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Eine Minute und 45 Sekunden, die Lust auf den Sommer und das Leben machen

· Culture

Zur Definition eines echten Klassikers gehört auch, dass es davon mindestens zwei Versionen gibt, weil sein Schöpfer ihn immer weiter verbessern wollte – oft über Jahrzehnte hinweg. Goethes „Faust“, Gottfried Kellers „Der Grüne Heinrich“ oder Bertolt Brechts „Baal“ sind nur die berühmtesten Beispiele. Der signifikante Unterschied zu den zwei Fassungen von „Here Comes the Summer“, die die Band The Undertones aufnahm, besteht allerdings darin, dass bei ihnen zwischen der ersten und der zweiten Version nur zwei Monate lagen. Die erste erschien am 13. Mai 1979 auf dem Debütalbum der Band aus dem nordirischen Derry, die zweite kam am 13. Juli des gleichen Jahres als Single heraus.

Anders als bei den Literaturklassikern, deren Zweitfassungen meist länger und aufgeblähter sind, war die „Here Comes the Summer“-Single kürzer: Mit einer Minute und 45 Sekunden ist es der kürzeste Hit einer Band, die ohnehin nicht zur epischen Auswalzung ihrer Ideen neigte. Dazu bestand auch keine Notwendigkeit: Ihr Hauptliederschreiber John O’Neill schüttelte seine Kompositionen einige Jahre lang lässig aus dem Ärmel. Die markante Tenorstimme des Sängers Feargal Sharkey sorgte dann dafür, dass Pathos und Lebenslust in diesen musikalischen Teenagerdramen bei aller Rasanz nicht vom Fahrtwind weggeweht wurden.

Es ging um alles, was Jungs damals bewegte: Kicks, streberhafte Cousins, die einen sogar beim Subbuteo-Tischfußball schlagen, den Sommer und natürlich auch die rätselhaften, furchteinflößenden Wesen auf der anderen Seite des Geschlechterspektrums: „More Songs about Chocolate and Girls“ heißt programmatisch das Lied, mit dem die Undertones 1980 ihre zweite Langspielplatte „Hypnotised“ eröffneten.

Die Neigung zur Kürze war zeittypisch – die Undertones werden der zweiten Welle des Punks zugerechnet –, aber auch einem konkreten Vorbild geschuldet: „Here Comes the Summer“ ist erklärtermaßen von den Ramones inspiriert, jener anderen Band der späten Siebzigerjahre, die berauschende Melodien und geistvolle Texte hinter vermeintlich achtlos heruntergeschrubbten Gitarrenakkorden tarnte. Es ist der gelungene Versuch O’Neills, etwas zu schaffen, das „Rockaway Beach“ der Ramones gleichkommt. Und beide Lieder wiederum können den größten Meistern der Sommerverherrlichung, den Beach Boys, das Strandwasser reichen.

Die Undertones haben nie Stadien gefüllt oder gleichzeitig die Charts in 50 Ländern angeführt. Ihr Auftritt im „Rockpalast“ 1981 war eher enttäuschend. Massenhypnotiseure waren sie nicht. Aber sie waren ein prototypischer Vertreter des für die Rockgeschichte so wichtigen Phänomens „große kleine Band“. Mit Liedern wie „Here Comes the Summer“ oder „Teenage Kicks“ haben sie Millionen von verunsicherten Jungs Lust auf das Leben gemacht, das im doppelten Sinne vor ihnen lag – draußen vor dem Fenster ebenso wie in der Zukunft ihres Erdendaseins. Welcher Popmusiker in der depressiven Gegenwart kann das von sich behaupten?