Die Geheimnisse des Tim Curry
30 Jahre lang hat sich Tim Curry in Interviews strikt geweigert, über seine berühmteste Rolle in „The Rocky Horror Picture Show“ zu sprechen. Es erschien ihm wie eine Reduzierung seiner lebenslangen Arbeit. Schließlich hatte er in mehr als 230 Filmen und mehr als 30 Theaterstücken NICHT Dr. Frank N. Furter gespielt.
Als er sich schließlich damit ausgesöhnt hatte, auf ewig der Transvestit aus Transsylvanien zu bleiben, erzählte er, wie er zu dem Part gekommen war. „Ich hatte von dem Stück gehört, weil ich in London in der Paddington Street wohnte, einer Seitenstraße der Baker Street, und dort, ein paar Häuser weiter, gab es ein altes Fitnessstudio.“ Auf der Straße traf er den Schauspieler Richard O’Brien, mit dem er zusammen in dem Westend-Musical „Hair“ gespielt hatte, „und der erzählte mir, er sei gerade in dem Studio gewesen, um einen Muskelprotz zu finden, der singen könne. Sein erstes eigenes Musical werde bald aufgeführt, und ich solle mit dem Regisseur Jim Sharman sprechen. Er gab mir das Drehbuch, und ich dachte: ,Mann, wenn das klappt, wird das ein Riesenerfolg‘.“ Das sollte sich als die Untertreibung des Jahrhunderts erweisen.
Curry hielt die Figur ursprünglich lediglich für einen Arzt im weißen Laborkittel. Auf Anregung von Sharman entwickelte sich die Figur jedoch zu einem teuflischen, verrückten Wissenschaftler und Transvestiten. Dr. Frank-N-Furter sprach ursprünglich mit deutschem Akzent, dann probierte Curry einen amerikanischen, entschloss sich jedoch schließlich für einen britischen, nachdem er im Bus eine Frau mit dem vornehmen Belgravia-Akzent „Haben Sie ein Haus in der Stadt oder ein Haus auf dem Land?“ sagen gehört hatte. Frank-N-Furter sollte klingen wie die Queen.
Unbestreitbar attraktiv
Die Inszenierung am Royal Court Theatre in London – Zentrum für zeitgenössisches Drama – wurde von Beginn an ein Erfolg, und „The Rocky Horror Show“ zog von dem 60-Platz-Haus bald ins King’s Road Theatre mit seinen 600 Sitzen und sollte dort sechs Jahre laufen. Da konnte es nicht lange dauern, bis der Film sich meldete. Für die Dreharbeiten zog man nach Oakley Court, in ein düsteres Herrenhaus, das zuvor in Hammer-Gruselfilmen verwendet worden war, und bediente sich freizügig an Requisiten und Kostümen aus dem Hammer-Fundus.
„The Rocky Horror Picture Show“ mag wie eine unsinnige Geschichte über einen bizarren, Wissenschaftler wirken. Doch dies ist die Geschichte von Dr. Frank-N-Furter, einem Besucher aus einer anderen Welt, der von Planet zu Planet auf der Suche nach einem Ort reist, wo er seine queeren Sehnsüchte frei ausleben kann. Auf der Erde entdeckt er (wie Dr. Frankenstein) die Fähigkeit, Leben zu erschaffen, und kreiert einen idealen menschlichen Begleiter namens Rocky.
Die Stonewall-Unruhen hatten 1969 einen Wendepunkt in der LGBTQ-Rechtebewegung markiert, in den Siebzigern ging es um Sichtbarkeit und Aktivismus. Inmitten dieses kulturellen Wandels entstand „The Rocky Horror Picture Show“ (inzwischen mit „Picture“ im Titel), ein Film, der Themen wie Selbstfindung, sexuelle Freiheit und Geschlechteridentität behandelte, in einem unterhaltsamen, skurrilen und campigen Rahmen, verbunden mit einer spielerischen Satire auf Science-Fiction- und B-Filme der 1950er-Jahre. Tim Curry als Dr. Frank-N-Furter ist lautstark, selbstbewusst, glamourös und sowohl für Janet als auch für Brad – das heterosexuelle Paar, das nach einer Autopanne in das abgelegene Schloss gerät – unbestreitbar attraktiv.
Der Film platzte in eine Zeit, in der die queere Gemeinde nur wenige Orte der öffentlichen Begegnung hatte. Die „Rocky Horror“-Vorführungen boten ein gemeinsames Erlebnis, bei dem getanzt und getrötet wurde und Reis und Klopapierrollen flogen. Für viele Menschen war schon der bloße Gang in ein Kino, wo sie ganz sie selbst sein konnten, eine bestärkende Erfahrung. In den Münchner Museum-Lichtspielen ist „Rocky Horror“ seit dem 24. Juni 1977 jede Woche zu sehen, der längste ununterbrochene Lauf eines Films in der Filmgeschichte.
Nachdem er William Shakespeare gespielt hatte (in einer TV-Serie) und Bill Sikes (in „Oliver Twist“) und Kardinal Richelieu (in den „Drei Musketieren“) und Long John Silver (in der „Schatzinsel“) und Gomez Addams (in der „Addams Family“) und König Arthur (in „Monty Pythons Spamalot“) und natürlich den Clown Pennywise (in „Es“) – nachdem er sich in allen möglichen anderen extravaganten, überlebensgroßen Rollen eingerichtet hatte, antwortete Curry auf die Frage, wie er Dr. Frank-N-Furter nun sehe: „Mit einer Art amüsierter Nachsicht. Er ist weder ein Segen noch ein Fluch. Ich hatte das Glück, ihn zu bekommen.“
Über sein Privatleben sprach Tim Curry nie öffentlich. Er, der begeisterte Hobbygärtner, habe einmal einen Garten für Freddie Mercury angelegt; das war alles, was man erfuhr. Nun ist er 80-jährig bei Los Angeles gestorben.