Ein Fall für den Rocker und den Tiefbegabten
Von einer Werbeveranstaltung für Inklusion und die Förderung der Teilhabe von Menschen mit Beeinträchtigungen an der Gesellschaft ist der deutsche Sonntagabendkrimi noch ziemlich weit entfernt. Auch im 57. Jahr seiner Geschichte. Am Rand der Geschichten in Berlin sieht man gelegentlich einen Kommissar, der im Rollstuhl sitzt. Malik Alsan heißt er, Tan Çağlar spielt ihn. Und der braucht – auch darin ist er eine Ausnahmeerscheinung überhaupt im deutschen Fernsehen – aufgrund einer angeborenen Rückenerkrankung tatsächlich einen Rolli.
Mit der Widerspiegelung vermeintlicher Randgruppen im öffentlich-rechtlichen Polizeidienst haben die Redaktionen zwischen Hamburg und München aber nicht nur bei der Besetzung von Ermittlerposten ein Problem (in Sachen Queerness ist die Besetzung der Sonntagabendkommissariate auch nicht gerade repräsentativ). Geschichten, in denen körperlich Schwerbehinderte oder – was eigentlich gar nicht vorkommt – Menschen mit geistiger Beeinträchtigung, gibt es so gut wie gar nicht. Möglicherweise aus Angst, irgendwas falsch zu machen, für einen falschen Ton hinterher beshitstormt zu werden, lässt man sie lieber gleich ganz außen vor. Gibt ja so viele Fragen, die man sich stellen muss und kann und so viele Fallen.
Da steht zum Beispiel Tessa Ott (Carol Schuler), punkige Tochter einer typischen Goldküstenfamilie und im Züricher Kommissariat für alles Rebellische und Empathische zuständig, neben ihrer Kollegin Isabelle Grandjean (Anna Pieri Zuercher), geradliniges, unterkühltes Arbeiterkind aus der französischsprachigen Westschweiz und in Zürich fürs Analytische, Abwägende zuständig.
Darf man das, fragt Tessa die Isabelle (lange sind sie sich dauernd auf die Nerven und an die Gurgel gegangen, inzwischen sind sie ein duftes Team, haben ihre Rollen gefunden), einen Mann mit Down-Syndrom des Mordes verdächtigen? Können die überhaupt morden, schwingt bei der Frage mit, sind die zurechnungsfähig, wissen sie was sie tun? Er kann nicht der Mörder sein, sagt Isabelle. „Er leidet unter dem Down-Syndrom.“ – „Hat er das gesagt“, fragt Tessa. – „Was?“ – „Dass er darunter leidet.“
Mit dem Töffli gegen die Klischees
Sie foppt die Isabelle, fordert sie heraus, hilft ihr durch den Klischeedschungel. Die Isabelle ist verzweifelt. Der Jacob (Benjamin Raue) hat sie doch schon arg aus ihrem emotionalen Elfenbeinturm katapultiert. Der Jacob heißt Göldi mit Nachnamen, trägt eine Rockerweste, was sehr lustig aussieht, wenn er mit seinem Töffli (schweizerisch für Mofa) von seiner Trisomie-WG aus losfährt, in der er mit vier anderen Menschen mit Down-Syndrom lebt.
Jacob ist harmoniesüchtig. „Wir sind ein Team“ ist sein Lieblingssatz. Hängt zwischen ihm und der Welt um ihn herum der Haussegen schief, will er mit ihr Eis essen gehen – Eis hilft gegen alles. Jacob ist ein toller Kerl. Solange alles läuft, wie er es mag. Läuft’s nicht, schlägt er um sich. Jacob hat ein Aggressionsproblem. Dass er die Wäschereibesitzerin Sophia Cancellara ermordet hat, ist zumindest nicht auszuschließen. Er ist ausgerastet, als er hörte, dass sie ihren Laden dichtmachen und wegziehen will, möglichst bevor ihr Mann Simon Bärfuss, Rocker, ehemals Präsident der Devils White Blue, aus dem Knast kommt. Der Laden war Jacobs Lebensmittelpunkt.
Vom Simon hat der Jacob seine Weste. Der Simon (Ronald Zehrfeld) hat auch ein Aggressionsproblem. Und verdächtig ist er natürlich sowieso. Weil Rocker ihre Frauen halt umbringen. Was wiederum in Tessas Vorurteilskanon ziemlich weit oben steht. Dauert nicht lange, dann hat der Jacob sämtliche Abwehrbastionen vom Simon geschleift und sie machen sich gemeinsam auf – auf Simons ultracooler BMW R 18.
Der Schauspieler Ronald Zehrfeld kennt sich aus mit Geschichten von geistig beeinträchtigten Menschen. Er stand in der Verfilmung von Andreas Steinhöfels Inklusionskinderbuchklassiker „Rico, Oskar und die Tieferschatten“ dem „tiefbegabten“ zehnjährigen Rico als verdeckter Ermittler im Kampf gegen einen Berliner Kindesentführungsring zur Seite.
Die Geschichte von einer wunderbaren Männerfreundschaft ist einer der Plotfäden, die „Tatort“-Routinier Jürgen Werner in seinem extrem ökonomischen, stringent durchgezogenen Buch verknüpft. Es geht um alte Rechnungen und neue Machtverhältnisse bei den Devils White Blue. Ein Kollege aus Bern kommt zur Unterstützung von Tessa und Isabelle vorbei, was die eher so „geht so“ finden, und ein Team der Fedpol, des Schweizer BKA, sitzt herum und klaut Müsli – so ergibt die Videoüberwachung der Kommissariatsküchenzeile, die der kauzige Kriminaltechniker Noah Löwenherz installiert hat.
Werner hält perfekt die Balance zwischen latenter Themenabendhaftigkeit und Spannung, zwischen der (vielleicht nicht so ganz taufrischen) Rockererzählung und all den Subgeschichten, in denen Vorurteile und Klischees, eins nach dem anderen, allmählich beleuchtet, ironisiert und ausgeräumt werden. Jacob und seinen WG-Freunden (überwiegend gespielt von Mitgliedern des inklusiven Züricher Hora-Theaters) zuzuschauen, macht einen Heidenspaß. Sie erobern („Darf ich dich knuddeln?“) Isabelle und alle diesseits des Bildschirms im Sturm.
Niemand schaut von oben auf sie herab. Sie sind Figuren wie alle andern auch. Werner bringt alle Figuren, alle Geschichten auf einheitliche Augenhöhe. Erweitert so ganz nebenbei die Spielzone der beiden Zürcher Kriminalfachkräfte. Eis essen gehen muss am Ende keiner. Würde aber vielleicht nicht schaden. Soll ja gegen alles helfen.