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Ein Stern, der fast schon am Verglühen war – und jetzt wieder strahlt

· Culture

Wer sie nicht gehört hat, kennt nicht die Macht des Gesangs – das schrieb Franz Kafka über die Sängerin Josefine, eine Maus. Die Erzählung „Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse“ ist Kafkas letzter Text, wenige Wochen vor seinem Tod mit letzter Kraft geschrieben. Es geht darin nicht um Mäuse, sondern um Menschen, wie man sich denken kann.

Kafkas Erzählung handelt von der Macht der Musik, von einem Gesang, der eigentlich nur das Pfeifen einer Maus ist, aber ein Konzert in etwas Magisches verwandelt. Es geht um eine geheimnisvolle Volksversammlung, eine Kommunion der Seelen. Manche sagen: eine Messe. „Es ist, als tränken wir noch schnell gemeinsam einen Becher des Friedens vor dem Kampf“, schreibt Kafka, und dieser Satz könnte das Geheimnis darüber lüften, warum sich die Pariser Konzerte von Céline Dion zu einem weltweiten Lagerfeuer entwickelt haben, an dem sich Hunderttausende die Seele wärmen.

„Plenitude Arena“ in Nanterre, bei La Défense, eigentlich ein Büroviertel mit Hochhäusern. Hier steht Europas größte Indoor-Konzertlocation mit bis zu 40.000 Plätzen. Gleich wird sich der riesige Betonblock auf der Bühne spalten, in beide Richtungen aufdrehen und aus dem hellen Tunnel wird sie schreiten. Celine Dion. Ein schulterfreies schwarzes Kleid von Dior von Stardesigner Jonathan Anderson, die Hüfte mit einem Panier weit ausgestellt, wie im Rokoko, um den Hals ein Diamant groß wie eine Faust, zehn Karat aus dem Haus Boucheron, 700.000 Euro soll das Collier wert sein.

Dion ist keine Maus, sondern ein Star, im wahrsten Sinne des Wortes, ein Stern, der bereits am Verglühen war und dem es durch eisernen Willen und dank der Disziplin einer Hochleistungssportlerin gelungen ist, trotz ihrer Autoimmunerkrankung wieder zu singen. Es ist das vierte von insgesamt 26 Konzerten ihrer Pariser Residenz, wie man das jetzt nennt. Damit hat sie in Las Vegas den Anfang gemacht, viele Stars tun es ihr heute gleich. Man lässt die Fans anreisen, aus der ganzen Welt, statt mühsame Tourneen auf sich zu nehmen. Das spart den Organisatoren Geld und verschafft den Städten nennenswerte Einkünfte.

26 Konzerte, ausverkauft

Alle Pariser Konzerte waren sofort ausverkauft. Daran haben auch die zehn zusätzlichen Daten im kommenden Mai nichts geändert. Neun Millionen Fans haben sich für Plätze beworben. 900.000, ist es gelungen, einen Platz zu ergattern, jedem Zehnten. Obwohl die Arena 33.000 Sitzplätze hat, dürfen sich die Zuschauer zu den Happy Few zählen. Abend für Abend können sie mit Dion ein Fest der Liebe und der Musik feiern. „Céline, Céline, Céline“, brüllen sie im Chor und verkürzen sich mit La-Ola-Wellen das Warten. Einen Nachnamen hat die Diva bei ihren Fans nicht mehr.

Auch das Konzert an diesem Samstagabend beginnt, wie alle drei zuvor, mit fast einer Stunde Verspätung. Aber was ist schon eine Stunde, wenn man sechs Jahre warten musste? Im März 2020 hat Céline Dion ihr letztes Konzert in Newark in New Jersey gegeben, dann muss sie die Tournee wegen der Pandemie abbrechen. Knapp drei Jahre danach macht sie ihre Erkrankung mit dem Stiff-Person-Syndrom öffentlich. Die seltene Autoimmunkrankheit sorgt für Schmerzen und Muskelkrämpfe. Sie kann sich kaum noch bewegen. Ihre Stimme versagt. Aber Céline wäre nicht Céline, wenn sie nicht kämpfen würde. Sie verspricht ihren Fans die Rückkehr: „Wenn ich nicht rennen kann, werde ich gehen. Wenn ich nicht gehen kann, werde ich kriechen. Aber ich werde nicht aufhören.“

„Céline, Céline, Céline!“

Céline Dion hat Wort gehalten. Sie kriecht nicht, sie stolziert, sie tanzt, auf schwindelerregend hohen Absätzen, sie singt wie einst, einen Tick weniger hoch, sie bewegt sich scheinbar mühelos durch ein buntes Repertoire von Pop, Rock, französischem Chanson, Gospel bis hin zur Oper. „Die Straße war steinig und länger als erwartet, mit vielen Stopps, die nicht eingeplant waren“, sagt sie auf Französisch.

Am ersten Abend musste sie ihr erstes Lied abbrechen. Sie war so ergriffen, dass ihr die Stimme wegbrach. „On ne change pas“, das Lied, das ihr Jean-Jacques Goldman 1998 auf den Leib geschrieben hatte, macht den Auftakt eines fast zweieinhalb Stunden dauernden Konzerts. Und im Augenblick ihrer Wiedergeburt ist Dion wieder das kleine Mädchen aus der kanadischen Provinzstadt Charlemagne im französischsprachigen Québec, „mager“ und „unsicher“, „unattraktiv und einsam“, wie es im Text heißt. Man verändert sich nicht, man wechselt nur die Kostüme, singt sie. Tränen fließen immer noch. Immer wieder muss sie über ihr Gesicht wischen, immer wieder ballt sie die Hand zur Faust, wenn die hohen Noten sitzen, jubelt wie eine Olympiasiegerin, die nach vielen Knochenbrüchen alle Rekorde bricht und stolz ihr Comeback feiert.

Die Renaissance von Céline Dion, die als Hochfest des Kitsches hätte inszeniert werden können, ist von einer verstörenden, spartanischen Zurückhaltung. Die Bühne bleibt beherrscht von Beton, eine Mischung aus Stonehenge, Le Corbusier und dem Dekor des Films „The Brutalist“. Ihre wechselnden, fantastischen Kostüme sind allesamt schwarz, höchstens silbergrau. Der Kanadier Willo Perron, der auch die Konzerte von Rihanna und Beyoncé in Szene setzt, hat die Bühne offenbar bewusst in eine Art moderne Höhle verwandelt, damit das Feuer ihrer Stimme umso größer und heller lodert. Doch zuweilen wirkt es, als fände das Konzert vor der Erfindung des Farbfernsehens statt.

Dann kommt die Callas. Über dem durch und durch mit bronzefarbenen Perlen bestickten Kleid trägt Céline ein Cape aus rosafarbenen Straußenfedern, aufgesetzt auf „shredded Organza“, wie das Haus Givenchy erklärt. Erhöht wie auf einer Klippe stehend, stimmt sie die Arie aus dem ersten Akt der „Wally“ an, unlösbar verknüpft mit der Stimme der Maria Callas. „Ebben! Ne andrò lontano“. „Nun gut, so geht sie dahin“, Céline Dion, „so weit der Klang der Glocken reicht, bis hin zum weißen Schnee, bis zu den goldenen Wolken. Dorthin, wo man die Hoffnung beweint, bis dorthin, wo man den Schmerz beweint.“ Wer bis dahin im Publikum nicht auch das Taschentuch rausgeholt hat, dem ist nicht mehr zu helfen. Ein Strauß roter Rosen bildet mit dem rosa Federcape den einzigen Farbtupfer des Abends.

Frankreichs BIP wächst – dank Céline

Ja, Céline Dion kann wieder singen. Sie beweist es mit den Welterfolgen „All by Myself“ und dem unvermeidlichen „My Heart Will Go On“, der Liebeshymne aus dem Film „Titanic“. Aber das musikalisch Überraschendste sind ihre Interpretationen von Donna Summers „I Feel Love“ und die süßen Discoträume der Eurythmics, „Sweet Dreams“, die sie nachsingt, als wären es die eigenen. Deutsche und vor allem amerikanische Fans werden in diesem Paris-Konzert womöglich eine andere Céline Dion entdecken, jenseits ihrer englischsprachigen Welterfolge. Immer wieder stimmt sie ihre französischen Lieder und Balladen an, viele vom Genie Goldman geschrieben, die in Frankreich auf jeder Party gebrüllt und auf jeder Hochzeit mitgesungen werden wie „J’irai où tu iras“. Als würde bei ihr „The Power of Love“ mit der Macht der Musik verschmelzen.

Kitsch? Vielleicht. Aber nur in den Ohren derer, die nicht der „Célinemania“ verfallen sind, wie die französische Zeitung „Le Monde“ diagnostiziert. Ganz Paris, ganz Frankreich hat sich infiziert. Metro-Stationen wurden kurz nach ihr umbenannt, auf den Straßen finden Karaoke-Konzerte derjenigen statt, die keine Karten ergattern konnten. Selbst Macaron-Schachteln gibt es jetzt mit dem Konterfei der Kanadierin. Auf 500 Millionen Euro werden die zusätzlichen Einnahmen für die Stadt Paris geschätzt, wo die Hotelpreise an den Konzertabenden in die Höhe geschossen sind. Frankreichs Bruttoinlandsprodukt könnte, das haben Wirtschaftsexperten berechnet, dank der Konzertreihe um 0,02 bis 0,03 Prozentpunkte wachsen. Merci, Céline.

Hühnersuppe für die Seele

Manche, wie der kanadische Musikkritiker Carl Wilson, halten ihre Musik für schlechten Geschmack. In seinem Buch „A Journey to the End of Taste“ hat er versucht herauszufinden, was die Menschen so begeistert an einer Musik, die seiner Ansicht nach wie die von „Oprah Winfrey genehmigte Hühnersuppe für die Seele“ klingt. Vielleicht liegt es daran, dass sie ein Mauerblümchen war, ein „white-trash child“, das jüngste in einer Familie von 14 Kindern. Man kann sich mit ihr identifizieren. Wenn sie in ihren Liedern ihre eigene Geschichte erzählt, sei sie am glaubwürdigsten, resümiert Wilson. Oder, mit Kafka, ein gemeinsamer Becher des Friedens vor dem Kampf?

„Glaubt an Euch, haltet an Euren Träumen fest“, ruft Céline ihrem Publikum am Ende zu. Sie hat vorgemacht, wie das geht. Sie ist eine Siegerin. Aber fragil, menschlich, so zerbrechlich wie in ihrem Dokumentarfilm „I am: Céline Dion“, in dem sie ungeschminkt über ihre Erkrankung gesprochen hat und das Versprechen gibt, wiederzukommen. Egal wie. Gehend. Kriechend. Oder, wie sie in Paris zeigt, triumphal.