Deutsche Gespenster im Baskenland
In San Sebastián kann man Gespenstern begegnen. Noch Mitte der Nullerjahre standen sie zu fünft auf dem Dach des „Kursaal“ – so der deutsche Name des modernen Kulturzentrums mitten in der Stadt am Ufer der Biskaya. Ganz in Schwarz gekleidet, mit Gesichtsmaske, die nur die Augen freiließ, wirkten sie wie Wiedergänger von Fantomas und Musidora, den mythischen Nachtgestalten, die einst im französischen Stummfilm über den Dächern von Paris ihr Unwesen trieben.
Tatsächlich waren es Beamte einer spanischen Elitetruppe, die das Filmfestival von San Sebastián vor Anschlägen der baskischen Terrorgruppe ETA schützten. Unten, direkt neben dem roten Teppich mit seinem Starparcours, gab es dann alle zwei Tage eine Demonstration: mal von ETA-Anhängern, mal von ETA-Opfern, dann wieder vom politischen Arm der längst nicht mehr linken Terrorgang.
Die Zahl der Demonstrationen hat inzwischen deutlich abgenommen, aber das Filmfestival von San Sebastian, eines der großen Filmfestivals der Welt, das alljährlich Mitte September die baskische Hauptstadt für zehn Tage zum Zentrum der internationalen Filmszene macht, ist bis heute die ideale Bühne für alle Facetten des baskischen Blut- und Bodennationalismus.
Sehr unterschiedliche Arten von Gespenstern traf man auch in den Filmen der diesjährigen, der 74. Ausgabe. Etwa in dem natürlichen Schwerpunkt des Festivals, den Filmen aus Lateinamerika. Der Chilene Pablo Larraín hat in Argentinien gedreht: „Mis muertos tristes“ spielt in einer öden Trabantenstadt von Buenos Aires. Hauptfigur Ema, eine Ärztin im Ruhestand, kann Tote hören und sehen, und kommuniziert mit ihnen – all das vor dem Hintergrund einer auseinanderfallenden Gesellschaft. Dieser Plot ist sehr passend für einen Regisseur, der seit „Post Mortem“ immer von Toten erzählt hat und sich von morbiden Themen faszinieren ließ. Sein überzeugendes Werk mischt sozialen Realismus mit den makabren, undurchsichtigen Seiten der Wirklichkeit.
Fatih Akins „Geister“
Mit der Grauzone zwischen Leben und Tod flirteten auch die beiden deutschen Filme im Wettbewerb: „Geister“, der neue Film von Fatih Akin, der das Festival eröffnete, ist eine romantische, streckenweise heitere Geschichte über Verlust und Schuld: Der 18-jährige Faris muss den Unfalltod seiner Freundin verkraften. Doch sie lebt weiter – als liebevoller Geist erscheint sie nachts in seinen Träumen. Ähnlich wie Wim Wenders einst im „Himmel über Berlin“ öffnet Akin in eleganten Schwarzweiß-Bildern ein Terrain, in dem das Reale und das Übernatürliche einander durchdringen. Im Gegensatz zu Wenders’ Poesie des Raunens setzt Akin aber auf die Unmittelbarkeit des Gefühls.
Vertrauter ist das Zwischenreich, in das sich Tony Vahl in ihrem beeindruckenden, von exzellenten Bildern getragenen Debüt „Krux“ begibt. Es sind die morbiden letzten Wochen des Dritten Reichs, als es in ganz Deutschland zu Selbstmordwellen kam. Vahl schildert den Mikrokosmos eines Dorfs im Osten, in dem Propaganda und Fantasmagorie zu einem Massenwahn verschmelzen. Allein Jella Haases Figur und der opportunistische Bürgermeister (ausgezeichnet: Lukas Miko) bewahren sehr unterschiedliche Arten von Vernunft.
Die spannendste Entdeckung und Gespenstergeschichten ganz anderer Art bot einmal mehr die historische Retrospektive, für die das Festival berühmt ist. José Giovanni (1923–2004) ist nur Kennern der französischen Filmgeschichte ein Begriff. Dabei liest sich schon seine Biografie wie ein Abenteuerroman: Der Korse gehörte bereits als Jugendlicher zu jenem Milieu, in dem in der Zeit der deutschen Besatzung jugendliches Gangstertum und Kollaboration Hand in Hand gingen. Mit 20 schloss er sich der Vichy-„Milice“ und Jacques Doriots PPF (Parti Populaire Français) an, war also weit mehr als ein bloßer Mitläufer; und zugleich entwickelte er sich zu einem harten Kriminellen: 1946 wurde er wegen Beteiligung an mehreren Morden zum Tod verurteilt, begnadigt und kam 1956 frei.
Seitdem schrieb er Romane und Drehbücher, die immer von früheren Erfahrungen geprägt waren. Vor allem seine Drehbücher für Claude Sautet, Henri Verneuil und Jean-Pierre Melville schufen Klassiker und machten Giovanni berühmt. Melville allerdings nannte ihn einen „Feind“. Denn obwohl Giovanni über seine Vichy-Vergangenheit zeitlebens log, spürte der Regisseur, der tatsächlich in der Resistance gekämpft hatte, offenbar, dass der Korse innerlich auf der anderen Seite stand. Als Giovanni seit Ende der 60er die Möglichkeit zu eigenen Regiearbeiten hatte, begann er mit plumpen Macho-Stoffen. Doch der Mann, der zeitlebens ein rechtskonservativer Anarchist blieb, war auch ein engagierter Gegner der Todesstrafe – er wusste, wovon er sprach. Autobiografisch gefärbte Filme wie „Mein Freund der Verräter“ (1988) warfen politisch unangenehme Fragen zur Kollaboration und zum Umgang mit Überläufern nach der Befreiung auf.
Doch für die Filmgeschichte am wichtigsten bleiben Giovannis Gangstergeschichten. Typisch französisch zeigen sie, wie groß in der Gesellschaft die Solidarität proletarischer und kleinbürgerlicher Figuren mit Kriminellen war. Der Feind, das sind hier nie die Gangster, sondern es ist die Polizei als Repräsentant der Ausbeuter in Staat und Kapital. Hier macht die Retrospektive die riesige Kluft deutlich, die uns Heutige von einer Welt trennt, die noch bis in die 80er-Jahre, vielleicht sogar die 90er hinein in Filmen aus Frankreich, Italien, und Hollywood präsent war. Eine Welt, in der Ehre, Freundschaft und Loyalität wichtiger sind, als Gesetze, und Männer noch so aussehen wie Lino Ventura, Jean Gabin, Jean Paul Belmondo und Alain Delon.