Der „Tod des Robin Hood“ ist ein dreckiges Meisterwerk
Der Wind peitscht übers Land. Eine junge Frau kämpft sich voran. Halb erfroren erblickt sie in der Ferne, auf halber Höhe zu einem eisigen Gipfel, einen Feuerschein. Ein Mann mit verwittertem Bart, in Felle gehüllt, kaut auf einem Kaninchen herum – vielleicht ist es auch ein großes Eichhörnchen. Er gibt ihr zu essen. Man könnte ihn für einen Eremiten halten, dem die Welt abhandengekommen ist, oder für das Ungeheuer, auf das die Dörfler unten im Tal bereits die Mistgabeln richten.
Regisseur Michael Sarnoski lässt in „The Death of Robin Hood“ beides gelten. Hugh Jackman spielt den Titelhelden entrückt und beinahe stumm, aber voll potenzieller Energie. Jede Regung des alten, sehnigen Körpers sagt: In diesem Greis lauert eine Bestie. Das Schicksal der Welt juckt ihn nicht mehr, ebenso wenig wie das eigene. Wer zu seiner Höhle hochkraxelt, hat alle Hoffnung fahren lassen.
Als die verirrte Wanderin vor ihm steht, behauptet sie, was man eben so behauptet, wenn man den Atem der Bestie bereits spürt: Robin Hood sei im Grunde ein guter Mann. Er, an dessen Identität wir kaum noch zweifeln, widerspricht: Die Geschichten über den edlen Dieb vom Sherwood Forest seien PR-Märchen. Robin sei ein finsterer Killer, der so viele wegen nichts und wieder nichts umgebracht hat, im Zweifel schlicht aus Vergnügen. Dieser Film ist angetreten, den Lack des Mythos erbarmungslos abzukratzen, bis nur noch Dreck und Knochen übrig sind.
Ein 30-Tage-Dreh in Irlands Wäldern
Das Kino der letzten zwanzig Jahre hat seine Ikonen mit Begeisterung demontiert – etwa James Bond oder Logan, den Wolverine. Robin Hood als blutrünstiger Schlächter, sein Ruhm ein billiger Taschenspielertrick? Man kennt es, das zynische Achselzucken der Postmoderne. Doch Sarnoski, der auch schon Nicolas Cage in „Pig“ als melancholischen Trüffeljäger grandios verwahrlosen ließ, hat etwas anderes im Sinn: Er nimmt den ewigen, stumpfsinnigen Kreislauf der Rache auseinander. Auf eigenes Risiko geschrieben und in dreißig Tagen auf 35-Millimeter-Film in die nordirischen Wälder gestemmt, entfaltet dieser nominell kleine, in Wahrheit riesengroße Film eine enorme Wucht. Ja, über ihm mag – allein wegen der Personalunion des Hauptdarstellers – der Schatten von James Mangolds „Logan“ schweben, doch dieser Robin Hood ringt mit ganz eigenen Dämonen.
Der erste Akt ist buchstäblich eine Schlammschlacht. Von wegen glänzende Ritterrüstungen, von wegen elegant gekreuzte Klingen. Hier dreschen Berserker am Ende ihrer Kräfte dumpf und verzweifelt aufeinander ein. Das Gemetzel in Matsch, Nebel und einem endlosen Regen beschwört die rauchverhangenen Vulkanlandschaften aus Nicolas Winding Refns „Valhalla Rising“ herauf, durch die Mads Mikkelsen als wortkarger Krieger stapfte, oder den Stroboskop-Qualm aus Justin Kurzels „Macbeth“.
Nach einer fast tödlichen Begegnung mit einem Schatten aus seiner Vergangenheit – Bill Skarsgård gibt den alten Gefährten Little John mit tumber Skrupellosigkeit – landet der zerschundene Robin auf einer Insel. Der Film holt Atem. Der Raum verengt sich, das trostlose Graubraun weicht einem klaren Blau. In einem kleinen Kloster, entgegen der Legenden auf einer Insel gelegen, nimmt sich Schwester Brigid seiner an, gespielt von einer fantastischen Jodie Comer mit einer Mischung aus Pragmatismus und Wärme, die sie weiser erscheinen lässt, als ihr Alter nahelegt.
Und hatte es nicht vorhin geheißen, auf jener Insel wirke eine uralte Heilerin? Jener Ort gleicht weniger einem Hospiz als einer Wartehalle zwischen den Welten – ein Limbo, in dem sich unsichtbare Mächte die Entscheidung vorbehalten, ob es in den Himmel oder die Hölle geht. Robin pfeift sowieso auf Heilung. Einzig seine nie versiegende Neugier, hier nun die Neugier auf eine unverhoffte Wende des Schicksals, hält den Lebensmüden vorläufig bei der Stange.
Im Prinzip steht das alles schon in den mittelalterlichen Balladen, die uns den Mythos tradiert haben. Dort wandert Robin freiwillig ins Kloster Kirklees und blutet durch den Verrat einer Priorin langsam aus. Die uralten Verse protokollieren sein Sterben. Sarnoski liefert jetzt sozusagen das psychologische Gutachten dazu. Sein Protagonist, der rastlos durch die Wälder streift, teilt sich das Eiland mit einem leprösen Gärtner, der sein Gesicht mit Leintüchern umwickelt hat.
Ein Titel aus der Schublade
Wer das Personal der Hood-Legenden kennt, ahnt bald, wer hier bescheiden Äpfel pflückt. Die Bestialität des einstigen Kopfgeldjägers, der seine Gegner mit Vorliebe enthauptete und häutete, schrumpft im Film zu einer Narbe, die zwei Männer stillschweigend verbindet. Unter der pastoralen Idylle liegt ein Abgrund aus Schuld. Man könnte alte Rechnungen begleichen, doch lieber pflanzt man Bäume.
Der Gärtner ist lange schon aus dem ewigen Spiel der Vergeltung ausgetreten. Ohne ein Wort zu verlieren, impft er diese Einsicht auch seinem unerwartet späten Weggefährten ein. Dass dieser Sinneswandel nicht gratis zu haben ist, beweist ein ungebetener Gast, der die mörderische Logik des Festlandes abermals auf die Insel trägt. Blut fordert Blut.
Das Finale unterläuft klug die Erwartungen. Die Legende besagt, Robin habe im Sterben einen letzten Pfeil geschossen, um sein Grab zu markieren. Sarnoski nimmt das Bild und versenkt es achtlos im Meer – bloß keine Reliquie oder Inschrift, an der neue Fanatiker andocken könnten. Der Pfeil fliegt, aber er fixiert keinen Heldenkult mehr. Von der Legende bleibt lediglich die unschuldige Geste eines Kindes, das gelernt hat, den Bogen zu spannen, ohne auf Menschen zu zielen.
Zum Schluss ein Detail aus der Filmgeschichte: Vor fünfzig Jahren schrieb James Goldman ein Drehbuch über einen erschöpften, altersmüden Bogenschützen. Der Titel: „The Death of Robin Hood“. Dem Studio war das zu deprimierend. Es besetzte die Rollen mit Sean Connery und Audrey Hepburn, gab der Tragödie Zucker und nannte das Ganze „Robin and Marian“. Nun hat Sarnoski den alten Titel aus der Schublade geholt, der hält, was er verspricht.
„The Death of Robin Hood“ läuft ab dem 18. Juni 2026 im Kino.