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Die beste Szene des Jahres

· Culture

Beim Filmfestival von Cannes sprachen dieses Jahr alle von einem Film, der gar nicht im Hauptwettbewerb lief: Sandra Wollners Trauerbewältigungsdrama „Everytime“ gewann dann auch wenig überraschend in der Sektion „Un Certain Regard“. Wenige Wochen später feierte er seine Deutschlandpremiere beim Filmfest München. Und auch hier war wieder dasselbe Phänomen zu beobachten. Ob auf der legendären Monaco-Party, bei der Diskussionen über „Everytime“ das gleichzeitig stattfindende Deutschland-Paraguay-Elfmeterschießen überschatteten, beim abkühlenden Sprung in die Isar oder sogar nach anderen Premieren: „Everytime“ und sein verstörendes, für die unterschiedlichsten Interpretationen offenes Ende waren das Gesprächsthema der Stunde.

Der Film lässt sich in drei Abschnitte gliedern. Im ersten stirbt die 17-jährige Jessie (Carla Hüttermann), während sie mit ihrem Freund Lux (Tristán López) einen nächtlichen Drogentrip auf einem Hochhausdach durchlebt. Der Moment gehört zu den schönsten, berückendsten, faszinierendsten Todesszenen der Filmgeschichte. Wer schaut, wer wird angeschaut, wo ist oben, wo unten, wann Tag, wann Nacht? Was man hier sieht, lässt einen orientierungs- und fassungslos zurück.

Im zweiten Teil, der ein Jahr später einsetzt, versuchen der von Schuldgefühlen geplagte Lux, Jessies kleine Schwester Mellie (Lotte Shirin Keiling) und ihre alleinerziehende Mutter Ella (Birgit Minichmayr) irgendwie weiterzuleben. Lux hat eine neue Freundin, Ella stürzt sich in die Arbeit und Grabpflege, Mellie schreibt ihrer verstorbenen Schwester weiterhin Emoji-gespickte Handy-Nachrichten. Der dritte Teil erzählt von einem gemeinsamen Urlaub auf Teneriffa, zu dem Ella mit Mellie und Lux in einer spontanen Nacht-und-Nebel-Aktion aufbricht. Hier beginnt die Handlung ins Surreale und Allegorische abzudriften. Was wirklich passiert und was nur der Wahrnehmung der Figuren entspricht, lässt sich nicht mehr so eindeutig sagen.

Neben der Österreicherin Sandra Wollner, die Regie führte und das Drehbuch schrieb, ist unbedingt Kameramann Gregory Oke hervorzuheben. Der Brite, der schon bei dem Trauerbewältigungsdrama „Aftersun“ für poetisch-zärtliche Aufnahmen von Hotelpools, Sonnenuntergängen und Vater-Tochter-Annäherungsversuchen sorgte, hat einen unverkennbaren Stil, der einen aus der Wirklichkeit heraus und in neue Dimensionen hineinkatapultiert. Wer trauert, erlebt die Zeit anders, das zeigen „Aftersun“, wo das „Nach“ im Titel steckt, und „Everytime“, das das „Immer“ im Namen trägt. Hier läuft nichts chronologisch ab, Zeitsprünge, -raffer, -dehnungen und -kreisbewegungen machen einer linearen Temporalität ebenso einen Strich durch die Rechnung wie magische Elemente, etwa eine quadratische, nie untergehende Sonne oder das plötzliche Auftauchen eines fremden Kleinkindes, von dem niemand weiß, wo es hingehört.

Die Stärken des Films sind sein hoher Grad an Klischeefreiheit, der für eine unerwartete Situation nach der anderen sorgt, ebenso wie die atmosphärischen Bilder, die für eine eigentümliche, der angeblichen Gesetzlichkeit von Verlust und Trauer enthobene Stimmung sorgen. Auch die kunstvolle Integration von Computerspielen und Handy-Nachrichten, die eine Geister-Logik kreieren, wirkt erfrischend. Das von lustigen Sticheleien geprägte Familienverhältnis bewahrt die Dialoge vor jeder Schwermütigkeit.

Zu wünschen übrig lassen hingegen der philosophische Gehalt des Films sowie sein dramaturgischer Aufbau. Letzterer verabschiedet sich besonders im dritten Teil zugunsten einer assoziativ freidrehenden Fantasie inklusive plötzlich einsetzendem und eigentlich verzichtbarem Voice-Over. Neben „Aftersun“ erinnert „Everytime“ auch an Mascha Schilinskis beeindruckendes Urlaubs-Eltern-Kind-Drama „Die Tochter“ sowie an Jan-Ole Gersters höchst unterhaltsamen Fuerteventura-Thriller „Islands“. Wo sich Schilinski und Gerster aber noch an klassische Handlungsbögen halten, steht für Wollner eher eine Stimmung des Unbegreiflichen im Vordergrund. So sind die bewegendsten Augenblicke auch ganz leise, fast lautlos.