Emil rennt
Vielleicht sollten notorische Hasser der deutschen Hauptstadt an dieser Stelle schon mal gewarnt werden. Es wird Berlin im Folgenden zwar mal ein bisschen gezaust, was die Stadt natürlich durchaus verdient hat. Aber eigentlich wird es eine Hymne auf den Moloch an der Spree werden. Auf das Bunte, das Laute, das Diverse, das Lebendige, das Wunderbare an der – jetzt können mich die Hamburger, Münchner und Kölner verprügeln – wahrscheinlich einzigen deutschen Metropole.
Das ließ sich, da muss man David Dietl sehr in Schutz nehmen, den Erzmünchner, der Erich Kästners 1929 erschienenen Kinderkrimiklassiker „Emil und die Detektive“ jetzt für eine neue Generation junger Kinogänger oder Filmstreamer erzählt hat, gar nicht verhindern. Das, also eine Hymne auf Berlin, war die Geschichte des Emil Tischbein schon immer.
Die Erzählung vom Jungen aus Neustadt in der mitteldeutschen Provinz, der in der großen Stadt mit einer immer größer werdenden Rasselbande von Kindern Max Grundeis, den Mann mit dem steifen Hut, dingfest machen will, der ihm in der Bahn das mühevoll ersparte und seiner Oma zugedachte Geld seiner Mutter geklaut hat. Eine Odyssee durch die unterschiedlichen Soziotope einer Stadt, die 1929 nicht weniger im Aufbruch und im politischen Umbruch war als heute (und wie sie es wahrscheinlich immer war und sein wird). Die Heldenreise ins Zentrum der jeweils gerade gegenwärtigen Gesellschaft.
Die Geschichte einer jugendlichen Selbstermächtigung in einer Welt mehr oder weniger unglücklicher, hilfloser Erwachsener ist es natürlich auch. Und ein Loblied auf das, was in der Hauptstadt gerade ganz besonders flöten geht: das Einander über alle Unterschiede hinweg annehmen und die Solidarität, mit der man das Böse klein mit Hut kriegt.
Das Neustadt des Jahres 2026 heißt Bernburg an der Saale. Das liegt in Sachsen-Anhalt. Emil lebt da mit seiner Mutter. Die hat einen eher unterdurchschnittlich florierenden Friseurladen. Der Vater war Flugbegleiter, jetzt ist er tot. Emil sitzt gern vor einem Flugsimulator. Raus geht er ungern. Er hat ein klappriges Rad und kein Smartphone, was Kinder heute auch in der Provinz sehr einsam macht. Dass er gern zur Oma nach Berlin flieht, hat nichts mit Politik zu tun (die spielt im ganzen Film zum Glück gar keine Rolle), sondern mit einer schiefgegangenen Mutprobe, der sich der unscheinbare Rand-Nerd unterzogen hat. Er glaubt die Polizei auf seinen Fersen.
David Dietl und Antonia Scheurlen, der er das fabelhafte Drehbuch verdankt, tun ansonsten, was man im Fall von „Emil und die Detektive“ immer tun sollte – sie vertrauen der alten Geschichte und lassen ihr in neuen Kleidern und auf neuen Wegen ihren Lauf. Balancieren präzise auf dem dünnen Seil zwischen Realismus und Überdrehtheit.
Dass Emils Detektive, die er unterwegs durch Berlin einsammelt, wie der Esel seine Stadtmusikanten auf dem Weg nach Bremen, so divers, multiethnisch und unterschiedlich sozialisiert sind wie noch nie, verdankt sich keiner linksgrünversifften Kinopädagogik, sondern ist Widerspiegelung der Stadt, durch die Emil, der Held, der wie jeder andere Held von den andern gespielt wird, gespült wird. Alles andere wäre gelogen. Und Scheurlen und Dietl machen beinahe alle Fehler nicht, die sozusagen nachdiversifizierte Klassikerverfilmungen gern machen. Sie nutzen Gustav, der Gustav heißt, weil seinen türkischen Namen alle falsch aussprechen, und den androgynen kleinen Dienstag und Anh, Emils vielstimmige vietnamesische Mitdetektivin, nicht als Plakate: Ihre Geschichten liefern Farben, Untertöne, Reibungen, sind die Motoren, die Dietls „Emil“ erst lebendig machen.
Dass das so ist, dass diese Geschichten so vibrieren, liegt aber auch an dem Sextett, das sie spielen. An Lara Toni Lüdders als Pony Hütchen, Kilian Kasa als Gustav mit dem Megafon statt einer Hupe, Bela Louis Plass als Dienstag, Ai Vy Bui als Anh, Camille Moltzen als Jason, der Kraftbolzen, und am Emil von Nicholas Jonah Peter. Sie alle lässt Antonia Scheurlen in einem bemerkenswert ungekünstelten, nie ans angepeilte Publikum anbiedernden Kinderton reden und diskutieren.
„Berlin, du bist so wunderbar“
So rennen sie kreuz und quer durch die Stadt. Durchs 4blockige Neukölln, durchs schrille Dong-Xuan-Center in Lichtenberg, durch hippe Bars, in denen man ohne Englischkenntnisse verdurstet, an Druffis und Hipstern vorbei. Grundeis immer auf den Fersen. Der zieht nicht nur Emil, den er im ICE mit K.‑o.‑Gummibärchen schachmatt setzt, das Geld aus der Tasche. Er hat auch Großes vor auf dem Berliner Immobilienmarkt. Merlin Sandmeyer gibt den Fiesling mit Lust und einer herrlich abgefeimten Mischung aus Schmierig- und Boshaftigkeit.
Ein bisschen weniger Touristinfo-Ästhetik hätte es auch getan, und des „Berlin, du bist so wunderbar“-Bierwerbungssongs hätte es nicht bedurft. Vielleicht hätte es Dietl auch einfach mal regnen lassen sollen über seine durchsonnte Hauptstadt. Aber man will ja nicht meckern. Nicht mal als inzwischen assimilierter Spreeathener.