Ein Prosit zum Abschied! Das Münchener Auktionshaus Neumeister schließt
Rudolf Neumeister, ein Autodidakt reinsten Wassers, ausgestattet mit großer Liebe zum alten Kunsthandwerk und zur Malerei des 19. Jahrhunderts, übernahm 1958 das Auktionshaus Adolf Weinmüller. Unter seiner Ägide und unter hingebungsvoller Mitwirkung seiner Frau Christa wurde es binnen kurzer Zeit zum Anlaufpunkt für das bürgerliche und kunstsinnige Münchener Publikum. Nicht zuletzt, weil der Hausherr die Klaviatur der gesellschaftlichen, vor allem bayerischen Gepflogenheiten beherrschte, die Liebe seiner Kunden zur Jagd etwa, und sein – im positiven Sinn – leutseliges Talent vorteilhaft nutzte.
Freilich waren es nicht nur die Kunstfreunde aus München und Umgebung, die die Auktionen sehr genau verfolgten – und kauften. Die Münchener Landschafter, Eduard Schleich d. Ä., Joseph Wenglein, Carl Spitzweg und Johann Georg von Dillis stießen weithin auf Interesse, ihre Werke wurden oft hoch und fünfstellig beboten.
Zum traditionellen und seinerzeit noch sehr gefragten Programm des Auktionshauses Neumeister zählten Barockmöbel und gotische Skulpturen ebenso wie Augsburger Silber, Crailsheimer Fayencen und Porzellan der berühmtesten Manufakturen. Immer wieder konnten bedeutende Sammlungsauflösungen offeriert werden. Die Sammlung Georg Schäfer in Schweinfurt, heute ein Hort mit Höchstleistungen der Malerei und Zeichenkunst des 19. Jahrhunderts, hat vieles in der Münchener Barer Straße erworben. Vergangene Zeiten, das sowieso, denn genau diese Sparten sind heute nicht mehr gefragt. Oder fristen zumindest ein Nischendasein, dessen Kostbarkeiten sich lediglich den kenntnisreichen Spezialisten offenbaren.
2008 zog sich Rudolf Neumeister zurück. Die Tochter Katrin Stoll übernahm die Unternehmensanteile ihrer beiden Schwestern und war nun alleinige Inhaberin des Auktionshauses. 1983 war sie bereits in das Familienunternehmen eingetreten. Sie modernisierte, etablierte die bislang vernachlässigte Sparte mit moderner und zeitgenössischer Kunst, komprimierte die schier ausufernde Auktionsofferte zugunsten einer Fokussierung auf hochwertige Qualität.
Die Entdeckung alter Auktionsprotokolle des Hauses Weinmüller im Keller des Unternehmens war ein Meilenstein in der noch jungen Geschichte der Provenienzforschung. In einem ausgerechnet für den Kunsthandel ungewöhnlich offenen Schritt hat Katrin Stoll die annotierten Auktionsprotokolle der Jahre 1936 bis 1944 mit einem von ihr eigens initiierten Forschungsauftrag zur Aufarbeitung dem Zentralinstitut für Kunstgeschichte übergeben. Binnen eines Jahres waren sie gesichert, digitalisiert, dechiffriert und transkribiert. Sie enthielten mit ihren handschriftlichen Angaben zu Einlieferern und Käufern wertvolle Informationen für anstehende Restitutionsverfahren.
Der radikale und seinerzeit überaus mutige Schritt der Veröffentlichung des Fundes brachte Bewegung in den allerorten sonst arg verklemmten Umgang mit dem Kunsthandelsprozedere der NS-Zeit. Die Signalwirkung war schlicht enorm. Mit einem Mal waren die merkantilen Aspekte des Auktionshandels wenigstens für kurze Zeit in den Hintergrund gerückt. Ein umfangreicher Datensatz stand nun der internationalen Provenienzforschung zur Verfügung. Das Haus Neumeister hat nicht zuletzt mit dieser Ausnahmeleistung Geschichte geschrieben.
Die letzte Auktion ging rund ums Bier
Doch jetzt hat Katrin Stoll entschieden, sich zurückzuziehen. Das Auktionshaus, über Jahrzehnte eine feste Größe im Münchener Kunsthandel, wird geschlossen. Die Kinder von Katrin Stoll haben sich gegen eine Nachfolge entschieden. Die allgemeine Situation des Kunsthandels mit sinkenden Erlösen war wohl ein entscheidender Faktor. Familiäre und private Gründe ließen den Verkauf des Unternehmens nicht zu.
Am 24. Juni 2026 fiel der Hammer ein letztes Mal. Zum Aufruf kam das gewohnte Sortiment mit Gemälden, gepflegtem Kunsthandwerk und Schmuck. Den Auftakt machte eine Münchener Sammlung, so ganz nach Art des Hauses. Die ehemaligen Inhaber der Spatenbrauerei, die Familie Sedlmayr, trennten sich von zweihundert Objekten aus ihrer und der Direktionssammlung Spatenbräu. Naturgemäß ging’s durchweg um Bier. Aufgerufen wurden Gemälde und einschlägiges Kunsthandwerk zum Thema.
26.000 Euro erzielte etwa das Renaissanceporträt des Herzogs Wilhelm IV. von Bayern, der 1516 das Bayerische Reinheitsgebot erließ. Zum Brauen durften fortan nur Gerste, Hopfen und Wasser verwendet werden. Das gilt, mit Einschränkungen, bis heute. Getrunken wurde an Feiertagen und in der bayerischen Oberschicht aus prächtigen Fayencekrügen. Ein herausragendes Exemplar aus der Nürnberger Fayencemanufaktur, ein Walzenkrug aus der Mitte des 18. Jahrhunderts mit Zinndeckel und Montierung, wurde von 1500 Euro auf 4940 Euro gehoben. Die blaue Bemalung auf weiß grundiertem Scherben schildert fromm und zeittypisch den „Sündenfall“.
Der für seine Zeit und die berühmte Manufaktur charakteristische Krug gehörte in den 1930er-Jahren zur umfangreichen und höchst qualitätvollen Fayencesammlung des Nürnberger Unternehmers Igo Levi. Die Sammlung wurde von den Nazis konfisziert, der Sammler floh in die Schweiz und begann nach dem Krieg, die Sammlung wieder aufzubauen. Seine Erben übergaben die kostbaren Fayencen Rudolf Neumeister 1962 zur Versteigerung. Jetzt waren sie Teil des Schlussakkords eines im besten Sinn bürgerlichen Auktionshauses mit für den deutschen und internationalen Kunsthandel unschätzbaren historischen Verdiensten.
Auktionshaus Neumeister, München, der Nachverkauf läuft noch bis zum 16. Juli 2026