TTS-Player überspringenArtikel weiterlesen

Es gibt Politiker, die betreten einen Raum und suchen sofort die Kamera. Felor Badenberg gehört nicht zu ihnen. Sie ist eher jemand, der Räume scannt: Wer redet nur? Wer weiß wirklich etwas? Wo liegt das Risiko? Wo die Lücke im System?

Sie könnte die Antwort sein auf einen glücklosen Regierenden Bürgermeister, dem in einer Stadt, die jeden Tag nach Führung schreit, zunehmend die Kontrolle entglitt. Kai Wegner wollte Berlin ordnen. Am Ende kämpft er um seine eigene Glaubwürdigkeit. Überall kursiert das Video von WELT.TV, in dem er in die Kamera flunkert über sein Engagement während des schlimmen Stromausfalls in Berlin. Die CDU liegt nach aktuellen Berichten nur noch um die 17 Prozent, die Junge Union forderte seinen Rückzug, die SPD wollte mit ihm nach der Wahl nicht mehr koalieren.

Jetzt tritt er als CDU-Spitzenkandidat zur Berlin-Wahl zurück, bleibt aber bis dahin im Amt. Heute Abend will die Partei beraten, wer ihn beerbt. Nach BILD-Informationen geht es um zwei Männer: Stefan Evers, derzeit Finanzsenator, Dirk Stettner, CDU-Fraktionschef.

Mir fehlt da ein Name: eben Felor Badenberg, Justizsenatorin. 50 Jahre alt, geboren in Teheran, als Kind mit ihrer Familie nach Deutschland gekommen, Juristin, promoviert, Verfassungsschützerin, Justizsenatorin. Eine Frau, deren Biografie größer ist als Berliner Parteitagsfloskeln. Sie kennt Krieg nicht aus Sonntagsreden. Sie wuchs im Iran auf; in Deutschland: Schule, Studium der Rechtswissenschaften in Köln, Promotion, zweites Staatsexamen. Kein schneller Aufstieg durch Parteijugend und Hinterzimmer. Sondern durch Akten, Prüfungen, Dienstwege, Verantwortung.

Badenberg ist keine geborene CDU-Politikerin. Sie trat erst 2024 in die Partei ein, als sie längst Berliner Justizsenatorin war. Das macht sie für manche in der Union fremd. Für andere gerade interessant. Denn sie ist nicht aus dem Berliner CDU-Biotop gewachsen, diesem Milieu aus Kreisverbänden, Kiezkönigen, alten Loyalitäten und alten Rechnungen.

Sie kommt aus dem Maschinenraum des wehrhaften Staates. Seit 2006 arbeitete Badenberg beim Bundesamt für Verfassungsschutz, erst in verschiedenen Verwaltungs- und Führungspositionen, später in besonders sensiblen Bereichen. Sie baute die Cyberabwehr mit auf, leitete den Bereich Rechtsextremismus und Terrorabwehr und wurde 2022 die erste Frau in der Amtsleitung des Bundesamtes für Verfassungsschutz.

Das ist nicht nur Lebenslauf, das ist ein politisches Versprechen: Diese Frau weiß, dass Demokratie Institutionen braucht, Regeln, Grenzen. Und sie erkennt Feinde der Freiheit auch dann, wenn sie sich als Opfer verkleiden.

Als Berliner Justizsenatorin hat sie sich besonders den Kampf gegen organisierte Kriminalität vorgenommen: Vermögensabschöpfung, behördenübergreifendes Vorgehen, konsequenter Zugriff auf Strukturen, die sich zu lange darauf verlassen konnten, dass Berlin sich zwar viel empört, aber wenig durchhält.

Berlin ist laut, eitel, chaotisch, verletzlich, aggressiv, müde. Diese Stadt braucht Kontrolle. Und sie braucht Zuwendung. Jemanden, der die Clan-Kriminalität bekämpft, der Extremisten klare Grenzen setzt.

Für mich verkörpert Badenberg etwas, das der CDU in Berlin lange fehlte: Ernst. Kompetenz. Biografische Tiefe. Sie ist kein Produkt der Hauptstadtblase, sondern geradezu eine Zumutung für sie. Sie zwingt Berlin, sich mit Fragen zu beschäftigen, die diese Stadt gern vertagt: Warum funktioniert der Staat nicht? Warum sind Gerichte überlastet? Warum lassen wir kriminelle Strukturen wachsen? Warum verwechselt Politik so oft Haltung mit Handwerk?

In einer Berliner CDU, die sich gerade fragt, ob sie bei der kommenden Wahl überhaupt noch eine Chance hat, ist Badenberg deshalb mehr als eine Personalie.

Ob sie wirklich Kandidatin werden könnte, das ist offen. Politik ist kein Eignungstest. Politik ist Macht, Mehrheit, Timing. Und Berlin ist brutal zu allen, die Ordnung versprechen. Diese Stadt liebt die große Ankündigung und verachtet danach jeden, der an der Wirklichkeit scheitert. Aber vielleicht ist gerade das Badenbergs Moment.

Berlin braucht keinen weiteren gut gelaunten Verwalter des Stillstands. Berlin braucht jemanden, der den Rechtsstaat wieder ernst nimmt. Badenberg ist keine Politikerin zum Knuddeln. Sie ist keine Feelgood-Kandidatin. Sie ist nicht weichgespült, nicht volkstümlich, nicht bequem.

Aber Berlin ist im Moment auch keine Stadt, die sich Bequemlichkeit leisten kann.