Ein Lucky Luke mit Waschzwang
Lucky Luke, so hat es der Comic-Künstler und -Verleger Jean-Christophe Menu einmal geschrieben, „hat eine etwas wackelige Geburt, eine zögerliche Jugend, ein Goldenes Zeitalter und danach eine apokryphe Existenz.“ Das Apokryphe allerdings hat dem einsamen Cowboy selten besser gestanden als im neuen Band 103 von Achdé (Zeichnungen) und Jul (Text), der pünktlich zum 80. Geburtstag von „Lucky Luke“ erscheint. Ein Vierteljahrhundert nach dem Tod von Schöpfer Morris ist es zudem zum ersten Mal ausdrücklich Thema, geht es in der Geschichte doch um allerlei Religiöses, das allerwenigstens zweifelhaft ist – und ebenso oft um Fragen, die in das weite Feld des Meinens fallen.
Der in die Apokalypse verliebte Oldtimer etwa, der Luke gleich zu Anfang über den Weg läuft, ist den Flat-Earthern zuzurechnen, und von da an geht es stracks ins 400-„Seelen“-Städtchen Faith und weiter nach Beliefs Junction. „Wiedertäufer, Lutheraner, Methodisten, Anglikaner, Mormonen, Presbyterianer, Adventisten, Episkopale, Mennoniten, Evangelisten und Pfingstler“ werden wenigstens kursorisch erwähnt, der Wilde Westen lebt schließlich nicht nur von der Weite der Landschaft, sondern auch von der Weite des Glaubens – tatsächlich hat der Laizist Lucky Luke in dieser Welt selten europäischer gewirkt.
Unter die Verrückten ist der Cowboy in den belgischen Nationalfarben noch in jedem seiner Abenteuer gefallen, der einzige Erwachsene unter den wilden Kindern Gottes ist er in dieser Häufung aber zum ersten Mal. Ein Kirchenfenster im Städtchen Faith zeigt Averell Dalton als „Schutzpatron aller geistig Armen“, eine Mega-Church entsteht dort auf dem Felsen des Dollars, und bei den nicht minder glaubensfreudigen Pawnees nebenan geht nicht nur eine Epidemie, sondern auch ein Medizinmann namens „Kleiner Schwurbel“ um.
Yep (wie Lucky Luke sagen würde), Jul und Achdé haben eine Gegenwartssatire verfasst. In Beliefs Junction trifft einmal sogar ein Telegramm ein, in dem „HEUBLIØRBUSKK3COVFEFE“ steht, und zumindest die letzten sieben Buchstaben dieses Salats sind eine trumpsche Prägung; 2017 ist er mal mit diesem Ergebnis beim Twittern ausgerutscht. (Was ist das nur für eine Welt, die so was nicht vergessen kann?)
Dennoch: Wir befinden uns im Jahr 1874 und die ersten drei Telegrammbuchstaben („HEU…“) deuten auch noch darauf hin. Denn 1874 ist in Kansas das Jahr einer (natürlich biblischen) Heuschreckenplage gewesen: In riesigen Schwärmen fielen die Insekten damals über die Felder (und sogar über die Eisenbahn) her, und zumindest zeichnerisch erreicht „Heiliger Lucky!“ mit ihnen seinen Höhepunkt: Die schwarzen Kritzelwolken fügen sich famos in die traditionell reduzierten Panels ein (als Zeichner dachte Morris schließlich am liebsten schwarz-weiß).
Erzählerisch jedoch bleibt die Plage eher Episode; anders als im Goldenen Zeitalter Lucky Lukes, in dem René Goscinny historische Figuren und Ereignisse über die gesamte Albumstrecke verwob, eilt die Satire in „Heiliger Lucky!“ schnell weiter, zur Heiligsprechung des Helden und der Erfindung des „Lukismus“ (die ihm naturgemäß ein Grauen ist) und weiter zu den bereits erwähnten Corona-Indianern. COVFEFE, sogar eine Impfszene gibt es.
Viel lustiger ist allerdings, was Jul und Achdé vielleicht/vielleicht nicht bloß unterlaufen ist, nämlich ein Cowboy, dem dieses fanatische Kansas seine altvertraute Coolness nimmt. Stattdessen zeigen sie einen Lucky Luke in argen Nöten: mal schwitzend und mal ganz grün im Gesicht und angekommen im Zeitalter der Therapie, die ein jedes Problem in eine Diagnose übersetzt. Die Heuschrecken konfrontieren Luke mit seiner Insektenphobie und überhaupt scheint er sich diesen ekligen Wilden Westen ständig abwaschen zu müssen: Selten haben wir ihn so oft nackt und sich schrubbend in einer Badewanne gesehen.
Und? Geht die Sache gut aus? Tja, das wollen derzeit alle wissen. Aber COVFEFE, in Zeiten wie diesen streiten sogar Cowboy und Pferd.
Achdé und Jul: „Heiliger Lucky!“ Egmont, 48 Seiten, 8,99 Euro.