England ist Frankreichs erfolgreichste Ex-Kolonie
Nationalen Selbsthass gibt es auch in Frankreich. Ein Französischlehrer ließ sich mir gegenüber einmal voller Scham darüber aus, dass es keine erfolgreiche ehemalige französische Kolonie gebe, während viele englische Ex-Kolonien florierten. Daraus zog er ungute Schlüsse über die Kultur, die sein eigenes Land den neuen Staaten aufgeprägt habe.
Weil er jung und links war, verkniff ich mir, ihn auf das Offensichtliche hinzuweisen: Französische Ex-Kolonien liegen häufig in Afrika, und dort gibt es fast nirgendwo Länder, die florieren. Dagegen hätte er in Asien sehen können, dass sich auch die französische Ex-Kolonie Vietnam zum industriellen Boom-Tiger entwickelt hat – und das nach endlosen, verheerenden Kriegen. Offenbar sind die Ex-Kolonialherren nicht immer so bestimmend für den Kurs eines Landes, wie der junge Lehrer und die postkoloniale Theorie glauben.
Es gibt darüber hinaus eine supererfolgreiche französische Ex-Kolonie, der es nur gelungen ist, ihren ehemaligen kolonialen Status vergessen zu lassen. Die Rede ist von England.
Wenn in dieser Woche der Teppich von Bayeux als französische Leihgabe in England angekommen ist, alle Vorverkaufsrekorde für Museumseintrittskarten bricht und das 70 Meter lange Textilkunstwerk ab September 2026 zum ersten Mal nach 1000 Jahren öffentlich auf der britischen Insel gezeigt wird, könnte das helfen, wieder ins Bewusstsein zu bringen, dass England jahrhundertelang das Objekt kolonialer Herrschaft und Ausbeutung durch eine französisch sprechende Elite war.
Wilhelm der Eroberer und seine Gefolgsleute, die nach der Schlacht von Hastings das Land in Besitz nahmen, waren französierte Normannen oder Franzosen. Der neue König, der sich selbst Guillaume nannte, verteilte das Land als Beute an seine Mitstreiter, die dann über Untertanen herrschten, deren Sprache sie nicht sprachen. Die Legende von Robin Hood ist die Geschichte eines Kämpfers gegen staatliche Zwangsabgaben, die fremde Unterdrücker mit französischen Namen von den kolonisierten Angelsachsen verlangten. Und König „Richard Cœur de Lion“ war nur der gute, weniger fiese Kolonialherr.
Der Kampf zwischen Richards Bruder und Nachfolger „Jean Sans-Terre“ und seinen Baronen (die einen französischen Königssohn als neuen König wollten), der zur Magna Carta führte, war nur ein Konflikt innerhalb der kolonialen Kaste. Bis 1399 herrschte in England ein Königshaus mit dem französischen Namen Plantagenet. Seine Seitenlinien Lancaster und York stellten noch bis 1485 die Könige. Wenn die Engländer im Hundertjährigen Krieg um Land und Krone jenseits des Kanals kämpften, dann weil sie sich immer noch als halbe Franzosen sahen.
Das alles ist in Vergessenheit geraten, weil England – im Gegensatz zu vielen anderen Ex-Kolonien – nicht mehr die Sprache seiner Kolonialherren spricht. Oder doch? 2024 provozierte der Linguist Bernard Cerquiglini mit dem Buchtitel: „Die englische Sprache existiert nicht. Das ist nur schlecht ausgesprochenes Französisch.“
Richtig daran ist, dass Englisch außergewöhnlich viele Wörter aus dem Französischen übernommen hat und man sich über gehobene Themen nur unterhalten kann, wenn man Begriffe gebraucht, die aus dem Französischen oder unter französischem Einfluss aus dem Lateinischen entlehnt wurden. Surprise, surprise. Oder wie die Franzosen mit besserer Aussprache sagen würden: Surprise, surprise.