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Der Mythos vom benachteiligten Ost-Rentner

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Ministerpräsidenten aus den ostdeutschen Bundesländern verweisen in der Debatte über die geplante Rentenreform immer wieder auf eine besondere Lebensrealität im Osten: Die Menschen dort seien stärker auf die gesetzliche Rente angewiesen, weil sie seltener über andere Formen der Altersvorsorge verfügten. Kurz vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt und mitten im Streit über die geplante Abschaffung der abschlagsfreien Rente nach 45 Beitragsjahren, die sogenannte Rente mit 63, ist das ein politisch gewichtiges Argument.

Aktuelle Zahlen des Statistischen Bundesamtes lassen Zweifel an dieser Darstellung aufkommen. Zwar stimmt es, dass ostdeutsche Ruheständler etwas stärker von der gesetzlichen Rente abhängig sind als ihre Altersgenossen im Westen. Ihre Lebensrealität ist aber dennoch komplizierter. Ruheständlerhaushalte in den ostdeutschen Ländern inklusive Berlin beziehen im Durchschnitt 96 Prozent ihres Einkommens aus Renten und Pensionen. Im Westen sind es 92 Prozent. Weitere Einkommensquellen spielen im Osten also eine geringere Rolle als im Westen. Lediglich ein Prozent der Einkommen der Ruheständler in den Ostländern stammt im Schnitt aus Vermögen, im Westen sind es gut vier Prozent.

Die Rente ist im Osten wichtiger

Damit ist die gesetzliche Alterssicherung für ostdeutsche Rentnerhaushalte tatsächlich wichtiger als für ihre Pendants in Westdeutschland. Ein langsameres Wachstum der gesetzlichen Rente dürfte Rentner dort stärker treffen als vergleichbare Haushalte im Westen. Der Unterschied ist allerdings weitaus geringer, als es die Rhetorik vermuten lässt.

Vor allem aber: Von einer schlechteren wirtschaftlichen Lage kann keine Rede sein. Laut den Daten des Statistischen Bundesamtes liegt das mittlere verfügbare Haushaltseinkommen von Ruheständlern ab 65 Jahren im Osten bei 2270 Euro im Monat. Im Westen sind es 2350 Euro. Der Abstand beträgt also gerade einmal 80 Euro. Es handelt sich dabei um Medianwerte – die Hälfte der Renten liegt über diesem Wert, die andere Hälfte darunter.

Auch bei der Altersarmut ergibt sich ein anderes Bild, als es die stärkere Abhängigkeit von der Rente vermuten lassen könnte. 18,5 Prozent der Ruheständler im Osten gelten als armutsgefährdet, im Westen sind es 19,0 Prozent. Ostdeutsche Rentner sind damit trotz ihrer größeren Abhängigkeit von Renten und Pensionen nicht häufiger von relativer Einkommensarmut betroffen.

Auch bei den staatlichen Transferzahlungen zeigt sich kaum ein Ost-West-Unterschied. Im Schnitt stammen in beiden Regionen rund zwei Prozent des Einkommens von Ruheständlerhaushalten aus Leistungen wie der Grundsicherung im Alter. Auch darin zeigt sich: Die stärkere Abhängigkeit von Renten und Pensionen geht nicht mit einer deutlich höheren Bedürftigkeit einher.

Eine mögliche Erklärung liegt in der anderen Vermögensstruktur. Im Westen leben 61 Prozent der Ruheständler im eigenen Haus oder in der eigenen Wohnung, im Osten lediglich 44 Prozent. Selbst genutztes Wohneigentum wird bei der Messung zwar nicht als Einkommen berücksichtigt. Aber wer in der eigenen Immobilie wohnt, hat vermutlich geringere Ausgaben, weil Mietzahlungen wegfallen.

Ost-Rentner haben also weniger finanzielle Puffer neben der gesetzlichen Rente. Das bedeutet nicht automatisch, dass die Rentner heute ärmer sind. Die Zahlen deuten vielmehr darauf hin, dass die finanzielle Ausstattung in Ost und West ähnlich ist. Die Rente im Osten macht aber einen größeren Teil des Einkommens aus.

Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcenter von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.

Tobias Kaiser verfolgt als Senior Editor Arbeit & Soziales die großen Verschiebungen in Arbeitswelt und Gesellschaft und die Reaktionen der Politik.

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