Der gefährliche Hype um das „spektakulärste Unterhaltungsprodukt der Menschheitsgeschichte“
Spätestens wenn die CSU in den sozialen Netzwerken einem Trend aufspringt, ist er uncool geworden. Stimmt diese digitale Bauernformel, müsste es nun eigentlich vorbei sein mit dem Hype um das Videospiel „GTA 6“. Denn vor wenigen Tagen lud Bayern-Chef Markus Söder auf Instagram ein Bild hoch, in dessen Mitte in der Schriftart Pricedown die Worte „Hightech & Heimat Bayern“ prangten, umrahmt von Bildern im Comic-Look. Computerspielern musste das Design von Söders Post vertraut vorkommen, ist Pricedown doch landläufig auch als „GTA-Schrift“ bekannt. Der Beitrag spielt auf das lange erwartete Videospiel „GTA 6“ an, das Spieler seit dem 25. Juni offiziell vorbestellen können.
Der Hype um die bevorstehende Veröffentlichung des Spiels am 19. November (zunächst nur für die Playstation 5 und die Xbox Series) toppt alles bisher Dagewesene in der Branche. Ein vor wenigen Tagen von Entwickler Rockstar Games veröffentlichter Trailer hat mittlerweile bereits über 13 Millionen Aufrufe. Der Clip dauert lediglich 30 Sekunden und besteht aus nicht viel mehr als einem Standbild, das das Cover des Spiels enthüllt. Die beiden zuvor erschienenen Trailer auf Rockstars YouTube-Account kommen zusammen auf über 450 Millionen Aufrufe. Längst haben Fans jede Szene der Trailer ausgeleuchtet und anhand der gezeigten Landschaften und Stadtansichten mögliche Karten der Spielwelt erstellt.
Analysten befürchten zum Release des Spiels gar einen weltweiten Einbruch des Bruttosozialprodukts, weil viele Arbeitnehmer zufällig zum Release am 19. November „krank“ werden könnten. Neu wäre das Phänomen nicht: Der US-Start von „Star Wars Episode I“ im Mai 1999 kostete die amerikanische Wirtschaft wegen einer kollektiv einsetzenden „Star Wars sickness“ angeblich knapp 300 Millionen US-Dollar. Hochrechnungen gehen davon aus, dass sich am Erscheinungstag damals rund 2,2 Millionen US-Angestellte krankgemeldet haben.
Auch andere Branchen sind auf den „Hype-Train“ aufgesprungen. Websites produzieren am Fließband News-Artikel mit „GTA 6“ in der Überschrift, wohlwissend um die Klick-Reichweite. Eine norwegische Elektronikkette warb zum Valentinstag im Februar – also ziemlich genau eine Schwangerschaftsdauer vor dem Erscheinungstag – damit, dass die Eltern für ein Baby, das an diesem Tag geboren wird, eine Kopie von „GTA 6“ geschenkt bekommen. Zahlreiche Betrugswebsites ploppten in den vergangenen Wochen auf, auf denen man angeblich bei Eingabe seiner Personalien und Zahlungsdaten das Spiel vorbestellen konnte. Andere Spieleentwickler meiden indes den 19. November großflächig wie einen „Ground Zero“. Sie bringen ihre Spiele entweder geballt vorzeitig heraus oder verschieben sie nach hinten. Wo „GTA6“ einschlägt, wächst aufmerksamkeitsökonomisch schlicht kein Grashalm mehr.
Weiter angefacht wurde der Hype durch Strauss Zelnick, CEO von Publisher Take2, der im April bei einem Auftritt ankündigte, man wolle mit „GTA 6“ das „spektakulärste Unterhaltungsprodukt der Menschheitsgeschichte“ schaffen. Das teuerste ist es bereits: Seit 2014 hat die Entwicklung nach Schätzungen von Experten über eine Milliarde US-Dollar verschlungen.
Das Absurde an der Dynamik ist, dass Rockstars Taktik der künstlichen Verknappung voll aufgeht und den Hype nur weiter nährt. Abgesehen von zwei in die Jahre gekommenen Trailern, die keinerlei In-Game-Szenen zeigen, drang in den letzten Jahren nur wenig über das Spiel an die Öffentlichkeit. Selbst der kommunizierte Release-Tag „19.November 2026“ stand in den vergangenen Monaten angesichts der mehrfachen Verschiebungen zuvor unter einem Vorbehalt.
Ja, als Hauptcharaktere fungieren zwei Charaktere namens Jason und Maria, ein Bonnie-und-Clyde-haftes Duo, das wusste man. Ebenso, dass „GTA 6“ im fiktiven Bundesstaat „Leonida“ spielt, angelehnt an Florida, dessen Zentrum die Stadt „Vice City“ sein wird. Die Miami nachempfundene Stadt war bereits im 2002 erschienenen „GTA Vice City“ Schauplatz. Damals rekurrierte die Spieleserie mit seiner 80er-Jahre-Ästhetik und dem Synthie-Soundtrack auf Serien wie „Scarface“ und „Miami Vice“.
Zum Vorbesteller-Start am 25. Juni warf Rockstar der Gaming-Gemeinde dann ein paar weitere Brotkrumen hin. So wird das Spiel in der Standard-Version hierzulande 80 Euro kosten, die Premium-Version wird für 100 Euro erhältlich sein. Die beinhaltet dann eine „exklusive Auswahl an Fahrzeugen, Waffen, Kleidung und Action an jeder Ecke“, wie es auf der Rockstar-Website heißt.
Gerade der letzte Punkt sorgt seitdem für Kritik. Spieler befürchten, dass für Käufer der Standard-Edition einige Geschäfte und Orte im Spiel nicht begehbar sein werden. Im Netz ist daher von einem „Tabubruch“ die Rede, da sich für Besitzer der Premium-Edition der Mehrwert nicht allein auf dekorative Elemente beschränke, sondern das immersive Spielerlebnis selbst betreffe. Auch die Ankündigung, dass die im Geschäft erhältliche Version des Spiels lediglich einen Download-Code beinhaltet, mit dem man das Recht zur Lizenz-Nutzung erhält und gerade keinen physischen Datenträger bekommt, erbost einige Fans.
Doch mitunter ist die Kritik an Entwickler Rockstar noch grundsätzlicher und schriller. Denn durch die Bekanntheit der Serie ist das Spiel längst zum Schauplatz sehr gegenwärtiger Kulturkämpfe geworden. Ein Spielmodus, den Rockstar 2020 in „GTA5“ einbauen wollte, wurde im Zuge der Tötung von George Floyd und den Massenprotesten in den USA auf Eis gelegt. In dem Modus namens „Cops n’ Crookes“ sollten die Spieler wählen, ob sie Polizisten oder Gauner spielen wollten, und dann gegeneinander antreten. Verantwortliche von Rockstar zeigten sich besorgt, wie der neue Spielmodus angesichts der aktuellen Ereignisse interpretiert werden könnte.
Zudem steht seit Längerem der Vorwurf im Raum, Rockstar Games sei dem „Woke Virus“ verfallen. Nachdem das Studio vor einigen Jahren in Folge von schlechter Presse – die US-Nachrichtenagentur „Bloomberg“ sprach von einem „Fratboy-Image“ – einen tiefgreifenden Kulturwandel durchlief, sehen die Hardcore-Fans mittlerweile den Markenkern von „GTA“ bedroht. So seien die in den vergangenen Jahren erschienenen Erweiterungen für „GTA Online“ von „woken“ Charakteren und Dialogen geprägt. Für Aufsehen sorgte auch, als Rockstar 2022 eine harmlose transsexuelle Weltraumpuppe mit veränderbaren Geschlechtsteilen aus dem Spiel entfernte. Dabei handelte es sich lediglich um ein Gimmick am Rande, das keinerlei Relevanz für die Handlung hatte, doch offenbar wollte man bei Rockstar keinen Shitstorm riskieren. Und Ende 2024 machte eine Meldung die Runde, wonach Rockstar seinen Autoren aufgetragen habe, „weniger grob gegenüber Transgender-Personen und Minderheiten“ zu sein.
Auch wenn die Kritik an Rockstar in teils schrill kulturkämpferischen Tönen vorgetragen wird, ist sie nicht völlig von der Hand zu weisen. Fakt ist, dass Anfang 2020 mitten in der Entwicklung von „GTA 6“ mehrere Autoren, darunter auch Dan Houser, Co-Gründer und „Creative Lead“ von Rockstar, das Unternehmen verließen. Houser hatte maßgeblichen Anteil daran, dass die „GTA“-Spiele stets auch ein bissiger Kommentar auf die Gegenwart waren.
1998 gründete der Brite zusammen mit seinem Bruder Sam Houser „Rockstar Games“ und schrieb die Charaktere und Dialoge sämtlicher „GTA“-Teile sowie für weitere Rockstar-Spiele wie „Red Dead Redemption 2“ oder „Max Payne 3“. Dank Housers britischem Humor zeichnete sich die „GTA“-Reihe seit jeher durch ihre zynische und satirische Darstellung Amerikas aus. Die Spiele sind eine nihilistische Parodie, die demokratisch mit ihrem Spott umgeht. Houser machte sich darin genauso über die Tumbheit amerikanischer Waffennarren und die Rücksichtslosigkeit rechter Radiomoderatoren lustig wie über die Verlogenheit großstädtischer „Liberals“ oder holistischer New Age-Gurus.
Ob „GTA 6“ diese Tradition mit womöglich neuen, möglicherweise zu Vorsicht und Rücksichtnahme angehaltenen Autoren fortsetzen kann, wird letztlich darüber entscheiden, ob „GTA 6“ als Meilenstein in die Spielegeschichte eingehen wird. Markus Söder und Spieler weltweit werden es ab 19. November erfahren.