Voice of Freedom Повна версія

Die Welt braucht Juristen wie ihn, die nicht nur Akten fressen

· Culture

Ein Jurist, der nicht nur Akten fressen, sondern auch erzählen kann – wir brauchen mehr von ihnen. Insofern ist die Meldung, dass Philippe Sands in diesem Herbst zum traditionellen Abschluss der Frankfurter Buchmesse mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geehrt wird, eine gute Nachricht. Denn das Werk des französisch-britischen Juristen und Publizisten ist so sorgfältig, substanziell und zugleich global aufgestellt, dass unbedingt mehr Leute davon erfahren und sich faszinieren lassen sollten.

Sands wurde 1960 in London geboren, studierte Jura und ist heute Professor für Internationales Recht am University College London sowie Gastprofessor an der Harvard Law School. Als Jurist befasste sich Sands schon früh mit internationalem Recht, als Anwalt und Professor setzt er sich für humanitäre Ziele und die Stärkung internationaler Rechtsnormen ein. Zugleich zeigt Sands entlang der eigenen Familiengeschichte, wie dieses Recht entstanden ist und welche Erfahrungen hinter Tatbeständen wie ‚Genozid‘ und ‚Verbrechen gegen die Menschlichkeit‘ stehen.

Feuilletonleser kennen und schätzen Sands für seine Sachbücher, die literarische Qualitäten aufweisen (auf Deutsch alle bei S. Fischer): „Rückkehr nach Lemberg“ (2018) und „Die Rattenlinie“ (2020) hatten beide Bezug zu Ereignissen im östlichen Europa. Das Lemberg-Buch erzählt von der Verfolgung und Ermordung jüdischer Menschen während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg und schildert die Lebenswege zweier jüdischer Juristen, die für das internationale Recht entscheidend werden. Sands’ eigene Vorfahren stammen aus dem Habsburgerreich, seine Urgroßmutter wurde in Treblinka ermordet.

Mit dem Buch „Rückkehr nach Lemberg“ schuf Sands ein genuines Genre. Als Zeithistoriker und Rechtshistoriker, als Erzähler und Nachkomme von Holocaustüberlebenden verfolgt Sands ein Anliegen: Er ist Investigativ-Reporter, Quellen-Exeget und Aufklärer in einem. In „Die Rattenlinie“ schilderte Sands, wie Otto Wächter, ein ranghoher Nazi, der in Polen Kriegsverbrechen begangen hat, nach 1945 untertauchte. Der Vatikan wollte ihm, wie so vielen, zur Flucht nach Südamerika verhelfen. Doch dann kam Wächter auf mysteriöse Art und Weise in Rom ums Leben.

„Liebe“, „Macht“, „Flucht“ und „Tod“ – schon die Kapitelüberschriften von Sands Büchern verraten, dass hier einer nicht nur Akten fressen, sondern auch erzählen kann. Obwohl „Die Rattenlinie“ in weiten Teilen wie ein Pageturner funktioniert, gelang Sands damit mehr als ein Thriller. Das Werk war die überfällige Aufarbeitung einer Täterfigur, die vor Sands’ Buch nur einen Auftritt im irrlichternden Kriegsroman „Kaputt“ des Italieners Curzio Malaparte hatte.

Sands arbeitet nicht beamtenmäßig auf, er trägt auch eine gute Portion britischer Eigenart in sich. Wiederholt besuchte Sands Otto Wächters Sohn Horst, der 1939 geboren wurde, auf dessen Schloss Haggenberg im österreichischen Weinviertel, nahe der Grenze zu Tschechien. Die beiden reisten gemeinsam in die Ukraine. Und dabei entstand sogar ein Film, den Sands zusammen mit David Evans für die BBC realisierte. „What Our Fathers Did: A Nazi Legacy“.

Weitere Bücher von Sands widmeten sich dem Fall des Chagos-Archipels, dessen Einwohner zwischen 1968 und 1973 gezwungen wurden, ihre Heimat zu verlassen, damit dort ein US-Militärstützpunkt entstehen konnte („Die letzte Kolonie“, dt. 2023). Sein zuletzt auf Deutsch erschienenes Buch drehte sich um den Komplex der Pinochet-Diktatur in Chile. In „Die Verschwundenen von Londres 38“ (2025) geht es neben dem Verfahren gegen Augusto Pinochet auch um die historisch bedeutsame Frage, ob ein ehemaliger Staatschef sich auf Immunität berufen kann, wenn ihm Folter und andere schwere Menschenrechtsverbrechen vorgeworfen werden.

Der richtige Preisträger zur richtigen Zeit

Die Stärke von Sands’ Werk besteht darin, dass er Rechtsfragen nie nur moralisch oder abstrakt schildert. Sondern in konkreten, akribisch aufbereiteten Fallgeschichten, die auf Größeres verweisen – und die Komplexität der Materie. Sands ist als Jurist und Publizist genau der richtige Preisträger zur richtigen Zeit. Sein Wirken erinnert uns daran, das internationale Recht in einer Welt der Trumps, Putins und Xis nicht ganz zu vergessen. Das Völkerrecht hatte schon mal einen besseren Stand, und die Aufarbeitung von staatlich motivierten Verbrechen wird in keinem Staat der Welt jemals einen sicheren Stand haben. Selbst in Deutschland war der Konsens um die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit letztlich nur ein kurzes Zeitfenster, das in den 1990er und 2000er Jahren zu einem massenmedialen Phänomen aufstieg (wie viele Knopp-Dokus liefen allein im ZDF?).

Doch bereits der Friedenspreis 2018 an Aleida und Jan Assmann ereignete sich in einem Moment, als der gesellschaftliche Konsens über deutsche Erinnerungspolitik schon wieder zur Neige ging: die 180-Grad-Wende (von Björn Höcke) und der Vogelschiss (von Alexander Gauland) waren bereits in der Welt.

Weil Menschen und Staaten dazu neigen, von Verfehlungen (zumal eigenen) schnell genug zu haben, braucht es Individuen wie Sands. Sein Engagement steht für die Friedensdimension des Rechts, den Glauben an die Möglichkeit zur Aufklärung und Aufarbeitung von historischen Verbrechen. Selbst in einer Welt, in der vorrangig das Recht des Stärkeren zu gelten scheint, haben einzelne Menschen die Kraft, Unrecht aufzuzeigen. Wenn nicht qua Recht, dann wenigstens qua Dokumentation und Erzählung. Das Werk von Sands verbindet beide Möglichkeiten.