Der Lebensfluss als Kunstgenuss
Martha Argerich sitzt am Flügel auf der Bühne der Laeiszhalle und scheint den Lebensfluss selbst angezapft zu haben, wenn sie das Klavierkonzert Nr. 1 in C-Dur von Ludwig van Beethoven spielt. Da quellen und perlen die Läufe mit der Brillanz von im Sonnenschein glitzernden Wassertropfen, fließen auch mal etwas langsamer, etwas melancholischer, wo das Flussbett sich weitet, dann sprudeln sie wieder aufgeregt an Hindernissen vorbei und ergießen sich ein ums andere Mal in kleinen Wasserfällen in den nächsten Abschnitt des alles mit sich reißenden Stromes. Dessen Ufer aber bestehen aus nicht weniger als einem ganzen Orchester, das der glänzenden Interpretation der weltberühmten Virtuosin einen Rahmen bietet.
Sylvain Cambreling leitet den Abend mit starker Hand
Begleitet wird die argentinisch-schweizerische Pianistin von den Symphonikern Hamburg unter Leitung des französischen Dirigenten Sylvain Cambreling, der das letzte Philharmonische Konzert der Saison just am zweiten Abend des Martha Argerich Festivals leitet. Cambreling hat dem Orchester aus Anlass beider Events ein wundervolles Programm auf den Klangkörper geschrieben – und hält den Abend mit starker Hand und klaren Akzenten zusammen.
Vor dem Beethoven mit der mittlerweile 85-jährigen Pianistin, die auf der Höhe ihres Schaffens alles aus diesem Werk herausholt und noch einiges von ihrem Charisma hinzufügt, erklingt an diesem Abend das Doppelkonzert a-Moll von Johannes Brahms mit zwei glänzenden Solisten. Der in New York lebende Stargeiger Gil Shaham zankte und harmonierte musikalisch auf seiner Stradivari „Gräfin Polignac“ – wie im glänzend vorgetragenen „Versöhnungswerk“ vorgesehen – hervorragend mit dem führenden japanischen Cellisten Dai Miyata, was beiden sichtlich Vergnügen bereitete.
Geglückter, bedrückender Bartók zum Schluss
Zum Abschluss des dreiteiligen Programms holten Cambreling und die Symphoniker das entrückte Publikum dann zurück in die Gegenwart. Mit Béla Bartóks Konzert für Orchester aus dem Jahr 1943, seinem dunkel dräuenden, letzten Werk, dem der Zweite Weltkrieg ebenso eingeschrieben ist wie das Wissen um den eigenen, sich mit schwerer Krankheit ankündigenden Tod. Da gibt es einige gefühlte Parallelen zum russischen Krieg gegen die Ukraine, zu den Raketen im Nahen Osten, die einschlagen und töten. Den Symphonikern gelang hier mit einer geschlossenen Orchesterleistung ein runder Abschluss von bedrückender Aktualität. Cambreling meisterte den Abend hochkonzentriert, bewältigte die Fülle und die Kontraste ausgesprochen souverän.
Die Zugaben verliehen dem Ereignis zusätzliche Farben. Gil Shahm und Dai Miyata vertieften ihre gemeinsame Unterhaltung mit der Passacaglia in g-Moll von Johan Halvorsen. Der norwegische Geiger und Komponist baute anspruchsvolle Doppelgriffe in seine virtuose, freie Bearbeitung eines Themas von Händel ein, die das Werk zu einem beliebten und technisch schwierigen Duett macht. Martha Argerich erfreute mit der Zugabe „Von fremden Ländern und Menschen“ aus den „Kinderszenen“ von Robert Schumann.
Das Konzert im TV und das weitere Argerich-Festival
Die lebende Legende setzt ihr Festival mit vielen Künstlerfreunden in mehr als einem Dutzend Konzerten noch bis zum 30. Juni fort. Ein besonderes Highlight ist ein Beethoven-Projekt über fünf Abende, an denen der Violinist Maxim Vengerov gemeinsam mit Argerich alle Violinsonaten spielt. Die beiden werden das Projekt 2027 gemeinsam in der New Yorker Carnegie Hall präsentieren. Des Weiteren hat Argerich unter anderem die Künstler Mischa Maisky, Mikhail Pletnev, Magdalena Kožená,Edgar Moreau, Haggai Cohen-Milo und Zhang Jun eingeladen, mit ihr zu musizieren.
Das Klavierkonzert von Martha Argerich in der Arte-Mediathek:
arte.tv/de/videos/131510-001-A/martha-argerich-spielt-beethovens-klavierkonzert-nr-1/
Das weitere Festivalprogramm:
symphonikerhamburg.de/martha-argerich-festival