaldson bedient sich hier des bewährten Vorbilds aus Tausendundeiner Nacht: Während die Grüffelos schon die Gemüsebrühe zubereiten, in der die Maus dann köcheln soll, erkauft sie sich mit dem Erzählen von Märchen einen Aufschub. Sie ist die Scheherazade, die ihre Erzählung spätabends stets dann abbricht, wenn sie am spannendsten ist: „Und dann? Und dann?“ – „Ha, dann wird’s erst heiter. Doch jetzt seid ihr müde. Morgen geht’s weiter.“ Und am nächsten Tag dann das gleiche Spiel. Die Grüffelos suchen derweil weiter Gemüsezutaten und die Suppe wird immer reichhaltiger. Allerdings bleibt sie fleischlos, weil die Maus irgendwann die Stäbe durchgebissen hat und flieht. Auch hier also eine echte Todesdrohung, ein bisschen wie bei „Hänsel und Gretel“, die die Hexe hinter Gittern mästet.
Es ist eine schöne Pointe für ein solches Alterswerk – Julia Donaldson ist heute 78 –, dass die Geschichten der Maus andere Klassiker der beiden Autoren wiedergeben: der Hexenritt aus „Für Hund und Katz ist auch noch Platz“, das Äffchen aus „Wo ist Mama?“ und vor allem die großartige Weltreise aus „Die Schnecke und der Buckelwal“. „Stockmann“ aus dem gleichnamigen Buch ist sowieso ständig präsent als Lieblingsspielzeug der Grüffelo-Tochter. Ein Best-of von Donaldson/Scheffler, so viel Eigenwerbung muss erlaubt sein. Mir fehlt da nur noch die geniale „Vogelscheuchenhochzeit“.
Grüffelo-Oma, wie die ersten beiden Bände toll übersetzt von Monika Osberghaus, ist eine einzige Feier des Geschichtenerzählens. Und als die Grüffelo-Oma dann endlich angekommen ist, hat sie Papier und Stift als Geschenk dabei, um ihrer Enkelin Lesen und Schreiben beizubringen. Schrecklich hungrig ist die Großmutter allerdings tatsächlich. Das kann ja heiter werden. Aber wie die Geschichte mit der Suppe ausgeht, das sei erst morgen gespoilert.
Axel Scheffler, Julia Donaldson: „Die Grüffelo-Oma“. Aus dem Englischen von Monika Osberghaus. Beltz & Gelberg, 38 Seiten, 16 Euro.
Axel Scheffler, Julia Donaldson: „Die Grüffelo-Oma“. Aus dem Englischen von Monika Osberghaus. Beltz & Gelberg, 38 Seiten, 16 Euro.