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Kiew – Inmitten der eskalierenden russischen Luftangriffe sagt der frühere ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba seinem Land einen Winter voraus, der alle vorherigen Kriegswinter in den Schatten stellen werde. Auch an Europa und Deutschland richtet er eine alarmierende Warnung: Eine Friedenslösung mit Wladimir Putin sei nicht möglich – er werde sie in den Krieg hineinziehen!

Im Gespräch mit Paul Ronzheimer erklärte Kuleba, weshalb Moskau seine Luftangriffe nun massiv ausgeweitet habe: „Die Bombardierung der Städte ist eine direkte Folge davon, dass Russland daran gescheitert ist, die Ukraine auf dem Schlachtfeld zu besiegen.“ Und weiter: „Das Hauptziel der russischen Drohnen und Raketen ist der Widerstandswille der Ukrainer – aber auch der Wille der Freunde der Ukraine im Ausland, sie weiterhin zu unterstützen.“

Als schlimmsten Fall bezeichnete Kuleba einen „Zusammenbruch der Versorgungssysteme, die das Leben in einer Großstadt ermöglichen“, etwa die Strom- und Wasserversorgung sowie die Abflusssysteme.

„Sie wollen nicht nur dafür sorgen, dass in der Ukraine das Licht ausgeht“

In den russischen Angriffen sieht er eine neue Qualität – einen „entscheidenden Unterschied“ zwischen dem letzten und kommenden Winter. „Vor einem Jahr hat Russland vor allem die Energieinfrastruktur angegriffen, um in der gesamten Ukraine Stromausfälle herbeizuführen“, so Kuleba im RONZHEIMER-Podcast. Nun stünden auch Medikamenten- und Lebensmittellager im Visier. „Sie wollen nicht einfach nur dafür sorgen, dass in der Ukraine das Licht ausgeht. Sie wollen das Land lahmlegen.“

Kann das Russland gelingen? „Ich glaube, die Ukraine ist zu groß, zu beweglich und zu anpassungsfähig. Deshalb denke ich, dass wir diesen Winter überstehen werden. Aber der Preis dafür wird sehr viel höher sein als im vergangenen Jahr.“

Kulebas Lagebeurteilung unterscheidet sich in einem zentralen Punkt von den polit-medialen Debatten im Westen: Er glaubt nicht daran, dass der russische Diktator dazu gebracht werden könne, den Krieg zu beenden. „Die eigentliche Frage, die wir uns in Kiew und in den anderen europäischen Hauptstädten stellen sollten, lautet: Was können und sollten wir tun, um Putin zu überleben?“

„Ich weiß, dass das in deutschen Ohren schmerzhaft klingt“

Der Ausschluss aller Friedenspolitiker aus dem russischen Parlament, die Erhöhung der Militärausgaben sowie die Unterstützung des Kriegskurses in der Bevölkerung führten ihn zu dem Schluss. Das Fazit des früheren Ukraine-Außenministers: „So traurig es für mich ist, das einzugestehen: Ich glaube, wir alle müssen der Realität nüchtern ins Auge sehen und akzeptieren, dass Putin weder nach einer Lösung noch nach einer Unterbrechung des Krieges sucht. Und es wird auch keinen Zeitpunkt geben, an dem er damit anfängt. Ich weiß, dass das in deutschen Ohren schmerzhaft klingt. Aber glauben Sie mir: Für ukrainische Ohren klingt es noch viel schlimmer.“

Dmytro Kuleba warnt Europa davor, Russland weiterhin zu unterschätzen: „Ich sehe auch, wie in Russland die antieuropäische Hysterie immer weiter angeheizt wird. Ich interpretiere das als Vorbereitung auf einen größeren Konflikt mit dem übrigen Europa.“

„Nein, wir müssen euch gar nicht hineinziehen“

„Ja, natürlich könnt ihr mich für einen traumatisierten, voreingenommenen Ukrainer halten, der die Deutschen in seinen Krieg gegen Russland hineinziehen will“, erklärte Kuleba bei RONZHEIMER. „Aber nein, wir müssen euch gar nicht hineinziehen. Putin wird euch in einen Krieg hineinziehen.“

Der frühere Diplomat glaubt, dass die Europäer einem Missverständnis über Putin aufsitzen. „Die politische Kultur Europas beruht auf dem Win-Win-Ansatz“, dass beide Seiten profitieren könnten. Ganz anders sei es bei Putin: „Für ihn ist eine Lösung, von der beide Seiten profitieren, nicht die beste Option. Für ihn funktioniert die Welt nach dem Prinzip von Sieg und Niederlage. Einer muss gewinnen und einer muss verlieren.“