„Die DDR, die es für euch ja früher nie gab“
Es sei ihr eine „innere Notwendigkeit, hier zu reden“, sagt Gabriele Stötzer am Vorabend ihrer Aufnahme in den Kreis der Trägerinnen und Träger des Goslarer Kaiserrings. Und es ist noch gar nicht so lange üblich, dass die Ausgezeichneten beim sogenannten Kaisermahl im Großen Heiligen Kreuz, einem ehemaligen Hospital aus dem 13. Jahrhundert, das Wort ergreifen. Aber, sagt Stötzer, so habe es auch immer in ihren Stasi-Akten gestanden: „Es ist ihr nicht gegeben, etwas nicht zu sagen.“
Also sagt sie mit ihrer thüringisch gefärbten Stimme etwas, das weniger vorbereitete Dankesrede als intuitive Redeperformance ist. Sie habe sich umgeschaut, wer ihr hier helfen könne. Dann weist sie nach rechts, wo eine monumentale Christusfigur am Kreuz hängt: „Ich glaube“, sagt Gabriele Stötzer, „an die Freundschaft. Ich glaube an die Liebe. Ich glaube an die Kunst. Ich glaube.“
Es ist der emotionale Abschluss eines Abends, an dem zunächst an Gabriele Stötzers Vergangenheit erinnert wurde. An eine Frau, Jahrgang 1953, die in der DDR aufwuchs und gegen den Staat opponierte. Nach ihrem Protest gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns wurde sie wegen „Staatsverleumdung“ zu einem Jahr Haft verurteilt. Sieben Monate davon saß sie im berüchtigten Frauengefängnis Hoheneck.
Mit der Künstlerinnengruppe Erfurt machte sie später Performances und Aktionen, veranstaltete „Pleinairs“ im Eichsfeld. Sie lebte einen freien Kunstbegriff, der dem Staat mindestens verdächtig war. Zum Schweigen brachte sie das nicht. Wenige Wochen nach dem Fall der Mauer gehörte sie zu vier Frauen, die am 4. Dezember 1989 die Stasi-Bezirksverwaltung in Erfurt besetzten und die Vernichtung von Akten verhindern halfen.
Mit ihrer Kunst drang sie zunächst kaum über die alternative Szene hinaus. Erst in den vergangenen Jahren wurde breiter erkannt, dass sie mit ihren Fotocollagen, experimentellen Super-8-Filmen und Performancedokumenten und Textilarbeiten zu den wichtigen Protagonistinnen einer feministischen, gesellschaftskritischen Aktionskunst seit den 1970er-Jahren gehört. Florence Thurmes, Generaldirektorin der Kunstsammlungen Chemnitz, stellte Stötzer in ihrer Laudation in die Tradition von Künstlerinnen wie Carolee Schneemann oder Charlotte Moorman.
Der Berliner Gropiusbau widmet Stötzer zurzeit die bislang größte Retrospektive ihres Werks. Und sie ist die erste ostdeutsche Künstlerin mit einer Einzelausstellung in diesem Haus, das immerhin von den Kulturveranstaltungen des Bundes betrieben wird. Im Jahr 2026!
Es ist eine doppelte Verspätung. Die Museen holen seit Jahren Künstlerinnen in einen Kanon, der lange fast selbstverständlich männlich war. Bei Stötzer kommt eine zweite Leerstelle hinzu: die Kunst des ostdeutschen Untergrunds. Und auch der Jury des Kaiserrings, in der unter anderem die Präsidentin der Stiftung Preußischer Kulturbesitz Marion Ackermann und die Direktorin des Frankfurter Museums für Moderne Kunst Susanne Pfeffer sitzen, ist aufgefallen, dass bei der Auswahl seit 1975 nicht nur die Frauen unterrepräsentiert sind, sondern ostdeutsche Künstlerbiografien bislang ganz fehlen.
Mit Gabriele Stötzer trägt den Goslarer Kaiserring, der als bedeutendster deutscher Kunstpreis gilt, erstmals eine Frau mit DDR‑Vergangenheit. Sie steht nun in einer Liste mit Henry Moore, Richard Serra, Joseph Beuys, Georg Baselitz, Anselm Kiefer, Sigmar Polke, Andreas Gursky oder Isaac Julien und auch mit Rebecca Horn, Cindy Sherman oder Isa Genzken. Sichtlich berührt ließ sie sich von Oberbürgermeisterin Urte Schwerdtner den Ring anstecken.
Und in ihrer wieder intuitiv improvisierten Rede legt die 73-Jährige den Finger in die Wunde. „Es ist ja wirklich so, dass ich hier die erste Frauenkünstlerin bin aus der DDR, die es für euch ja früher nie gab, aber die jetzt noch mal mehr in die Öffentlichkeit tritt.“ In der westdeutschen Provinz, wenige Kilometer von der ehemaligen innerdeutschen Grenze, nach den Auswirkungen der Landtagswahl im nahen Sachsen-Anhalt, bekommt der Satz eine besondere Resonanz.
Zumal die Verleihung nach strengem, feierlichem Zeremoniell traditionell in der Goslarer Kaiserpfalz aus dem 11. Jahrhundert stattfindet. Wer hier spricht, spricht auch vor dem deutschen Pathos der Gemälde von Hermann Wislicenus, der in den 1880er-Jahren eine „Apotheose der Reichsgründung“ auf die romanischen Wände malte.
Stötzer hält dem Publikum „Der lange Arm der Stasi“ entgegen, ihr Buch, für das sie mehr als 25 Jahre später in den Stasi-Archiven zu ihrer eigenen Vergangenheit und zu 32 Künstlerschicksalen recherchiert hat. Sie erzählt darin auch von den IMs, die sie bespitzelten. „Das ist meine Generation“, habe sie plötzlich begriffen, „wir sind alle Opfer und Täter.“ Mit Blick in den Saal bemerkt sie: „Wir sind alle eine Generation.“ Gabriele Stötzer begreift diese Verbundenheit ihrer Generation als Verantwortung, auch für Versöhnung unter Freunden. Schweigen, das hat sie in der Diktatur gelernt, hilft dabei nicht.
„Gabriele Stötzer. Kaiserring der Stadt Goslar – VERbunden“, bis 31. Januar 2027, Mönchehaus Museum, Goslar