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„Dieses Konzert ist ein Ausdruck von Selbstbehauptung“

· Culture

Man hat sich daran gewöhnt: Die täglichen Nachrichten über den Krieg in der Ukraine haben zu oft keine Priorität mehr, sie landen irgendwo zwischen Sport und dem Wetterbericht und werden quittiert mit seufzendem Schulterzucken. Dabei dauert dieser Krieg inzwischen bereits länger als der Erste Weltkrieg, hat zuletzt an Brutalität wieder zugenommen und ein Ende scheint nicht in Sicht.

Genau 1676 Tage dauert dieser Krieg am Konzertabend in der Düsseldorfer Tonhalle, und diese Zahl entspricht ungefähr den Entfernungs-Kilometern zwischen Düsseldorf und Kiew, wie Bernd O. Engelien, Chef der Unternehmenskommunikation der Zurich Gruppe Deutschland, anmerkt, einer der Hauptsponsoren des zweiten „Konzerts für Menschlichkeit“, veranstaltet vom Deutschen Roten Kreuz, das Erlöse sammelt für das Ukrainische Rote Kreuz und dessen vielfältige humanitäre Hilfsleistungen in der Ukraine.

Es wird ein langes Benefizkonzert, knapp dreieinhalb Stunden gibt es ein munteres Kommen und Gehen auf der Bühne der Düsseldorfer Tonhalle, wo das Kyiv Symphony Orchestra unter der Leitung von Stephan Frucht und unter der Mitwirkung von zahlreichen Klassik-Stars einen Kessel Buntes mit vielen Gassenhauern serviert.

„Öffnen Sie Ohren und Herzen“

Der Einstieg gelingt Moderatorin Sandra Maischberger bemerkenswert locker, indem sie das Publikum lobt, mit der Konzertkarte den besseren Geschmack zu beweisen, tobt doch zeitgleich in der Düsseldorfer Merkur-Spielarena eines der zehn Konzerte der Backstreet Boys. Musik sei der tiefste Ausdruck von Menschlichkeit, sagt Maischberger, bevor die ersten Redner antreten.

Thomas Fischer, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Roten Kreuzes, ist dabei und Nathanael Liminski, Minister für Bundes- und Europaangelegenheiten, Internationales, sowie Medien und Chef der Staatskanzlei. Liminski spricht das Orchester aus Kiew auf der Bühne hinter ihm an, das eine Weile Unterschlupf gefunden hatte im thüringischen Gera und nun im rheinischen Monheim residiert. „Ich hoffe, dass Monheim nur die zweite Heimat bleibt“, sagt Liminski und erinnert daran, dass vor zwei Wochen die 35-jährige Unabhängigkeit der Ukraine gefeiert wurde. „Dieses Konzert ist ein Ausdruck von Selbstbehauptung“, sagt Liminski und macht noch einen Schlenker zu den Wahlergebnissen des letzten Wochenendes: „Diese Typen dürfen nicht das letzte Wort haben“, ruft er in den Saal. Und ergänzt, dass für die Ukrainerinnen und Ukrainer die materielle Hilfe gar nicht das Wichtigste sei, sondern auch mit diesem Konzert die Botschaft, nicht vergessen zu sein.

Hermann Gröhe, Präsident des Deutschen Roten Kreuzes, bekennt danach „zwiespältige Gefühle“, beschwört aber die langjährige Partnerschaft mit dem Ukrainischen Roten Kreuz und ermuntert das Auditorium: „Öffnen Sie Ohren und Herzen und in der Pause die Herzen und das Portemonnaie“.

Ein roter Wirbelwind

Und Musik gibt’s natürlich auch. Zum kurzen Auftakt spielt das Kyiv Symphony eine stark gekürzte Ouvertüre von George Bizets Spielplanhit „Carmen“. Am Pult steht Stephan Frucht, im Hauptberuf künstlerischer Leiter des Siemens Arts Program, und lässt es mit Bizet erst einmal gemächlich und mit angezogener Handbremse angehen. Es folgt Camille Saint-Saëns „Rondo capriccioso“ für Violine und Orchester, eine effektreiche Virtuosen-Nummer, die Bomsori Kim mit butterweichem Ton und bombensicherer Intonation lässig über die Rampe bringt.

Es folgt die Sopranistin Julia Kleiter mit dem wohl heikelsten Programmpunkt, dem Rezitativ und der großen Arie der Gräfin Almaviva aus Mozarts „Le nozze di Figaro“. Schon das Accompagnato-Rezitativ verlangt eine souveräne Tempo-Regie, doch hier bleibt Stephan Frucht am Pult etwas defensiv. Die folgende Arie „Dove sono“ beginnt flüssig, verliert aber laufend an Tempo, Julia Kleiters cremiger Sopran bringt die Klage der Gräfin und die finale Ermunterung dennoch souverän und klangschön über die Rampe. Richard Strauss‘ Lied „Morgen“ steht dagegen etwas verloren in der Programmfolge, der Wunschkonzerthit „O mio babbino“ aus Puccinis „Gianni Schicchi“ verfehlt dagegen seine Wirkung nicht. Dann entert der ukrainische Pianist Illia Ovcharkenko die Bühne und spielt Liszts „Fantasie über ungarische Volksmelodien“ mit stupender Virtuosität und zupackender Pranke.

Nach der Pause, in der gespendet werden darf und soll, geht es zurück in die Barockzeit: Der wunderbare Albrecht Mayer, gefeierter Solist und Solo-Oboist der Berliner Philharmoniker, spielt das Konzert für Oboe d’amore von Johann Sebastian Bach in A‑Dur. Mayers sämiger, weit ausschwingender Ton ist zu Recht berühmt, er hat nichts Näselndes, Enges, sondern eine generöse Weite, außerdem beherrscht Mayer offenbar die Kunst des Permanent-Atems.

Dann betritt ein roter Wirbelwind die Bühne: Die erst dreizehnjährige Cellistin Charlotte Melkonian spielt den dritten Satz aus Haydns Cellokonzert in C-Dur mit so viel Verve und Delikatesse, dass man an die große Jacqueline du Pré denken muss. Felix Mendelssohns „Hebriden“-Ouvertüre gibt dann endlich dem Orchester Gelegenheit, eine Hauptrolle zu spielen, hier wirkt auch Stephan Frucht am besten vorbereitet.

Dann wird es bombastisch und feierlich: Carl Orffs „Carmina Burana“ kommt auszugsweise zu Gehör. Markig und höhensicher singt Thomas Laske sein Bariton-Solo, der Chor des Düsseldorfer Musikvereins klingt frisch und präzise, Nora Gomringers neu gedichteter Freiheitstext zum 11. Satz der „Carmina Burana“ darf aus Urheberrechtsgründen leider nicht gesungen werden, sondern wird eindrücklich gelesen von der Schauspielerin Meike Droste, bevor „O Fortuna“ das Publikum von den Sitzen hebt. Aber das ist immer noch nicht das Ende, es folgt ein „Ukrainian Poem“ für Violine und Orchester von Yewhen Stankovych, mit viel Geschmack und schönem Ton gespielt vom Konzertmeister Viktor Hlybochanu.