Berlin – Sie sind 50 Fremde im Fernbus von Berlin nach Magdeburg. Sie hören Musik, lesen auf ihren Handys. Miteinander sprechen tut hier kaum jemand. Nur in der sechsten Reihe entsteht ein reges Gespräch. Dort sitzen eine Rentnerin und ein Student – sie diskutieren über die Wiedervereinigung, die Brandmauer und die Zukunft Deutschlands.
Genau darum soll es auch im Projekt „Deutschland spricht gehen. In ganz Deutschland haben sich 15.240 Menschen dafür angemeldet. Es ist eine deutschlandweite Medieninitiative, initiiert von DIE ZEIT, an der BILD teilnimmt. Die Idee: Menschen mit möglichst unterschiedlichen Meinungen zusammenbringen und miteinander reden lassen. So kamen am Sonntagnachmittag in der Johanniskirche in Magdeburg für „Deutschland spricht“ Menschen mit unterschiedlichen politischen Ansichten zur Diskussion zusammen.
Doch wie ist es in alltäglichen Situationen? Kommen Fremde auch beim Einkaufen, Sport oder Bus über Small Talk hinaus? BILD hat den Test auf der Strecke Berlin-Magdeburg gemacht – und zugehört.
„Der Osten hatte viele tolle Sachen“
Im Flixbus trifft der BILD-Reporter auf Rentnerin Bärbel Marx (76) aus Magdeburg und Luk Nickel (19) – Jura-Student aus Neumünster. Sie hat die DDR erlebt, den Mauerfall und die Wiedervereinigung. Er ist viele Jahre später geboren. Trotzdem diskutieren sie über eine der Fragen, die die Menschen in diesem Land bewegen: Ist die deutsche Einheit gelungen?
„Der Osten hatte viele tolle Sachen, die nicht übernommen wurden“, sagt Bärbel. Bis heute würden Menschen aus Ostdeutschland oft abgestempelt. „Ich war ja nicht dabei“, sagt Luk. Vieles sei sicher nicht perfekt gelaufen. Gleichzeitig fragt er sich, ob es überhaupt möglich gewesen wäre, zwei völlig unterschiedlich entwickelte Systeme reibungslos zusammenzuführen. Trotz fast 60 Jahren Altersunterschied versuchen beide, dem anderen vor allem zuzuhören.
Beim Thema Migration werden die Unterschiede etwas größer. Bärbel ist sicher, dass Deutschland zu viel Zuwanderung hat: „Das sehen ja eigentlich alle so, dass das einfach zu viel ist.“ Luk ist anderer Meinung. Beide sehen Probleme bei der Integration, suchen aber nach Lösungen, statt recht haben zu müssen. Im Gespräch erfährt Bärbel auch von der „Deutschland spricht“-Veranstaltung in der Magdeburger Johanniskirche. Spontan beschließt die 76-Jährige, nach ihrer Ankunft gemeinsam mit ihrer Familie hinzugehen.
Auf der Rückfahrt von Magdeburg nach Berlin treffen Joy (28) und Rita Dietrich (75) aufeinander. Joy kommt aus Luxemburg, lebt seit einigen Jahren in Berlin und arbeitet in zwei Jobs. Rita war 45 Jahre berufstätig. Auch sie sprechen über Arbeit, Lebensqualität und die Zukunft. Rita beobachtet bei ihrem Sohn und ihrer Schwiegertochter Arbeitszeiten, „da guckt ja keiner mehr nach“. Joy kennt diesen Druck. „Wir haben schon eigentlich so wenig Zeit im Leben“, sagt sie.
„Wir in Deutschland sollen mal gar nicht jammern“
Während Joy Sorgen über steigende Lebenshaltungskosten und fehlenden Wohnraum äußert, blickt Rita mit der Erfahrung vieler Jahrzehnte auf die Entwicklung des Landes. „Wir in Deutschland sollen mal gar nicht jammern“, sagt sie. Viele Probleme seien real, dennoch gehe es den Menschen hier oft besser, als sie selbst wahrnähmen.
Am Ende wird niemand bekehrt. Niemand verlässt die Gespräche mit einer fertigen Lösung für die Probleme des Landes. Doch darum soll es an diesem Sonntag auch nicht gehen. Vielmehr haben Menschen miteinander gesprochen, die sich sonst wahrscheinlich nie begegnet wären. Sie widersprechen sich. Sie stimmen einander zu. Vor allem aber hören sie einander. In Zeiten eines immer schärferen politischen Diskurses ist das vielleicht schon bemerkenswert genug.