Die Zeit der Orgien ist vorbei
Das Künstlerabbild in achtfacher Stellung ist so konzipiert, dass es von allen Seiten Einblick in die sexuelle Selbstbeschäftigung erlaubt. Eine Orgie mit sich selbst war schon 1992, bei der Documenta 9, nicht wirklich originell. Aber sie hat dem amerikanischen Bildhauer Charles Ray einen sicheren Platz in der Prominentenriege seines Metiers garantiert.
Damals sorgte die Ganzkörper-Nacktheit für Gedränge im Kasseler Fridericianum. Jetzt ist der zu einer autoerotischen Laokoon-Gruppe verwachsene Künstlerleib („Oh! Charley, Charley, Charley …“) an seinen Premierenort zurückgekehrt, wobei die selbstvergnügten „Charleys“ ihre pornografische Energie fast eingebüßt haben. Erst jetzt nämlich – in Nachbarschaft des Ray’schen Skulpturenarsenals – wird ihre ganze Künstlichkeit erkennbar, die kolossale Lebensferne in der Lebensähnlichkeit. Es ist, wieder besehen, eine ziemlich gehemmt wirkende Orgie, und sie mutet ein wenig peinlich an wie ein Blatt aus dem Album „Als wir noch jung waren …“.
Ray hat für das Dutzend Arbeiten, das er zeigt, ein ganzes Stockwerk zur Verfügung. In jedem Saal stehen nur ein oder zwei Skulpturen, schimmern weiß, schimmern silbern und geben kaum aufeinander acht. Mit dem Masturbations-Oktett will die Marien-Matrone so wenig zu tun haben, wie der überlebensgroße Knabe mit dem Frosch am kleinwüchsigen Aluminium-Girl interessiert zu sein scheint. Was das Werk des Bildhauers sympathisch macht, ist, dass es nichts so sehr scheut wie die Wiederholung.
Charles Ray erzählt seine Geschichte nicht immer wieder neu, er erzählt immer wieder eine neue Geschichte. Kein Stück gleicht dem anderen, und nie könnte man vom einen auf das andere schließen. Der Beton-Stier steht auf seinem Sockel so präsentabel da wie der Junge ohne Sockel, der sich mit Sandalen, Holzschwert und Tunika fürs Schultheater verkleidet hat. Ein skulpturales Werk, das sich immer wieder neu erfindet und sich so schützt vor Produktion und Discount.
Weshalb es nicht ausbleiben konnte, dass Rays Skulpturen immer wieder etwas verzweifelt mit bildhauerischen Grundsatzproblemen aufgeladen worden sind und es zum verkleideten Knaben heißt, die Figur spiegle „die Entwicklungsphase des Kindes vom Jugendalter zum Mann wider“? Sagen wir es so: Die „grundlegenden Fragen menschlicher Existenz“, die uns das Katalogheft verspricht, wird man in seiner Kasseler Inszenierung trotz intensiver Suche nicht finden. Was natürlich auch am allzu heftigen Grundlegungsanspruch des Museums liegen kann und nicht gleich dem Künstler geschuldet sein muss. Aber vor dem Verdacht des Existenzialismus möchte man Charles Ray doch gerne in Schutz nehmen.
Seltsam kühl und abständig ist dieses Werk, das sich überaus erfolgreich aus dem Wettbewerb der Idiome und Slangs herausgehalten hat und immer wieder irritiert mit seiner eigentümlichen Verweigerung von Reim und Zusammenhalt. Zuweilen dachte man, es könnte in den mutwillig verkleinerten oder vergrößerten Monster-Kindern und Schrumpf-Erwachsenen ein Thema liegen. Aber aufs Ganze lässt sich aus den Disproportionen so wenig gewinnen, wie einem mit dem Hinweis geholfen ist, der Bildhauer beschäftige sich klassisch mit dem Thema „Figur im Raum“. Tatsächlich erinnern die Stücke zuweilen an ausgegrabene Skulpturenfunde aus der Antike.
Oder an Bildhauerei aus der Renaissance. Zum „Boy with Frog“ heißt es, er sei neugierig darauf, „die Welt und ihre Andersartigkeit zu entdecken“. Rundum betrachtet hat der Junge aber nicht mehr zu bieten als seine figurale Perfektion. Er steht so kopfleer da wie der monströse David, den Michelangelo den Florentinern vor ihren Palazzo della Signoria gestellt hat. Wenn das Objekt einen physisch von einer Position in eine andere bewegen könne, hat Ray einmal beobachtet, dann bewege es einen auch intellektuell.
Vielleicht müsste man es so sagen: Charles Rays nomadisierende bildhauerische Neugier ist an der banalen Bewegungsstudie gerade so interessiert wie an der erhabenen Figurenpose, am Wirklichkeitsabguss wie am Spiel mit antiken Vorbildern und immerzu oszillierend zwischen Alltag und Museum, Erfindung und klassischem Muster. Dort, im ästhetischen Niemandsland zwischen Kunst und Leben, schlüpft der Künstler einigermaßen elegant von einer Rolle in die andere.
Bis 3. Januar, Fridericianum, Kassel