Die wahre Geschichte hinter der Freiheitsstatue
Sie sollte, dem erklärten Willen ihres Schöpfers zufolge, das achte Weltwunder werden. Die größte Statue der Erde. Die schwerste noch dazu. Ganze 127 Tonnen wiegt das gute Stück. Aber, und damit gehen die Merkwürdigkeiten schon los, Miss Liberty war ursprünglich gar nicht für New York gedacht.
Was wir heute als eine Ikone der Vereinigten Staaten betrachten, ein uramerikanisches Symbol für Freiheit und Demokratie, sollte eigentlich zur Einweihung des Suezkanals 1869 nach Ägypten geliefert werden. Doch da lehnte man dankend ab. Was würde das nächste mondiale Großereignis sein? Na, hundert Jahre Unabhängigkeitserklärung der USA 1876 selbstverständlich. Und dafür fand sie dann tatsächlich Verwendung.
Da steht sie nun, nicht in der alten, sondern in der Neuen Welt, die Miss, die eigentlich eine Mademoiselle ist. Denn ihr Schöpfer war Franzose. Elsässer, um genau zu sein. Mit Vorfahren aus Deutschland. Sein Name: Auguste Bartholdi. Jetzt feiert das zweitgrößte Museum Frankreichs, das Musée d’Orsay in Paris, die Entstehungsgeschichte jenes Monuments, mit dessen Anblick beim Einlaufen in den Hafen von New York sich für unzählige Menschen die Hoffnung auf ein selbstbestimmtes, besseres und sicheres Leben verband und noch verbindet.
Aber wieso brauchte es eigentlich Frankreich dazu? Das ist die zweite Geschichte. Hinter der an sich schon sensationellen Geschichte der Fertigung von Mademoiselle. Fangen wir darum mit dem Materiellen an, bevor wir zum Ideellen kommen. 127 Tonnen also. 300 getriebene Kupferplatten. Die wiederum in 200 Kisten verpackt werden mussten, bevor sie mit dem Dampfer „Isère“ übers Meer an ihren Bestimmungsort gelangten. Mit einiger Verspätung, wie man zugeben muss. Denn nicht etwa 1876, sondern erst am 28. Oktober 1886 konnte das Monstrum auf Liberty Island aufgestellt werden.
Zuvor war es allerdings über viele Jahre hinweg die Sensation von Paris gewesen. 1875 hatte der renommierte Bartholdi, der mit Aufträgen für Statuen im öffentlichen Raum geradezu überhäuft wurde, zusammen mit dem republikanischen Politiker Laboulay die Union Franco-Américaine gegründet. Mit einem Bankett im heute noch existierenden Grandhotel du Louvre, gegenüber der Comédie-Française.
Wie man das halt so macht. Damit war eine riesige Fundraising-Aktion gestartet worden, denn die beiden Herren hatten sich in den Kopf gesetzt, dem amerikanischen Brudervolk in Sachen Demokratie die Freiheitsstatue zum Geschenk zu machen! Einzige Bedingung: Die Vereinigten Staaten von Amerika sollten den Sockel finanzieren. Frankreich würde für das Bildwerk aufkommen.
Das Wachstum von Mademoiselle Liberté
Bartholdi, der bereits einen gigantischen Brunnen für Bordeaux entworfen hatte, musste sich jetzt allerdings für die Fertigstellung des Geschenks Hilfe holen. Da er ein elsässischer Patriot aus dem nun seit einigen Jahren zum Deutschen Reich gehörigen Colmar war, sah er sich dafür bei seinen Landsleuten um. In Maurice Koechlin fand er den geeigneten Ingenieur, der sich für das Projekt erwärmen konnte.
Man lebte in der Epoche des industriellen Fortschritts. Herausforderungen wie die, eine Riesenstatue zu schaffen, die alles bislang Dagewesene übertrumpfen würde, kam für Koechlin gerade recht. Später wurde ein weiterer Elsässer mit ins Boot genommen: Gustave Eiffel. Der sollte allerdings bald mit seiner eigenen gigantischen Großtat beschäftigt sein. Der Erbauung des Eiffelturms, der dann auch pünktlich zur Weltausstellung 1889 vollendet wurde.
Die Ausstellung im Musée d’Orsay zeigt sehr schön, wie sehr die Öffentlichkeit in Paris über das Wachstum von Mademoiselle Liberté informiert wurde. Es war ja auch die große Zeit der Zeitschriften und Journale. Mit neuen Druckverfahren konnte man nun eindrucksvolle Bildstrecken präsentieren. Also schwärmten immer wieder Journalisten, Fotografen aus in die Werkstatt Meister Barholdis, um von den Fortschritten des Wunderwerks zu berichten und sie optisch zu belegen.
Die erste Ausstellung erfolgte dann, als der Kopf der jungen Dame fertig war. Der ging noch gerade rein ins Palais de l’Industrie auf den Champs-Élysées. Aber als die junge Dame in einer Gesamthöhe von 93 Metern fertig war (allein ihre Hand maß fünf Meter in der Länge; der Zeigefinger 2,44 Meter), musste sie natürlich draußen platziert werden. Ihr Standort wurde die damals als bevorzugtes Stadtquartier der Reichen und Schönen angesagte Plaine Monceau, heute vor allem durch den reizvollen Parc Monceau bekannt. Hier ragte sie nun, sicherheitshalber eingerüstet, vor aller Augen der Menschen in der Hauptstadt über sämtliche Häuser empor und wurde ein beliebtes Motiv der zeitgenössischen Maler – auch das dokumentiert die Schau eindrucksvoll.
Und sie belehrt über das ausgeklügelte Bildprogramm der Statue, das man angesichts ihrer schieren Größe nicht vergessen sollte. Das lange Gewand von Mademoiselle, aber auch die Fackel sowie die Zacken auf ihrem Diadem erinnern an das klassische Griechenland, das Muttervolk der Demokratie sowie der westlichen Zivilisation. Der Glaube an das Abendland als Wiege aller Kultur und allen Fortschritts hatte damals noch niemand „dekonstruiert“. Als Vorbild fungierte der Koloss von Rhodos.
Doch der war ein Mann gewesen. Warum musste die Neuauflage eine Frau sein? Nun, das hing natürlich aufs Engste mit dem Selbstbild des offiziellen Frankreichs zusammen. „La liberté guidant le peuple“ (Die Freiheit führt das Volk an): So hieß das ikonische Bild von Eugène Delacroix, das sich auf die Revolution von 1830 bezog und eine Schöne mit viel nackter Haut auf die Barrikaden schickte. La Liberté, Marianne, la France: alles weiblich! Aber man beachte die Kopfbedeckung: Französische Mariannen trugen meistens die sogenannte phrygische Mütze, die mit der Revolution von 1789 als Demokratiesymbol aufgekommen war. Doch Miss Liberty trägt ein antikes Diadem. Die Statue heißt jetzt, mit bezeichnender Änderung, „La Liberté éclairant le monde“ (Die Freiheit erhellt die Welt und klärt sie auf).
Der Anspruch war ein universeller. Wichtiger als ein einzelnes Volk war nun die Welt. Und bedeutsamer als die Demokratie wurde Aufklärung. Darum der „phare“, die Fackel, das Lichtbündel. Und Aufklärung gleich Fortschritt: Ein Fuß unter dem langen Gewand ist nach vorn gerichtet. Der andere jedoch tritt nach hinten, tritt etwas weg, zertritt es. Wenn man sich eines der vielen Gipsmodelle im Musée d’Orsay anschaut, kann man es endlich identifizieren: Es sind die Glieder einer Kette. Symbol von Unterdrückung und Sklaverei, die dem damaligen Verständnis nach die Menschen so lange gefesselt hatten. „Der Mensch ist frei geboren; aber überall liegt er in Ketten“, heißt es bekanntlich bei Rousseau in seiner Schrift „Du contrat social“ (Vom Gesellschaftsvertrag).
Das alles konnte, musste in Amerika gefallen. Und es ist auch nichts darüber bekannt geworden, dass die Vereinigten Staaten am Bildprogramm ihrer neuen, riesigen Mitbürgerin den geringsten Anstoß genommen hätten. Womit sie sich hingegen schwer taten, war, das Geld für den Sockel zusammenzubekommen. Daher die Verspätung! Daher die Aufstellung erst 1886! Fundraising, heute oft als typisch amerikanisches Finanzierungsmodell angesehen, steckte damals offenbar jenseits des großen Teichs noch in den Kinderschuhen. Vor allem, wenn es um Kultur ging, noch dazu Kultur im öffentlichen Raum.
Brauchte man auf jedem Platz ein Standbild für irgendeine militärische, künstlerische, wissenschaftliche, intellektuelle Koryphäe, wie es Frankreich oder auch Deutschland liebten? Hatte man überhaupt so viele bedeutende Männer (nach Frauen wurde ohnehin noch nicht gefragt)? Man war schließlich ein junges Volk, und in kultureller Hinsicht hatte man noch nicht so furchtbar viel von sich reden gemacht. Sogar für die Staatsarchitektur holten sich die Amerikaner noch im 19. Jahrhundert gern Experten aus Deutschland.
Preisfrage: Wer hat das offizielle Washington gebaut? Wer malte das ikonische Bild vom amerikanischen Unabhängigkeitskampf? Antwort: Adolf Cluss aus Heilbronn; Emanuel Leutze aus Schwäbisch Gmünd.
Kurzum: Ein wenig kulturelle Entwicklungshilfe für die Gestaltung eines so exponierten Ortes wie den Hafen von New York konnte als hochwillkommen gelten. Und wer eignete sich besser dafür als Monsieur Bartholdi, der mit seiner Miss Liberty vorwegnahm, was später eine uramerikanische Maxime werden sollte: Think big.
Nach Amerika ist Auguste Barholdi dann aber doch nicht ausgewandert. Doch eine Frau hat er sich von dort mitgebracht. Mit ihr gelangten zwei Kinder aus der ersten Ehe von Madame in den Haushalt des Künstlers, der lange Zeit Junggeselle geblieben und mit seiner Mutter zusammengelebt hatte. So viel Aufsehen wie mit der Freiheitsstatue erlangte Bartholdi jedoch mit keinem seiner Werke, die nach 1886 entstanden, wieder.
Gern griff er bei seinen Brunnen und Standbildern, die er bis zu seinem Tod als Siebzigjähriger im Jahr 1904 noch schuf, auf Geschehnisse und Figuren aus seiner elsässischen Heimat zurück. Dass es wieder französisch wurde, hat er nicht mehr erlebt. Aber was Frankreich? Was Deutschland? Mit seiner Miss Liberty hatte Auguste Bartholdi sich den Wahlspruch eines anderen bedeutenden Zeitgenossen zu eigen gemacht, eines Hamburgers diesmal: „Mein Feld ist die Welt.“
„Auguste Bartholdi. La Liberté éclairant le monde“, bis 31. Januar 2027, Musée d’Orsay, Paris