Berlin – Kurz vor dem Nato-Gipfel in Ankara ist die Stimmung im Bündnis angespannt. Die Sorge ist groß, dass es nach der jüngsten Kritik von US-Präsident Donald Trump (80) an den europäischen Nato-Partnern erneut zu einem öffentlichen Disput kommen könnte. Als langjähriger Generalsekretär der Nato (2014–2024) hat Jens Stoltenberg die Allianz selbst durch einige Krisen gesteuert. Im Interview mit WELT (gehört wie BILD zum Axel Springer Global Reporters Network) mahnt er kurz vor dem Gipfeltreffen zu Einigkeit – und sendet eine freundliche Erinnerung in Richtung Washington, dass die Verteidigungsallianz auch entscheidend zur amerikanischen Sicherheit beitrage.
Es gebe zwar „ernsthafte Meinungsverschiedenheiten“ zwischen den Nato-Partnern, wie etwa den Streit um Grönland. Dennoch ist Stoltenberg zuversichtlich, dass die Nato „eine starke transatlantische Allianz“ bleiben könne. Denn das liege auch im Interesse der Vereinigten Staaten. „Die Verteidigung der USA beginnt an der europäisch-russischen Grenze.“ Norwegen etwa teile eine Landgrenze mit Russland und überwache zentral, wie sich russische U-Boote bewegen.
Europa muss mehr investieren
Zudem wies er deutlich auf die gestiegenen Verteidigungsausgaben der Europäer hin. „Immer mehr Verbündete erreichen nun das Nato-Ziel, 3,5 Prozent des BIP für Kernaufgaben der Verteidigung auszugeben“, sagte Stoltenberg, der inzwischen norwegischer Finanzminister ist.
Trump fordere zu Recht, dass die Lasten im Bündnis neu verteilt werden, findet Stoltenberg. „Das Wichtigste, was Europa tun kann, um das transatlantische Bündnis aufrechtzuerhalten und das Engagement der USA auch unter Präsident Trump zu sichern, ist, mehr zu investieren“, sagte er. Sollten sich die USA in Zukunft dennoch zurückziehen, seien eigene europäische Verteidigungsfähigkeiten umso wichtiger.
Stoltenberg fordert „maximale Unterstützung“
Außerdem forderte Stoltenberg für den Nato-Gipfel ein klares Signal in Richtung der Ukraine. „Je mehr Unterstützung wir der Ukraine gewähren, desto eher kann dieser Krieg enden – und desto wahrscheinlicher ist es, dass er so endet, dass die Ukraine als unabhängige, demokratische Nation in Europa bestehen bleibt.“
Die Vollinvasion der Ukraine sei ein „strategischer Fehlschlag“ für Moskau, so der Ex-Nato-Chef weiter. „Putin hat also keines seiner strategischen Ziele erreicht, obwohl Russland einen großen Preis zahlt.“ Nun gehe es darum, „maximale Unterstützung“ für die Ukraine zu mobilisieren, um vor Verhandlungen eine möglichst starke Position zu haben. „Ich glaube nicht, dass wir Putin umstimmen können“, sagte Stoltenberg. „Aber ich glaube, dass wir seine Kalkulation ändern können.“