TTS-Player überspringenArtikel weiterlesen

Braunschweig (Niedersachsen) – Fast zwei Jahre saßen die Eltern von Josephine R. (damals 25) unschuldig hinter Gittern: Das eigene Kind hatte ihnen Missbrauch vorgeworfen, angeblich hatten sie die Tochter wie eine Sklavin gehalten. Doch: Nichts davon stimmte! Lange hatten alle nur dem vermeintlichen Opfer Josephine R. und ihrer einstigen Freundin Miriam A. geglaubt. Jetzt geht das Justiz-Drama weiter: Die 32-jährige Bekannte ist jetzt angeklagt. Denn auch ihre Lügen sollen Josephines Eltern, Ramona (damals 53) und Thorsten R. (damals 56), ins Gefängnis gebracht haben.

Die Angeklagte Miriam A. aus Salzgitter in Niedersachsen steht seit Montag vor dem Amtsgericht Braunschweig. Der Vorwurf: schwere Freiheitsberaubung mit falscher Verdächtigung und uneidliche Falschaussage. Zu Beginn des Prozesses verlas A.s Anwalt eine Erklärung seiner Mandantin: Die von ihr geschilderten massiven sexuellen Übergriffe habe es nicht gegeben. „Was ich über sie gesagt habe, war falsch“, sagte die 32‑Jährige zu den beiden zu Unrecht Verurteilten. Ramona und Thorsten R. saßen als Nebenkläger im Saal.

Eltern saßen 684 Tage unschuldig in Haft

Der Fall erschütterte 2023 Deutschland: Die Tochter hatte vor dem Landgericht Braunschweig behauptet, über Jahre von ihren Eltern sadistisch gequält und für Sex-Orgien verkauft worden zu sein. Blutergüsse und Hautritzungen, unter anderem mit dem Wort „Hure“ auf der Stirn, belegten angeblich ihre Behauptungen – und die damaligen Aussagen der einstigen Freundin von Josephine R. Das Urteil: Thorsten R. bekam 9,5 Jahre Freiheitsstrafe, Mutter Ramona 13,5 Jahre mit anschließender Sicherungsverwahrung.

Freundin stützte die Lügen der Tochter

Doch der Fall nahm eine spektakuläre Wendung. Je tiefer Ermittler und Gerichte in den Fall einstiegen, desto größer wurden die Zweifel an den Aussagen von Josephine R. und ihrem Umfeld. Die Urteile gegen Ramona und Thorsten R. wurden später aufgehoben, die Eltern rechtskräftig freigesprochen. Nun steht die Miriam A., die die Vorwürfe der Tochter damals gestützt hatte, im Mittelpunkt des aktuellen Prozesses. Die Staatsanwaltschaft wirft der früheren Freundin vor, durch Falschaussagen dazu beigetragen zu haben, dass die Eltern von Josephine R. insgesamt 684 Tage unschuldig hinter Gittern saßen.

Angeklagte stand selbst im Fokus der Vorwürfe

Bizarr: Die jetzige Angeklagte war ursprünglich selbst Ziel von Vorwürfen von Josephine R. Miriam A. legte damals sogar ein Geständnis zu angeblichen Gewalt- und Missbrauchstaten an Josephine R. ab und wurde deshalb 2022 zu sechs Jahren und fünf Monaten Haft verurteilt. Dieses Geständnis widerrief sie später. Warum sie die Falschaussage tätigte, ist unklar.

Als das Verfahren neu aufgerollt wurde, kam Miriam A. aus der Haft frei und muss sich nun wieder verantworten. Die beiden Frauen hatten sich 2020 während eines Klinikaufenthalts kennengelernt. Noch am Montagnachmittag soll das Urteil gegen Miriam A. fallen.