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Die eigentliche Entdeckung von Venedig

· Culture

Der Holzinger-Hype in Venedig ist ungebrochen – auch über einen Monat nach Eröffnung der Kunst-Biennale. Kaum sind die Tore zu den Giardini geöffnet, sprinten Besucher zum österreichischen Pavillon, vor dem sich innerhalb kürzester Zeit eine lange Schlange bildet. Mit ihrer Extremperformance „Seaworld Venice“ über Mensch, Technik und Natur trifft Florentina Holzinger einen Nerv, der etwas wie religiöse Gefühle zu triggern scheint. Während Holzinger kopfüber in einer Glocke baumelt, herrscht andächtiges Schweigen, die filmenden Smartphones wie Gebetsbücher erhoben. Wer in den vorderen Reihen vom Jet-Ski nassgemacht wird, empfängt das wie eine Taufe.

Auch die erbetene „Pipi-Spende“ („Kein Kacka!“) für das Tauchbecken wird von den Besuchern mit heiligem Ernst auf dem Dixi-Klo abgeliefert. „So toll, dass die Putzfrauen auch Teil der Performance sind“, unterhalten sich zwei ältere Damen in teuer aussehenden Kleidern auf Deutsch. Die „Putzfrau“ mit Kittel und Gummihandschuhen neben ihnen ist Holzinger höchstselbst, mit Kopftuch und Sonnenbrille getarnt. Bei den künstlerischen Kryptowährungen Erlebnis und Weirdness liegt der österreichische Pavillon noch deutlich vor Japan, wo man unheimliche Plastikbabypuppen gegen sinkende Geburtenraten herumträgt, und auch vor Dänemark, wo man sich mit einem VR-Porno-Musical in einer Samenbank ebenfalls um die reproduktiven Aussichten westlicher Gesellschaften sorgt.

Etwas im Schatten der großen Aufmerksamkeit liegt die Theaterbiennale von Venedig, dieses Jahr zum zweiten Mal von Willem Dafoe kuratiert. Bevor Dafoe zum Hollywoodstar wurde, spielte der heute 70-Jährige in New Yorker Off-Bühnen-Avantgarde-Theater und war Mitbegründer der berühmten Wooster Group. Als Kurator bleibt Dafoe seinen Anfängen treu. Während andernorts ein Rückgang postdramatischer Experimente zu beobachten ist, wird in Venedig das Aufsprengen künstlerischer Grenzen gefeiert, als hätte sich die Avantgarde nie erschöpft. Entsprechend angestaubt und abgegriffen sieht das auch manchmal aus. Pseudophilosophisches Geschwurbel mit Videospielereien und Brachialtechno („Imago Vocis“), Völkermordtrauma als Selbsterfahrungsmonolog („Hewa Rwanda – Letter to the Absent“) oder anklagende Zitate-Collage mit Free-Jazz-Untermalung („Cries“). Hat man alles schon gesehen – und vor allem besser.

Die große Entdeckung der Theaterbiennale ist Mario Banushi, der diesen Sonntag den Silbernen Löwen verliehen bekommt (den Goldenen Löwen bekommt die italienische Autorin und Regisseurin Emma Dante für ihr Lebenswerk). Der 1998 im albanischen Tirana geborene und im griechischen Athen aufgewachsene Banushi ist ein Shooting-Star des europäischen Theaters. Mit nicht einmal 30 Jahren und kaum einer Handvoll Stücke wirkt sein Erfolg fast so unheimlich wie seine düsteren Inszenierungen, die wie von David Lynch, Romeo Castellucci und Gisèle Vienne inspiriert wirken. In Venedig kann man nun erstmals seine als „Romance Familiare“ („Familienroman“) bezeichnete Trilogie aus „Ragada“, „Goodbye, Lindita!“ und „Taverna Miresia“ an einem Ort sehen. Banushis Stücke folgen keiner klassischen Dramaturgie, sondern sind fast installative Räume einer Logik des Unheimlichen und des Unbewussten. Räume mit geschlossenen kleinbürgerlichen Interieurs, die sich plötzlich für das Surreale und Sakrale öffnen.

Banushis Stücke stecken voller Überraschungen – und voller Frauenfiguren. Eine Frau steigt aus einem Kühlschrank. Eine andere Frau verschwindet in der Wand. In einem Schrank liegt eine nackte, leblose Frau. Eine nackte alte Frau wird mit Mehl bestäubt und mit Teig maskiert. Einer jungen nackten Frau wird Schaum über den Brüsten verteilt. Zwei nackte Frauen bilden eine Pietà. Eine Frau mit verlaufener Wimperntusche tritt im Brautkleid auf, eine andere im Trauerkleid. Banushi erzählt zwar sehr persönlich von Familie, Tod und Trauer, landet dabei jedoch bei Symbolen und Archetypen, die sich aus christlicher Ikonografie und albanischer Kultur speisen.

Das alles wirkt wie eine verstörende Mischung aus ödipalen Fantasien, unmöglicher „Sprache der Trauer“ (Roland Barthes) und sehr viel David Lynch (nicht zufällig läuft in seinem Erstlingswerk „Ragada“ immer wieder „Blue Velvet“). Die Trilogie beginnt sehr intim – als Wohnzimmerstück in einem venezianischen Palazzo – und wird immer raumgreifender. Man darf gespannt sein, wie sich Banushis formverliebter Theatersurrealismus künftig entwickelt. Die Aufmerksamkeit ist ihm mit der Auszeichnung in Venedig gesichert.

Wie ein Ausflug aus Banushis unheimlichen Traumlandschaften in die Realität wirkt „Promemoria“ von Davide Iodice, das in einem Seniorenheim am Rande Venedigs spielt. Das mit den Bewohnern als „Experten der Realität“ entwickelte Stück handelt vom allmählichen Verschwinden und vom Erinnern. Vom Sport- über den Kunst- bis zum Aufenthaltsraum taucht man in einen Alltag ein, der kaum weiter entfernt vom Trubel der Kunst- und Theaterwelt sein könnte. Doch wenn am Ende die Alten in einer fröhlichen Parade aus Rollstühlen und Rollatoren durch den großen Saal ziehen, wird etwas von der Kraft des Theaters als Ritual spürbar. „Promemoria“ ist sicher nicht das künstlerisch wegweisende Theater der Zukunft, aber wahrhaft berührend ist es auf jeden Fall.

Was man als Theaterliebhaber in Venedig auf keinen Fall verpassen sollte, ist eine Werkschau des 1990 verstorbenen polnischen Theateravantgardisten Tadeusz Kantor, eine der vier offiziellen Begleitausstellungen der Biennale. Etwas versteckt direkt am Markusplatz, wo sich Touristen mit Möwen um Essen und mit Hütchenspielern um Geld streiten, wenn sie nicht freudestrahlend Selfies vor dem Markusdom oder „Tourists Go Home!“-Graffiti machen, geht man eine schmale Treppe zur Procuratie Vecchie hinauf, um in die Bilder und Figurinen von Kantor einzutauchen.

Eine Serie von Gemälden arbeitet mit zerbrochenen Regenschirmen als Symbol metaphysischer Unbehaustheit nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust. Eine andere Serie ist in tiefstes Schwarz getaucht und zeigt wie ein düsteres Gegenstück zu Caravaggio den quälbaren Leib, den keine Kunst mehr erlösen kann. Nebenan läuft Kantors berühmtes Stück „The Dead Class“ auf Video, in der Fernsehverfilmung von Andrzej Wajda. Hat man jemals eine eindringlichere Reflexion auf den kaum aussprechbaren Schrecken der Vernichtung vor allem in Osteuropa gesehen? Im Nebenraum steht „Die tote Klasse“ als unheimliche Puppeninstallation, was Kantor als Grenzgänger zwischen Theater und bildender Kunst zeigt (als solcher wurde er 1960 bei der Biennale im polnischen Pavillon ausgestellt).

Nachdem man „Tadeusz Kantor: Emballage, Cricotage and Madame Jarema“ (es geht in der Ausstellung auch um Kantors Vertraute und Mitstreiterin Maria Jarema) gesehen hat, wird einem immer unverständlicher, warum dieser Künstler von Weltrang heute nicht selbstverständlich in einem Atemzug mit Samuel Beckett genannt wird. Auch wirken gegen Kantors aus Existenzialismus, Theater des Absurden und postkatastrophischer Verzweiflung gespeisten Bilder des Schreckens die heutigen Bilder des Unheimlichen von jemandem wie Banushi fast harmlos, privatistisch und prätentiös. Doch Banushi steht erst am Anfang einer vielversprechenden Karriere. Die Theater-Biennale zeigt jedenfalls, dass es sich in Venedig lohnen kann, nicht nur dem Hype hinterherzurennen.

Die Ausstellung „Tadeusz Kantor: Emballage, Cricotage and Madame Jarema“ ist noch bis 22. November in der Procuratie Vecchie zu sehen, der Eintritt ist frei.