Eine Leiche in Le Havre – und das Geheimnis eines ganzen Lebens
Es gibt sie noch, die richtigen Romane. Nicht alle französischen Schriftstellerinnen schreiben Autofiktion – die überlässt die 1967 geborene Maylis de Kerangal getrost ihrer älteren Kollegin Annie Ernaux. Dabei beschäftigt sich die Jüngere durchaus auch mit sich selbst in ihrem jüngsten Roman „Brandung“.
Desgleichen mit ihrem Geburtsort, der im September 1944 von alliierten Bombenangriffen plattgemachten Seefahrerstadt Le Havre. Nur buchstabiert die Tochter und Enkelin von Kapitänen, die in Frankreich zu den meistbeachteten Gegenwartsautorinnen gehört, nicht einfach schematisch die Stationen ihres Lebenslaufes nach. Sie erfindet für die Selbsterforschung eine pralle, manchmal sogar zu detailliert dokumentierte spannende Geschichte.
Erhält also eines Nachmittages eine als Synchronsprecherin arbeitende Pariserin, glücklich verheiratet und Mutter einer 19-jährigen Tochter, plötzlich einen Anruf aus Le Havre. Ein Kriminalbeamter möchte sie „in einer Angelegenheit sprechen, die Sie betrifft“. Die Angelegenheit ist eine Leiche. Der unbekannte Tote wurde morgens an der Nordmole gefunden. Er hatte nichts weiter bei sich als eine Kinokarte, auf der jene Telefonnummer stand, die der Mann von der Polizeistation gerade angewählt hat.
Die Ich-Erzählerin wankt. Sie gerät aus der Bahn. Unterstes, Vergessenes wird nach oben gespült – maritime Metaphern bestimmen von nun an den Gang der Handlung. Denn natürlich macht sich die 50-Jährige sehr früh am nächsten Morgen auf den Weg in jene graue Stadt am Meer, in der sie ihre Kindheit und Jugend verbrachte, einschließlich erster Liebesfreud’ samt Liebesleid. Es werden ihr Fotos von dem Toten gezeigt. Sie kann ihn nicht identifizieren. Aber er sagt ihr etwas. Er sagt ihr viel.
Vor allem erinnert er die Frau an die Besonderheiten von Le Havre. Heute ist die Stadt das Einfallstor für den internationalen Drogenhandel. In ihrer Kindheit war Le Havre hauptsächlich die Stadt gewesen, die ihre älteren Bewohner noch als „vollkommen formloses Gebilde“ erlebt hatten. Als einen Ort, an dem man vom Bahnhof aus das Meer sehen konnte, weil kein Haus mehr stand. Jetzt war alles einer neuen Stadt gewichen, gebaut „aus Sichtbeton und Licht“, dazu einen Meter höher gelegen als die alte, denn die neue Unterlage bestand aus den Sedimenten von Schutt aller Art, zu dem auch „menschliche Dinge und Menschenstücke“ gehörten.
War der Tote ihr erster Liebhaber?
Das und vieles mehr kommt der Ich-Erzählerin zu Bewusstsein, als sie sich nach dem Termin auf der Polizeistation durch die Stadt treiben lässt. Und auf einmal keimt in ihr ein verstörender Verdacht: Könnte der Tote nicht ihr erster Liebhaber gewesen sein, damals auf der Seefahrerschule, schon auf dem Sprung zu einer weiten Fahrt, von der er niemals wiederkehren sollte? Sie will jetzt die Leiche sehen. Sie fährt mit dem Kriminalbeamten ins Leichenschauhaus. Sie inspiziert den toten Körper des Gleichaltrigen. Nur eines tut sie dann eben doch nicht: Sie überprüft nicht, ob der Mann jene drei Muttermale in der Armbeuge hat, die das besondere Kennzeichen des jungen Seefahrerschülers gewesen waren, wie ihr nun mit einem Schlag wieder einfällt.
Mit diesem folgenschweren Entschluss endet die Geschichte. Er will uns Lesern etwas sagen, er kündet vielleicht sogar von einem typisch weiblichen Umgang mit der eigenen Vergangenheit. Einem Umgang, diametral entgegengesetzt zu dem des französischen Literaturnobelpreisträgers Patrick Modiano, den die Autorin nicht von ungefähr hier auch erwähnt.
Wo Modiano in seinen erinnerungstrunkenen Romanen die Vergangenheit in die Gegenwart hineinholen möchte, wo er betonen will, dass Vergangenes nie vergangen ist, lässt Maylis de Kerangals Ich-Erzählerin am Ende die Vergangenheit und den Toten ruhen. Mit anderen Worten: Sie macht den Gegen-Modiano. Sie, eine Frau, entscheidet sich für die Gegenwart. Für das Leben. Für Mann und Kind. Zu denen sie nun zuverlässig heimkehrt.
Maylis de Kerangal: Brandung. Aus dem Französischen von Andrea Spingler. Suhrkamp, 238 Seiten, 25 Euro