„Diese Scham, meine Eltern sozial und intellektuell überholt zu haben“
Es ist ein versöhnlich warmer Sommermorgen. Noch graue Schwäne schwimmen mit ihren Eltern durch das Engelbecken in Kreuzberg. Wespen schwirren. Regina Schilling, Jahrgang 1962, genießt ein bisschen Ruhe am See. Ist viel los gerade. Sie war auf Festivals. Hunderttausende haben ihren aktuellen Dokumentarfilm „Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war“ mit Sandra Hüller in der Hauptrolle inzwischen gesehen.
Der Untertitel passt ganz gut auf das, was Schilling, die Filme über den Pianisten Igor Levit und den Missbrauch an der Odenwaldschule gedreht hat, gewissermaßen perfektionierte. In „Kulenkampffs Schuhe“ und ihrer ebenso gefeierten Arbeit über den „XY ungelöst“-Erfinder Eduard Zimmermann. Gewissermaßen autofiktionales Dokumentarfilmen, bundesrepublikanische Geschichtsschreibung im Spiegel einer Fernsehsozialisation. Bücher haben die studierte Lehrerin, die lange Jahre Pressearbeit für Literatur machte, nicht nur durchs Leben begleitet, sie haben ihr entscheidend geholfen.
Fjodor Dostojewski: Die Brüder Karamasow
Lesen konnte ich, bevor ich in die Schule ging. Ich saß hinten im Auto und wollte die Schilder auf den Straßen entziffern, wissen, was da draußen war. Ich war dann Dauergast in unserer katholischen Pfarrbücherei in Köln-Bickendorf. Und ich sehe noch die Bibliothekarin vor mir sitzen und sagen: „Ja, Regina, jetzt hast du alle Bücher deines Alters ausgelesen. Jetzt müssen wir warten, bis eine neue Lieferung kommt.“ Mit Büchern konnte ich mich aus dem Alltag beamen, Bücher waren schon auch Flucht. Und Lesen war auch Rausch. Die vielleicht intensivste Leseerfahrung hatte ich mit Dostojewskis „Brüdern Karamasow“. Da war ich 17 und vier Wochen mit zwei Freunden auf dem Motorrad auf Korsika. Das sieht man den Karamasows (in meiner Ausgabe mit Doppel-f am Ende) heute noch an. Wir haben immer wild gezeltet, und ich habe mich in einen Leserausch gesteigert und in den Sog, ob es Gott nun gibt oder nicht. Ich komme aus einem sehr katholischen Haushalt, hatte aber mit 13 beschlossen, nicht mehr in die Kirche zu gehen. Dostojewski hat mich auf Korsika dazu gebracht, in eine kleine Kapelle zu gehen und den Boden zu küssen, um eine Szene aus dem Buch nachzuspielen. Ich weiß noch, wie ich gespannt war, ob Gott über mich kommt. Kam er natürlich nicht.
Primo Levi: Ist das ein Mensch?
Wir hatten sehr früh in der Schule „Nacht und Nebel“ gesehen, Alain Resnais’ Dokumentarfilm über die Konzentrationslager und die Schoah. Das muss Mitte der 1970er-Jahre gewesen sein und ich war 13 oder 14 Jahre alt. Der Film war ein totaler Schock für uns. Wir waren damals sehr wenig darauf vorbereitet. Aber ich glaube, „Nacht und Nebel“, wenn man ihn früh sieht, ist heute noch eine ganz gute Impfung gegen Antisemitismus. Seitdem beschäftigte ich mich intensiv mit dem Holocaust. Und wenn man nur ein Buch über die Schoah lesen dürfte, dann ist es Primo Levis „Ist das ein Mensch?“ Levi hat unglaublich genau beschrieben, was passiert ist in den Konzentrationslagern. Was sie mit Menschen gemacht haben. Wie man selbst da Mensch bleiben konnte. Und wer Mensch blieb und wer nicht und warum. Das ist für mich so ein Standardwerk. Das habe ich auch meinen Kindern gegeben im entsprechenden Alter: Hier, wenn ihr nur ein Buch über die Schoah lest, dann dieses.
Ingeborg Bachmann: Malina
Und dann las ich mich durch den ganzen literarischen Kanon, in den 1970ern natürlich hauptsächlich männlich. Camus, Sartre usw. Vieles verstand ich erst einmal überhaupt nicht. Manches habe ich später wieder gelesen und gedacht: Aha, so ist das gemeint. Das finde ich übrigens immer interessant, wenn einem etwas viel zu früh begegnet und man später darüber nachdenkt, was hängen geblieben ist. Oder gerade nicht. Irgendwann bin ich dann auf Ingeborg Bachmanns „Malina“ gestoßen. Dieser Roman war ein Einschnitt. Das war – ich will nicht sagen, wie wenn man Sand ins Getriebe wirft – die Begegnung mit etwas ganz anderem. „Malina“ muss ich kurz nach „Brüder Karamasow“ gelesen haben. Begriffen habe ich auch bei Bachmann erst einmal nichts. Die weibliche Ich-Erzählerin vor allem. Ich weiß erst heute, seit meinem Film über Bachmann, dass es sich da um eine Doppelperson handelt. Der Roman war längst erschienen, Rezensionen gab’s keine mehr, und Ingeborg Bachmann war tot. Ich habe „Malina“ als Dreier-Liebesgeschichte gelesen. Was ich aber verstanden habe, war dieses Innenleben der Frau. Das hat sich total eingebrannt. Da gibt es eine Szene, da verabschiedet sie sich immer wieder von Ivan in der Ungargasse. Rennt zu ihm, verabschiedet sich wieder, rennt weg, rennt wieder zurück. Und man spürt dieses ganze Sehnen, diesen emotionalen Abgrund, wenn man sich in jemanden verliebt. Das kam mir alles gespenstisch nah und bekannt vor. Danach habe ich anders gelesen. Ingeborg Bachmann hat mich sensibilisiert für ein weibliches Schreiben.
Christa Wolf: Kindheitsmuster
Meine beiden Geschwister und ich sind die erste Akademiker-Generation in unserer Familie. Und ich habe – nach dem Abitur und nachdem ich ganz früh, im Jahr meines Abiturs, mein erstes Kind bekam – auf Lehramt studiert, einen Beruf, der finanzielle Sicherheit versprach. Das Muster ist mir dann bei Annie Ernaux, die ja auch erst mal Lehrerin wurde, wieder begegnet. Meine Examensarbeit habe ich über Christa Wolf geschrieben. Besonders geprägt hat mich „Kindheitsmuster“. Das ist eigentlich ein literarisches Memoir. Und dieses Verweben der Zeiten, dieses Springen in der Zeit, die Art, ihre Kindheitsgeschichte mit den politischen Ereignissen zu verbinden, das ist im Rückblick ein roter Faden durch meine Lektüregeschichte. Annie Ernaux macht das ja auch. Den ersten Satz in „Kindheitsmuster“ – ein variiertes Zitat von William Faulkner – habe ich mir zwar jetzt nicht über den Schreibtisch gehängt, aber er ist für meine Arbeit als Filmemacherin total wichtig: „Das Vergangene ist nicht tot, es ist nicht einmal vergangen. Wir trennen es von uns ab und stellen uns tot.“ Und noch etwas von Christa Wolf hat mich geprägt. In „Voraussetzungen einer Erzählung: Kassandra“ gibt es eine Beschreibung, wie Wolf aufs Land fährt, ihren Sack mit Büchern auspackt und sich das Zimmer sucht, das ihr das liebste ist. Und dann schreibt sie, mit Blick auf den Kirschbaum. Das habe ich mir damals tiefrot angestrichen. Das war mein Traum. Mit einer Tasche voller Bücher auf dem Land sein, schreiben und auf Bäume gucken.
Salman Rushdie: Die satanischen Verse
Wir waren wahnsinnig viele im Studium, saßen bei Vorlesungen auf den Fensterbänken und die Professoren haben uns vom ersten Tag an gesagt, dass wir sowieso keinen Job bekommen. Und da habe ich dann – das Erste Staatsexamen habe ich immerhin – alles daran gesetzt, bei uns in Köln im Verlag Kiepenheuer & Witsch einen Fuß in die Tür zu bekommen. Habe jede Ferienvertretung angenommen, bin durch alle Abteilungen. Und in einem dieser Aushilfsjobs hatte ich 1989 dann jene unendlich lange Liste von Herausgebern (Kritikern, Schriftstellern, Verlagen) zu verantworten, die quasi als Vorwort vor Salman Rushdies Roman „Die Satanischen Verse“ gedruckt wurde. Für den wurde ja wegen der Fatwa gegen Rushdie ein eigener Verlag gegründet – der Artikel 19 Verlag. Ich musste bei jedem der Unterstützer – es ging ja wegen der Fatwa potenziell auch für alle auf der Liste um Leben und Tod – bei jedem noch einmal die Bestätigung einholen, dass er wirklich einverstanden ist mit der Nennung. Das Buch habe ich dann um Weihnachten herum gelesen. Es war Winter, und weil ich ja kleine Kinder hatte, musste ich mir die Zeit zur Lektüre abknapsen. Ich stellte mir den Wecker extra früher. Und sehe mich heute noch an diesen kalten Wintermorgen im Bett „Satanische Verse“ lesen. Ich war vollkommen fasziniert. Das ist – das vergisst man ja beinahe über die politischen Auseinandersetzungen um das Buch – ein mitreißender, fantasievoller Roman. Ich mag ihn immer noch sehr. Weil Rushdie auch hier wieder ganz fantastische Frauenfiguren gezeichnet hat. Und weil ich verstanden habe, dass es auch bei Büchern um Leben und Tod gehen kann.
Julia Cameron: The Artist’s Way
Ein Buch war wirklich lebensverändernd für mich. „The Artist’s Way. A Spiritual Path to Higher Creativity“ von Julia Cameron. Das hat mich gefunden. Ich glaube daran, dass einen Bücher finden. Ich lerne fürs Leben aus Büchern. Wenn ich ein richtig großes Problem habe, gehe ich in die Buchhandlung und gucke, ob ich ein Buch finde, das mir helfen kann, dieses Problem zu lösen. Camerons Buch hat mich total gepackt. Schreiben, Schriftstellerin oder Filmemacherin werden, frei zu arbeiten, war in dem Umfeld, in dem ich aufgewachsen bin, nicht denkbar. „The Artist’s Way“ hat mir die Kraft gegeben, bei meinem Verlag zu kündigen. Ich habe da viel gelernt, habe das auch wahnsinnig gern gemacht. Aber irgendwann gab es einen Moment, in dem ich auf dem Fußboden lag und immer „El Condor Pasa“ von Simon and Garfunkel gehört habe – „I’d rather be a hammer than a nail“. Aber wie wird man vom Nagel zum Hammer? Deshalb kam Julia Cameron gerade richtig. Und ich habe zum Entsetzen aller gekündigt, schrieb dann erst mal Buchkritiken und Porträts für Frauenzeitschriften. Dass man damit auf keinen grünen Zweig kommt, war schnell klar. Und dann kam als Rettung die Lit.Cologne, das Literaturfestival in Köln, das gerade in der Gründungsphase war. Die haben mich gefragt, ich war sofort begeistert. Die Arbeit für die Lit.Cologne wurde dann mein Standbein, die Basis, von der aus ich dann schauen konnte, wie und wohin meine Reise weitergeht. Ich weiß nicht, ob ich den Mut zu all dem gehabt hätte ohne Julia Cameron.
Annie Ernaux: Der Platz
Annie Ernaux’ „Der Platz“ ist das autofiktionale Buch über ihren toten Vater. Sie analysiert darin den Prozess ihrer Kindheit und ihres Erwachsenwerdens. Und ihre Scham darüber, dass sie ihre Eltern sozial überholt hat. Mein Vater kam aus einer niederrheinischen Bauernfamilie, meine Mutter aus einer Winzerfamilie an der Mosel. Sie hätte gern viel mehr Bildung bekommen, konnte sie aber nicht. Im Grunde war das eine Arbeiterfamilie. Reich war da keiner. Das waren alles harte Malocher in diesen kleinen Weinbergen. Da gab es nichts Romantisches. Meine Mutter wollte auch nie in das Dorf zurück, aus dem sie kam. Sie hat immerhin eine höhere Handelsschule besucht, hat bei der Post im Telegrafenamt gearbeitet. Bis sie meinen Vater kennenlernte und der zu ihrem Chef ging und sagte: „Meine Verlobte kündigt jetzt, weil ich sie heiraten werde.“ Darüber ist sie eigentlich ihr Leben lang nicht weggekommen. Ihre Zeit im Telegrafenamt hat sie immer romantisiert. Das war die schönste Zeit ihres Lebens. Meine Mutter wollte auch unbedingt, dass wir Abitur machen. Es kam ein Klavier ins Haus, wir mussten üben, worüber ich heute dankbar bin. Aber auch ich kenne eben diese Scham, meine Eltern sozial und intellektuell überholt zu haben. Dieses Schuldgefühl, das Annie Ernaux so unglaublich gut beschreibt. „Der Platz“ ist Literatur mit hohem Erkenntnisgewinn für mich.
Alice Munro: Ein Traum meiner Mutter
Alice Munros Erzählband war für mich deswegen so wichtig, weil er eines der ersten Bücher war, die mir begegnet sind, in denen Mutterschaft thematisiert wird. Munros Erzählung „Ein Traum meiner Mutter“ verhandelt zum Beispiel die Geschichte einer jungen Frau, die einen Traum hat, in dem ihr Kind zu Tode kommt. So, dachte ich, kann Literatur also auch sein. Es hat mich aufgewühlt. Oder Heike Geißlers Roman „Rosa“ zum Beispiel in den 1990er Jahren. Da habe ich noch bei Kiepenheuer & Witsch gearbeitet. Der Roman hat mich in seinen genauen Beschreibungen des schwangeren Körpers und der Geburt fasziniert, auch, weil ich ja so früh Kinder bekommen habe. Oder Marlene Streeruwitz’ „Verführungen“. Endlich, dachte ich, sind diese weiblichen Themen da, die doch mein Sein zutiefst bestimmt haben. Das hat ja erst ganz spät angefangen.
Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit
Eines der letzten Bücher, die etwas in mir verschoben haben, ist Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Das war aber weniger ein Lese- als ein sehr intensives Hörerlebnis. Ich habe mir die „Recherche“ nämlich vorlesen lassen. Von Peter Matić. Fast neun Monate hat der mich begleitet. Immer beim Einschlafen oder wenn ich nachts wach wurde. Das war parallel zu meiner Arbeit am Film über Ingeborg Bachmann. Ich kann meistens sehr schlecht schlafen, wenn ich tief in der Recherche für ein Projekt stecke. Ich schlief mit Bachmann ein, ich wachte mit ihr auf. Und so lag ich des Nachts da und grübelte über meinen Film. Die „Recherche“ zu lesen, hatte ich früher schon mehrfach versucht, es aber immer wieder abgebrochen. Matićs Lesung hat mir dann den Kosmos Proust geöffnet. Matić hat mal gesagt, dass man vielleicht schon ein bisschen gelebt haben muss, um Marcel Proust zu verstehen. Im Grunde ist die „Recherche“ Autofiktion. Ich wusste vorher nicht, wie politisch sie ist, wie scharf Proust darin die französische Gesellschaft, die Dreyfus-Affäre, den Krieg, Homosexualität analysiert. Das war auch für mein Bachmann-Projekt interessant. Weil Ingeborg Bachmann mit den „Todesarten“ im Grunde etwas Ähnliches vorhatte – wie sie es in einem Interview beschrieb: „ein Kompendium, ein Manuale über die Wiener Gesellschaft des 20. Jahrhunderts.“