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Die ewig deutsche Sehnsucht nach gehobener Englishness

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Es begab sich aber zu einer Zeit, als das Fernsehen im Westen Deutschlands noch weitgehend schwarz-weiß war, dass die Geschichte vom Aufstieg und Verfall einer weitverzweigten Familie aus der britischen High Society des späten 19. Jahrhunderts die Straßen leerfegte. Millionen guckten in den frühen 70ern des Sonntags dem Intrigenstadl der Londoner Börsenmakler-Familie Forsyte in 26 Folgen zu.

Die „Forsyte Saga“, der die Roman-Trilogie des mit allen Wassern der Ironie gewaschenen Literaturnobelpreisträgers John Galsworthy zugrunde lag, ist die Wurzel, aus der sich bis heute die deutsche Begeisterung für britische Period-Dramen speist. Der Urmeter für alles vom „Haus am Eaton Place“ über „Downton Abbey“ bis „Bridgerton“.

Ganz verrückt war das Land nach den Forsytes. Zeitschriften druckten Stammbäume mit Brustbildern der Familienmitglieder. Was nötig war, weil eigentlich niemand Galsworthys gut ein Kilo schweren Dreibänder gelesen hatte. Und sich keiner merken konnte, wer nun zu wem gehörte in der Familie der beiden verfeindeten Brüder Jolyon und James Forsyte.

Gut fünfzig Jahre hat es Galsworthy in Deutschland immer noch nicht annähernd zu jener Popularität gebracht, die er in Großbritannien nicht zuletzt durch die andauernde Mehrfachverwertung der „Forsytes“ in Hör- und Theaterstücken und Serien genießt. Deswegen ist man doch sehr dankbar für die ersten zehn Minuten des Serien-Remakes, dessen erste sechs Folgen jetzt auf ZDFneo anlaufen.

Da hört man eine Stimme, die klingt wie die einer älteren Schwester der Bridgertonschen Lady Whistledown. Während die Kamera über die glatten, seltsam goldbrokat beschienenen Gesichter jener schwenkt, die sich zur Hochzeit von Jolyon Forsyte Junior und Frances, der ungekrönten Gesellschaftskönigin vom London des Jahres 1877, versammelt haben, erklärt sie alles erst einmal in Grundzügen. Wer zu wem gehört und warum Heirat und Liebe eher nicht zwangsläufig zusammengehören in der Welt der börsenhandelnden Emporkömmlinge, Heirat und Statusbewahrung und Geld- und Einflussmehrung aber schon.

Das ist die erste gute Nachricht. Debbie Horsfield, die schon aus Winston Grahams Roman-Reihe „Poldark“ eine hinreißende Seifenoper geschnitzt hatte, tut alles, damit man sich sofort wohlfühlt in ihrem romantischen Vollbad. In das hat sie so viel der besten Badezusätze aus allen bisher bekannten Period-Dramen, versetzt mit einem ganz gehörigen Schuss „Dallas“, geschüttet, dass es ordentlich Gefühle schäumt.

Horsfield ist mit Galworthys Saga, sagen wir es vorsichtig, eher freimütig umgegangen. Sie hat zum Beispiel Figuren erfunden, aus deren Subgeschichten ganze Handlungszweige wachsen. Sie hält sich allerdings geradezu sklavisch an die dramaturgische Effizienz der ersten zehn Minuten. Man kann sich ihrer stets offenliegenden Erzählmechanik guten Gewissens überlassen. Das Cliff, an dem jede Folge am Ende hängt, sieht man schon von Weitem.

Die Bösen tragen böse Bärte

Die Grundguten und die herzlosen Erzkapitalisten werden zwar ausreichend in moralische Zwickmühlen geführt, sind aber sorgfältig geschieden. Wer böse ist – wie Soames Forsyte, Cousin und erzkapitalistischer Gegenentwurf von Jolyon Junior –, muss einen gefährlichen Bart tragen. Jolyon wiederum, der Gutmensch, der Künstler sein will, aber Geschäftsmann sein muss, darf mit offener Hemdbrust durch die Straßen laufen und die Haare von Jon Bon Jovi auftragen. Dafür wird er damit bestraft, dass er in Rückblenden von unerträglicher Süße in Venedig herumgondeln muss, mit einer Palette in und seiner Lebensliebe Louisa an der Hand (die es bei Galsworthy gar nicht gibt).

Jedes Mal, wenn man eins seiner entsetzlichen Canaletto-für-Arme-Bilder sieht, möchte man ihn anschreien, es doch besser zu lassen mit der Malerei. Es werden schrecklich gestelzte Sätze gesprochen. Nur selten schafft es mal einer aus dem ordentlich spielenden Cast, die glattpolierte Oberfläche mit so etwas wie Tiefe auszustatten. Der Sex ist so gesittet wie der Tanz. Sehr hübsch fotografiert ist das immerhin. Die Straßen von London sehen frisch geteert aus. Es liegt ein feiner Schleier über den Bildern. Am Glyzinien-Etat allerdings wurde im Vergleich zu „Bridgerton“ doch sehr gespart.

Das reicht in Ermangelung einer neuen Staffel „Bridgerton“ oder „Gilded Age“ oder eines Spin-offs von „Downton Abbey“ als Sedativum für die nächste Sommergrippe. Ohne leichtes Fieber allerdings sind „The Forsytes“ kaum zu ertragen.

Die Serie „The Forsytes – Familie verpflichtet“ läuft auf ZDFneo