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Die Queen des Freitagabends

· Culture

Es war einmal eine junge Frau, die arbeitete schon seit sieben Jahren als Produktionsassistentin beim Sender Freies Berlin (SFB), und die Redakteure und Abteilungsleiter – sämtlich Männer – nutzten ihren Fleiß gnadenlos aus. Ihr Chef hob abends gern ein Bierchen, und wenn er, fahruntüchtig, ein Taxi nach Hause genommen hatte, warf er ihr am nächsten Morgen seinen Autoschlüssel mit der Bemerkung „Regina, such mal!“ auf den Schreibtisch – und Regina rannte dann durch die Straßen, um den Wagen zu finden.

„Wie jede tüchtige Frau“, schrieb Regina Ziegler Jahrzehnte später in ihren Erinnerungen „Geht nicht, gibt’s nicht“, habe sie gehofft, mit ihrer Arbeit zu überzeugen und gefördert zu werden: „Weit gefehlt! … Die Herren im Sender dachten nicht im Traum daran. Die Bezeichnung ,Filmproduzentin‘ existierte damals gar nicht. Produzenten waren Männer, basta.“

Und so sei Regina Ziegler, geht die Gründungslegende, zur Sparkasse gegangen und habe um einen Kredit gebeten, aber dort habe man sie für eine Sekretärin gehalten. „Stimmt nicht“, sagte Ziegler, sie sei zur Bank für Handel und Industrie gegangen. „Der Leiter hieß Herr Jaenichen. Ich fragte also, ob ich ab und zu mal bis 10.000 Mark überziehen kann.“ Und Herr Jaenichen sagte: „Klar, sie haben doch seit sieben Jahren jeden Monat ein regelmäßiges Einkommen.“ Und so entstand das Debüt der 29-Jährigen – „Ich dachte, ich wäre tot“ –, ein Film über eine junge Frau, die sich den erdrückenden bürgerlichen Erwartungen ihrer Eltern, ihres Chefs und ihres Freundes nicht gewachsen fühlt. Es war auch das Debüt eines 29-jährigen Regisseurs namens Wolf Gremm, der ihr seit Monaten den Hof gemacht hatte. Schließlich heirateten die beiden und blieben fast vier Jahrzehnte zusammen und drehten fast zwei Dutzend Filme zusammen.

Regina Ziegler verfolgte lange einen erratischen Kurs. Sie verfilmte Peter Steins Schaubühnen-Theatererfolg „Sommergäste“ und, als „Tod oder Freiheit“, Schillers „Die Räuber“. Des Weiteren verfilmte sie das Leben Heinrich von Kleists („Heinrich“) und den Kästner-Roman „Fabian“. Sie gab Udo Lindenberg in „Panische Zeiten“ seine erste Hauptrolle und der Kluge-Schülerin Jeanine Meerapfel mit „Malou“ ihre erste Regie und ließ schließlich in „Die Antigone des Sophokles nach der Hölderlinschen Übertragung für die Bühne bearbeitet von Brecht“ das antike Stück in einem Amphitheater rezitieren und von den strengen Stilisten Straub und Huillet filmen.

Danach spürte Ziegler, dass es so nicht mehr weitergehen konnte. „Nachdem mich mein leidenschaftliches Engagement für Kinofilme viele Jahre zur Minusmillionärin gemacht hatte“, schreibt sie in ihren Erinnerungen, „verlegten wir den Produktionsschwerpunkt ganz klar in den Bereich des Fernsehens.“

So begann ihr Aufstieg zur Queen des Freitagabendfilms mit Titeln wie „Überleben an der Wickelfront“, „Kennen Sie Ihren Liebhaber?“, „Lügen haben linke Hände“, „Schaumküsse“ oder „Moppel-Ich“. In manchen Jahren entstanden bis zu zehn Stück Degeto-Kitsch, die unverhohlen – und erfolgreich – nach der Quote schielten. In Nachrufen wird gern von 500 Ziegler-Filmen in fünf Jahrzehnten geschrieben, in Wirklichkeit waren es eher die Hälfte, rund 250, was auch eine enorme Zahl ist. Auf 500 kommt man nur, wenn man jede Folge einer Serie als separaten Film zählt, und Serien hat Ziegler genug gedreht, darunter das preisgekrönte „Weissensee“ (24 Folgen), die „Mordkommission Istanbul“ (18) oder die „Familie Bundschuh“ (acht).

Man kann Regina Ziegler als die Nachfolgerin des Filmmoguls Artur Brauner betrachten, der in den Nachkriegsjahren mit Schlager- und Kriminalfilmen sein Geld verdiente und sich zwischendurch jene Filme erlaubte, an denen sein Herz hing, Filme über den Nationalsozialismus. Anders als Brauner war Ziegler keine Verfolgte der Diktatur, dafür war sie zu jung – ihre Mutter wurde allerdings, als sie mit ihrer Tochter hochschwanger war, bei einem Bombenangriff in einem Luftschutzkeller vier Tage verschüttet – und doch kehrte Ziegler immer wieder filmisch in die NS-Vergangenheit zurück.

Sie ermöglichte „Korczak“ über den jüdischen Kinderarzt Janusz Korczak, der freiwillig Kinder aus einem jüdischen Waisenhaus ins Vernichtungslager Treblinka begleitete; auch Brauner hatte einen Korczak-Film gedreht. Steven Spielberg soll Zieglers Film elfmal gesehen haben, bevor er „Schindlers Liste“ anfing. Sie verfilmte Irmgard Keuns Roman „Nach Mitternacht“ über den Fanatismus, der sich nach Hitlers Machtergreifung ausbreitete. Sie verfilmte die letzten Lebenswochen von „Martha Liebermann“, der Witwe des Malers, die eine Überdosis Schlafmittel nahm, als ihr die Deportation drohte. Andreas Dresens „In Liebe, Eure Hilde“ stammt von ihr, die Geschichte der Widerstandskämpferin Hilde Coppi, und Margarethe von Trottas „Rosa Luxemburg“.

Ihr Interesse an Zeitgeschichte war breit gestreut, vom Kriegsende („Heimsuchung“, gerade als Schlöndorff-Inszenierung erfolgreich in den Kinos) und der Berlin-Blockade („Die Wölfe“, wofür sie einen amerikanischen Emmy gewann) über den Aufstieg des Zeitungs-Magnaten Axel Springer („Der Verleger“) und das Ende der Kanzlerschaft Willy Brandts („Schatten der Macht“) bis hin zu dem fatalen Geiseldrama („Gladbeck“) und dem Panorama der späten DDR („Weissensee“). Sie produzierte Dokumentationen wie „Attentat auf Adenauer“, „Der deutsche Kanzler“ über Helmut Schmidt, „Mr. Bundesrepublik“ über Hans-Dietrich Genscher und „Die Kanzlerin – Angela Merkels erstes Regierungsjahr“. Im Wahlkampf 2013 initiierte sie die Facebook-Kampagne „Sag Ja zu Angela“.

Selbstbewusst und willensstark, bekam sie fast alles zustande, was sie wollte. Das hatte sie von ihrer Mutter, die als rasende Reporterin einer Lokalzeitung arbeitete und auch Filmkritiken verfasste. „Sie hatte eine Haltung, die mich schon als Kleinkind beeindruckte“, schrieb sie über die Mutter: „Lass Dich nicht belügen, lass Dir nicht einreden, dass Du etwas nicht kannst, folge Deinem Gefühl, folge Deinen Träumen. Daran habe ich mich immer gehalten.“

Als Fassbinder das Leben der Rosa Luxemburg verfilmen wollte, rief sie seine Traumbesetzung, Jane Fonda!, einfach an und gewann sie für das Projekt; nur starb Fassbinder kurz darauf. Als der Vatikan die Archive der Inquisition öffnete, reiste sie mit ihrem Berater Michel Friedman nach Rom zum damaligen Präfekten der Glaubenskongregation (und späteren Papst) Josef Ratzinger und rang ihm die Drehgenehmigung ab, exklusiv für ein halbes Jahr. Nur den Kinofilm über Beate Uhse hat sie nicht zustande bekommen.

An der Babelsberger Filmhochschule „Konrad Wolf“ wurde sie zur Honorarprofessorin ernannt und hatte einen jungen Studenten namens Philipp Pratt – jenen Pratt, der 15 Jahre später die deutschen Inhalte für Amazon verantworten sollte. Und so wurde Ziegler in ihren Siebzigern noch eine Pionierin der Zusammenarbeit mit den Streamern, und zur Emmy-Zeit schmiss sie an der vornehmsten Berliner Adresse, im Grunewalder Schlosshotel, stets eine rauschende Party. Sie wusste, was sie ihrer Branche schuldig war. Schon in den Achtzigern hatte sie mit ihr gefeiert, damals in dem Kreuzberger Kultlokal „Exil“, mit David Bowie, Otto Sander und Rainer Werner Fassbinder. Damals war sie noch die einzige Frau dort, während die Männer nächtelang rauchten und tranken und debattierten und qualmten, soffen und disputierten.

Man kann die Geschichte der Regina Ziegler auch anhand einer optischen Achse erzählen. Der eine Endpunkt ist Zieglers Berliner Firmenzentrale am Lietzensee in der Neuen Kantstraße. Von dort führt eine gerade Verbindung über die Ostpreußenbrücke zum anderthalb Kilometer entfernten Funkhaus des RBB (früher SFB) am Fuße des Funkturms, Endpunkt Nummer zwei. Und nun blenden wir über zum Beginn von Wim Wenders’ legendärem „Himmel über Berlin“. Die Kamera umfliegt den Funkturm, sie blickt auf die Ostpreußenbrücke, auf die Neue Kantstraße, und im Hintergrund sieht man den gründerzeitlichen Prachtbau von Zieglers Firmensitz, in gewisser Ferne, aber doch so nah.

Der Punkt ist: Ziegler hat jede Menge Filme für öffentlich-rechtliche Fernsehanstalten gemacht, aber nie einen mit Wim Wenders. Nie einen mit Werner Herzog, Dominik Graf, Edgar Reitz, Alexander Kluge, Bully Herbig, Fatih Akin oder Tom Tykwer, den Regieaushängeschildern des deutschen Kinos. Die Gründe mögen vielfältig sein, aber vielleicht hatten sie auch etwas mit der Machtfrage zu tun. Es wäre auf einen Zusammenprall von Egos hinausgelaufen, dem eines Regisseurs und dem einer Produzentin.

Die Ehrungen kamen spät für die Frau in Rot. Rot war ihre Haar- und ihre Lieblingsfarbe. Irgendetwas Rotes trug sie immer. Sie erhielt eine Ehren-Lola und die österreichische Romy und eine dreiwöchige Retrospektive im Museum of Modern Art in New York. Vor allem aber kann man nicht genug betonen, dass ihre Firma mit den 30 Beschäftigten bis heute ein konzernunabhängiger Familienbetrieb geblieben ist, der nun von ihrer Tochter Tanja geleitet wird. Regina Ziegler war weit mehr als Degeto-Kitsch. Sie ist deutsche Filmgeschichte. Jetzt ist sie 82-jährig gestorben.