Deutschland hat Peter Weiss zu früh vergessen
Sie war jung, schön, hochintelligent, ihr Denken wild und dramatisch – und ihr Name Programm: Libertas! Geboren 1913 in Paris, aufgewachsen auf Schloss Liebenberg, sechzig Kilometer nördlich von Berlin. Die Pressereferentin und spätere Filmkritikerin heiratet einen der maßgeblichen Verschwörer gegen die Nazi-Diktatur, Harro Schulze-Boysen, der seit 1934 im Reichsluftfahrtministerium tätig ist. Sie, die 1933 der NSDAP beitrat und 1937 wieder verließ, nutzt ihre Herkunft und Kontakte, die Bekanntschaft mit Hermann Göring, der ganz in der Nähe seiner Jagdleidenschaft nachgeht – um zu spionieren.
Doch die Verschwörung der „Roten Kapelle“ fliegt auf. Am 22. Dezember 1942 wird Libertas in Plötzensee durch die Guillotine hingerichtet, während ihre Mutter noch unterwegs ist, um eine Begnadigung zu erbitten. Ihr Ehemann wird, als Ergebnis von Görings wütender Rache, am selben Tag an Klaviersaiten erhängt.
Das Schicksal von Libertas Schulze-Boysen ist so ungewöhnlich und tragisch – man kann nur staunen, dass Deutschland mit seinem gewaltigen Drang nach „Erinnerung“ und seiner Flut von Gedenken an dieser jungen Frau gewissermaßen vorbeigegangen ist. Während Stauffenberg oder der Weißen Rose in jahrzehntelang geübten Riten nachgetrauert wird und ihr Name für das „andere“, bessere Deutschland steht, ist der Name Libertas kaum bekannt.
Dabei steht ihre Geschichte, literarisch aufbereitet, in einem der bahnbrechenden Bücher des 20. Jahrhunderts: der „Ästhetik des Widerstands“ von Peter Weiss. Kaum jemand hat das Buch dieses Künstlers, Schriftstellers, Theatermanns, engagierten Zeitbeobachters und Gerechtigkeitsfanatikers mit dem bestechenden Titel „Die Ästhetik des Widerstands“ tatsächlich gelesen, sieht man wohl von einigen Wissenschaftlern und Nerds ab. Und es stimmt ja: Das Buch ist sperrig, ein Ungetüm, ein monströses Satzgebirge, das man kaum bezwingen kann.
Mehr als tausend Seiten ohne Absatz, sondern in sogenannten „Blöcken“ geschrieben und mit einer eigenwilligen Zeichensetzung versehen. Eine einzige literarische Unverschämtheit, in einer Liga mit James Joyces „Finnegans Wake“ oder Musils „Mann ohne Eigenschaften“. Diese „Ästhetik des Widerstands“, erschienen in drei Bänden 1975, 1978 und 1981, ist eine dicke, zentnerschwere Provokation. Ein Solitär, beinahe ärgerlich und zugleich brillant. Ein „Roman“, der sich uns in den Weg stellt, als wollte er uns eine Falle stellen. Dabei will er eigentlich den Weg weisen.
Das ist nicht das einzige Paradox bei Peter Weiss, der als Sohn eines jüdischen Vaters Deutschland 1934 verließ, in England lebte, 1937/38 an der Prager Kunstakademie studierte und 1939 nach Schweden floh. Ab 1940 lebte er in Stockholm. Sein Opus magnum ist, trotz des bestechenden, gern zitierten Titels, eher unbekannt geblieben, trotz einiger Welterfolge des Autors wie der theatralischen Auschwitz-Dokumentation „Die Ermittlung“ oder dem Theaterstück „Marat/Sade“. Weiss ist ein vielfach Unverstandener geblieben, der gern zitiert, doch fast nie gelesen wird. Einer der großen Aliens des vergangenen Jahrhunderts.
Was könnte die Idee eines ästhetischen Widerstands im Herbst 2026 bedeuten?
Nun geschieht etwas Überraschendes: Plötzlich wird Peter Weiss neu entdeckt – in Stockholm, durch eine wunderbar kuratierte Ausstellung, zu sehen in der Bonniers Konsthall unweit des Hauptbahnhofs. Bonnier ist ein Verlagshaus, in dem Weiss zeitweise selbst publiziert hatte und das sich den Luxus einer Ausstellungshalle leistet. Ein europäisches Schwergewicht: Bonnier umfasst rund 200 Medienmarken und besitzt auch deutsche Verlage wie Ullstein, Carlsen und Piper.
Die Ausstellung kann man nur als sensationell bezeichnen. Sie trägt den Titel: „Die Besiegten: Die Ästhetik des Widerstands 2026“ und skizziert damit ihr Programm. Erstmals wird hier überzeugend das Leben, Denken und Schaffen dieses zähen Genies auseinandergenommen, analysiert und wieder zusammengesetzt, mit allen Schritten und Volten. Von Anfang an machen die Kuratoren um den eminenten Weiss-Forscher Kim West klar, dass es weder um Historisierung noch Verklärung geht, sondern um die Aufdeckung eines superaktuellen Stoffs.
Wäre, so die These, ein Update möglich, eine „Ästhetik des Widerstands“ 2.0 für die Gegenwart, als Bollwerk gegen den aufblühenden Faschismus und die von allen Seiten anbrandenden Autoritarismen? Immer verbunden mit der Frage: Was können Kunst und Kultur dazu beitragen? Es ist die große Fragestellung, die Peter Weiss sein Leben lang verfolgt hat und der er mit unerbittlicher Akribie nachging.
1947 reist er als Reporter im Auftrag einer schwedischen Zeitung ins kriegsversehrte Berlin. Aus seinen Artikeln entsteht ein fremder, beinahe surrealistischer Text unter dem Titel „De besegrade“ („Die Besiegten“). Das Thema lässt ihn nicht mehr los. Geschichte wird hier nicht aus der Sicht der Sieger geschrieben, sondern im Hinblick auf die Verlierer, Opfer und Abgehängten des Krieges. Gleichzeitig versucht sich der Autor dem Erlebten zu entziehen, sein Stil ist distanziert, avantgardistisch, experimentell: Weiss will diesen Stoff nicht persönlich an sich herankommen lassen, er zieht sich unter der Wucht des Erlebten ins Schreiben zurück.
Der erste von drei Räumen in der Ausstellung spiegelt diese Phase in einem dunklen, beinahe höhlenartigen Verlies. Hier finden sich Weiss-typische Bilder der Apokalypse: Schnipsel aus einem Avantgarde-Film, Beispiele seiner Collage-Technik, ein dystopisches Gemälde von Brueghel, das Weiss aus dem Besitz seiner Familie gerettet hat. Und über allem der berühmte Fotoausschnitt aus dem Berliner Pergamon-Altar, mit den zertrampelten Akteuren des Krieges.
Im zweiten, sehr viel größeren und lichteren Raum ändert sich die Perspektive. Der Autor tritt gleichsam ins Freie. Über Nacht hat Weiss die Notwendigkeit erkannt, als Schriftsteller, Kunsthistoriker und politischer Beobachter in die Gesellschaft einzugreifen. Aus dem abseitsstehenden Feingeist wird ein Besessener, der sich Hals über Kopf in die politische Arena stürzt.
Weiss beschäftigt sich mit Auschwitz, wird Jury-Mitglied des internationalen Russell-Tribunals in Stockholm, das den Krieg der USA in Vietnam als imperialistisches Kriegsverbrechen geißelt. Er kritisiert wortmächtig den Kolonialismus, begleitet voller Sympathie und Kampfesgeist die entstehenden jungen Staaten in Südamerika, Asien, Afrika auf ihrem Weg in die Unabhängigkeit.
In der Ausstellung wird dies durch eine Fülle von Zeitungsartikeln, Pamphleten und literarischen Exzerpten dokumentiert, aber auch durch Kunstwerke der Gegenwart. Diese illustrieren mal mehr, mal weniger überzeugend das Weiss’sche Universum. Etwa ein Gemälde der ukrainischen Künstlerin Kateryna Lysovenko „To be in Vienna, seeing People from other Wars“. Oder Arbeiten der in Stockholm lebenden Chiara Bugatti, die mit ihrem jüdischen Großvater, der nicht mehr sprechen konnte, mit dem sie aber über gemeinsames Zeichnen kommunizierte.
Es gibt mehrere überaus kritische Werke über die Waffenindustrie, gerade die deutsche, die Rolle von Krupp bei der Aufrüstung der Wehrmacht und der fortgesetzten Aufrüstung heute; den militärisch-industriellen Komplex in seiner deutschen Heimat hat Weiss mit aller Tiefenschärfe verfolgt. Und es gibt Arbeiten seiner Ehefrau Gunilla Palmstierna-Weiss, einer bekannten Bildhauerin, die 2022 starb und vier Jahrzehnte den Nachlass und das künstlerische Erbe ihres Mannes verwaltete.
Zur Vernissage in Bonniers Konsthall ist auch die gemeinsame Tochter, Nadja Weiss, gekommen, eine renommierte Regisseurin. Würde sie gern einmal ein Stück ihres Vaters in Deutschland inszenieren? „Nur allzu gern“, sagt sie. Wie denn überhaupt diese Ausstellung keinesfalls auf Stockholm begrenzt sein sollte, sondern unbedingt nach Berlin gehört. „Es gibt zarte Kontakte“, verrät Kurator Kim West. Ein vielversprechendes Projekt, das auch in Zeiten knapper Kassen unbedingt realisiert werden sollte.
Ein idealer Ausstellungsort wäre natürlich Schloss Liebenberg. Dort käme alles zusammen: ein großes Stück deutscher Geschichte, denn Kaiser Wilhelm der Zweite war oft hier, die Nazi-Epoche (Hermann Göring hatte sein Jagdhaus nebenan) und die Geschichte von Libertas Schulze-Boysen, die auf Liebenberg aufwuchs und in der Schlosskapelle heiratete, wo nun in Tafeln und Fotos an ihr Märtyrerschicksal erinnert wird.
Peter Weiss ist der Autor der Stunde
Libertas ist bei allem Enthusiasmus keine einfache, eindeutige Figur – wie denn auch Peter Weiss nie ein einfacher Autor war. Es kam zu Zerwürfnissen. Anfangs für seine Kapitalismus- und Imperialismuskritik gefeiert, erhielt er Einreiseverbot in die DDR, weil er das Diktum Rosa Luxemburgs verteidigt hatte: „Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden.“ Das war zu viel für die strammen Dogmatiker in Ost-Berlin.
Und Libertas? Sie wurde von den Nazis mit einer Zellengenossin zusammengelegt, die sie ausspionierte. Libertas nannte ihr die Namen der Mitverschwörer, die alle gefasst und hingerichtet wurden. Ein kapitaler Fehler, den man einer Revolutionärin und Widerständlerin unmöglich verzeihen kann?
Peter Weiss sah das anders. Er habe Verständnis, sagte er, der dieser Figur im Dritten Teil der „Ästhetik des Widerstands“ auf geradezu poetische Weise nachgeht. Ein Widerstandskämpfer könne nicht immer perfekt sein. Wäre er in Libertas’ Position gewesen, er hätte möglicherweise genauso gehandelt. Das mag heute selbstverständlich klingen; in den ideologiegetränkten und aufgeheizten 1960er- und 1970er-Jahren zog ein solches Statement Kritik und Empörung nach sich. Peter Weiss war nie Everybody’s Darling.
Auch wegen dieser Ambivalenz ist der präzise Beobachter, dessen Sätze wie Wellen anrollen, denen man sich kaum entziehen kann, der Autor der Stunde. Vielleicht sogar unserer Epoche. Schön, dass dieser ungewöhnliche, brillante und bis in die Fingerspitzen akribische Autor in Stockholm vom Sockel geholt und in die Gegenwart befördert wurde. Die Fortsetzung sollte unbedingt in Deutschland zu sehen sein.
„The Defeated: The Aesthetics of Resistance 2026“, bis 8. November 2026, Bonniers Konsthall, Stockholm