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Der Mann, der aus Frankreichs seltsamer Niederlage die tödliche Konsequenz zog

· Culture

Seit seinem Amtsantritt 2017 ist Frankreichs Präsident Emmanuel Macron von einer seltsamen Krankheit befallen. „Akute Panthéonitis“, konstatieren die Beobachter. Gemeint ist Macrons Vorliebe, das Pariser Panthéon zu füllen, die „großen Männer der Nation“ – und inzwischen auch ihre Frauen – mit einem Platz an der Sonne der Ewigkeit zu ehren und sich damit vielleicht nicht unbedingt selbst ein Denkmal zu setzen, aber zumindest an der eigenen Aura zu arbeiten. An einem symbolischen Erbe nach zehn Jahren Macronismus, dessen politische Bilanz je nach Urteil mau bis katastrophal ausfällt.

Am Dienstagabend des 23. Juni 2026 wird der Historiker und Widerstandskämpfer Marc Bloch ins Panthéon einziehen, zusammen mit seiner Frau Simonne. Es ist die sechste Zeremonie nach der für die feministische Politikerin und Holocaust-Überlebende Simone Veil und ihren Ehemann Antoine, für die franko-amerikanische Sängerin Josephine Baker, den Juristen und Politiker Robert Badinter, den Schriftsteller Maurice Genevoix und den kommunistischen Résistance-Kämpfer Missak Manouchian.

„In neun Jahren hat Emmanuel Macron zweimal mehr große Persönlichkeiten ins Panthéon überführt als sein Vorgänger François Hollande, viermal mehr als Jacques Chirac, achtmal mehr als Charles de Gaulle und sogar mehr als François Mitterrand in zwei Amtszeiten“, rechnet das Magazin „Marianne“ vor und interpretiert das so: Vor seinem Ausscheiden sei der Präsident versucht, eine letzte Botschaft zu vermitteln, indem er Persönlichkeiten ehrt, die „in irgendeiner Weise mit der Résistance und dem Kampf gegen Fremdenfeindlichkeit in Verbindung stehen“.

Ein Signal also an die Wähler des Rassemblement National (RN), der zurzeit die Umfragen für die Präsidentschaftswahlen 2027 anführt? Am Anfang seiner zweiten Amtszeit gab Macron die Devise aus: „Wenn wir versagen, dann wird es 2027 Marine Le Pen werden.“ Mit Fragen des Versagens kannte sich Marc Bloch, Autor der „Seltsamen Niederlage“, aus.

Bloch, Mediävist und Mitbegründer der Mentalitätsgeschichte, der École des Annales, ist der erste Historiker, dem die höchste Ehre der Französischen Republik zuteilwird. Aber er wird nicht nur als Intellektueller geehrt, sondern vor allem als „antinationalistischer Patriot“, wie es seine Enkeltochter Suzette Bloch formuliert. Als unermüdlicher Verteidiger der Republik und stolzer Franzose, als Kämpfer der Résistance und als atheistischer Jude, der sich nur dann jüdisch fühlte, wenn er mit Antisemitismus konfrontiert wurde.

Während des Vichy-Regimes verlor er seinen Beamtenstatus, wurde versetzt, und später von der Gestapo in Lyon verhaftet. Monatelang wurde er im Gefängnis von Monluc verhört und gefoltert, bis er am Abend des 16. Juni 1944 mit 29 anderen Mitinsassen abgeholt, in einen Laster gepfercht, aus der Stadt herausgebracht und auf einem Feld in der Nähe von Saint-Didier-de-Formans von einem Erschießungskommando ermordet wurde.

Vermutlich ist es das, was seinen Ruhm heute ausmacht und Macron fasziniert: Während viele französische Intellektuelle sich unter Philippe Pétain mit dem Regime arrangierten, bewies Bloch als einer der wenigen Akademiker nicht nur intellektuellen, sondern auch physischen Mut. Nachdem er mit 28 Jahren als Soldat im Ersten Weltkrieg gedient hatte, brach er 1939 eine Vortragsreihe in Cambridge ab, um im Alter von 53 Jahren, Vater von sechs Kindern und an Polyarthritis erkrankt, zum zweiten Mal in den Krieg zu ziehen und als ältester Hauptmann im Einsatz in die Annalen der französischen Armee einzugehen.

Er engagierte sich „aus heute unmodern wirkendem Pflichtgefühl“, wie es der Mediävist Florian Matzel formuliert. Kaum war der Friedensvertrag unterschrieben, verkleidete er sich als Zivilist und gelangte in die freie Zone, wo er Kontakt mit einer Widerstandsgruppe aufnahm. 1943 ging er in Lyon in den Untergrund.

Vom französischen Debakel des Zweiten Weltkriegs legt er in seinem Buch „Die seltsame Niederlage“ Zeugnis ab, das 1946 posthum bei Gallimard erschien und bis heute immer wieder neu aufgelegt wird. Es ist das Zeugnis eines Soldaten und zugleich die Analyse eines Historikers. Bloch erklärt darin das Versagen der französischen Armee nicht, wie damals verbreitet, mit militärischer Unterlegenheit, sondern mit dem Scheitern der Eliten. Das militärische Oberkommando sei in altem Denken erstarrt gewesen und habe in Kategorien des Ersten Weltkriegs gedacht. Die militärische Niederlage, so argumentiert er, sei Ausdruck einer politischen und gesellschaftlichen Krise gewesen und sei dem Versagen der französischen Führungsschicht geschuldet gewesen.

Während der Corona-Pandemie, die Frankreich wie Deutschland unvorbereitet traf, zog der Politologe Jérôme Fourquet den Vergleich mit Blochs Analyse. Masken mussten aus China eingeflogen werden, und Frankreich habe sich wie ein Entwicklungsland fühlen müssen, so Fourquet.

Seither wiederholt sich das Szenario: Unvorbereitet auf die Pandemie, unvorbereitet auf den Kriegsfall, auf den Angriffskrieg in der Ukraine und in einer politischen Sackgasse feststeckend, liegt die Parallele von Blochs Analyse mit der aktuellen Lage Frankreichs auf der Hand. Mit dem Unterschied, dass die Eliten heute zur Rechenschaft gezogen werden und der Hass auf sie nur links- wie rechtspopulistische Kräfte stärkt.

Die Ehrung Blochs durch Macron und seine Faszination für den Historiker werfen deshalb auch ein grelles Licht auf seine bald zehnjährige Präsidentschaft. „Macron hat die Probleme erkannt, aber er trat sein Amt zu einem Zeitpunkt an, an dem das System zusammenbrach. Er sah die Mängel, hatte aber nicht die Mittel, sie zu bekämpfen“, analysiert Politikwissenschaftler Luc Rouban, Forschungsdirektor am Institut Cevipof an der Hochschule Sciences Po Paris, und ergänzt: „Der Macronismus wird zum Indikator für politische Ohnmacht, obwohl die französische Exekutive die stärkste aller westlichen Länder ist.“

„Marc Bloch gibt uns die Möglichkeit, die Gegenwart zu begreifen“, ließ sich der für Erinnerung zuständige Berater Macrons im Vorfeld zitieren. Doch ausgerechnet den Theoretiker des Versagens zu ehren, wirkt wie eine Freud’sche Fehlleistung. „Was wird den Franzosen (von Macron) in Erinnerung bleiben?“, fragt die Journalistin Corinne Lhaïk: „Ein Präsident, welcher der Geschichte ins Auge sieht? Oder ein Präsident, der ihren Lauf nicht zu beeinflussen wusste oder konnte?“

Der deutsche Historiker Peter Schöttler, vielleicht der größte Bloch-Experte und Autor einer gerade auf Französisch erschienenen Biografie, gibt zu bedenken, dass „die Aufnahme ins Panthéon die nationalistische oder souveränistische Interpretation von Marc Bloch verstärken könnte, obwohl er in seinem Umfeld und zu seiner Zeit ein Europäer war“. Schöttler ist kein Freund von Heiligsprechungen, sagt er. Doch Blochs Einzug in das Panthéon sei mehr als gerecht.

Die zahlreichen Nachfahren Blochs müssen sich seit Jahren vor einer Vereinnahmung ihres Vorfahren durch konservative, nationalistische und rechtsextreme Politiker wehren. „Diese Panthéonisierung durch ein Regime, das am Ende ist, kommt zum falschen Zeitpunkt“, sagt Matis Bloch, einer der 26 Urenkel des Historikers. Die Familie hat deshalb darum gebeten, dass keine Vertreter des RN bei der Zeremonie erscheinen. Enkeltochter Suzette Bloch begründete diesen Wunsch damit, dass die Partei direkte Erbin der Waffen-SS sei, „die meinen Vater ermordet hat“. Parteichef Jordan Bardella ließ wissen, dass er den Wunsch der Familie respektiere. Die rechtsextreme Europaabgeordnete Sarah Knafo (Reconquête) will trotzdem kommen.