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Denken Sie bei diesen Kreuzen bitte nicht an den Tod

· Culture

Die Berliner Theater scheinen ihre Vorliebe für das nasse Element entdeckt zu haben. Während man vor der Berliner Volksbühne noch bis Donnerstag im absurdesten Debattenpool – genannt Volksbad – der jüngeren Theatergeschichte planschen kann, lädt das Maxim-Gorki-Theater ein, die meditative Kraft des Wassers zu entdecken. Im umgestalteten Foyer steht ein langer Tisch mit einem Wasserlauf. Wo sonst das angeregte Geschnatter von Premierengästen in der Garderobenschlange zu vernehmen war, erfüllt nun ein leises Plätschern den Raum. Es sind Vibes, die an Wellness-Oasen denken lassen, an Dinge wie Zen-Retreat, innere Reise und Heilung durch Meditation.

„Lassen Sie völlig los, schauen Sie nur der Farbe zu“, wird man von einem freundlichen Mitarbeiter eingeladen. Es ist nachmittags an einem Wochentag, nur ein paar wenige Menschen haben sich ins Gorki-Theater verirrt. Das mag an der großen und wenig einladend wirkenden Baustelle liegen, hinter der der historische Schinkel-Bau zwischen Humboldt-Universität und Berliner Dom fast verschwindet. Oder daran, dass Sprechtheater eher selten tagsüber für Kunstinstallationen geöffnet sind, statt abends Vorstellungen zu spielen. Eine Kunstausstellung im Theater? Das ist ungewöhnlich.

Die neue Intendantin Çağla Ilk stellt am Gorki, wie man es in Berlin auch nennt, einiges auf den Kopf. Vom postmigrantischen Theater, mit dem ihre Vorgängerin Shermin Langhoff das Haus berühmt machte, ist keine Rede mehr. Ilk will mehr Kunst ans Gorki bringen – und das merkt man. Statt einem großen Eröffnungswochenende mit Premieren hat Ilk den weder in Berlin noch am Theater sonderlich bekannten Konzeptkünstler Sarkis eingeladen, das Haus zu bespielen. Das Ergebnis nennt sich „Fuge“ und erstreckt sich über mehrere Räume, vom Foyer über den großen Saal bis zum Rangfoyer.

Der 1938 in Istanbul geborene und seit Jahrzehnten in Frankreich lebende Sarkis wurde zuletzt vor drei Jahren in Baden-Baden ausgestellt. Kuratorin damals: Çağla Ilk, zugleich die Ko-Direktorin der Kunsthalle Baden-Baden. Nun hat die 1976 in Istanbul geborene Ilk dem Künstler auch ein Theater als Bühne gegeben. Zu der Installation von Sarkis gehören nicht nur eine Fotogalerie mit Katastrophenbildern oder eine Lichtinstallation mit der Zahl 19380 („Die Zahl 1938, die auf Sarkis Geburtsjahr verweist, wird zu 19380 und verändert die Zeitlichkeit seines Lebens“, verrät der Informationszettel), sondern auch Bühnenbilder des 1990 gestorbenen polnischen Theateravantgardisten Tadeusz Kantor und eine riesige Skulptur auf der Drehbühne. Und ein Aquarellworkshop.

Zurück ins Foyer, das jetzt Galerie heißt, wo man der Einladung des Mitarbeiters folgt und sich an die lange Tafel stellt. Pinsel, Farbe und mit Wasser gefüllte Schalen stehen bereit. Taucht man den Pinsel ins Wasser, entstehen bunte, in sich verdrehte Schlieren. Als „Farbmeditation“ wird das Aquarellritual beworben. Loslassen. Nur den Farben zuschauen. Und sich fragen, ob das noch Kunst oder schon Beschäftigungstherapie für von Arbeitslosigkeit bedrohte Künstler ist. Das frühere Ensemble des Hauses wurde von Ilk bis auf wenige Ausnahmen nicht verlängert, auch aus dem Repertoire wurde nichts übernommen. Ein heftiger Einschnitt, der im meditativen Geplätscher fast untergeht.

An Symbolik für einen radikalen Neuanfang fehlt es im Gorki wahrlich nicht. Die steinernen Stufen auf dem Weg zum Saal liegen blank ohne Teppich da, im Saal selbst wurden die Zuschauerreihen abgebaut. Wo sonst Zuschauer saßen, stehen nun Holzkreuze auf einem Podest. Der Tod des Publikums? Solche morbiden Assoziationen seien allerdings nicht gewollt, erfährt man von einer älteren Frau, die zur hauseigenen, generationenübergreifenden Laienspielgruppe „Golden Gorkis“ gehört. Zusammen mit vielen anderen steht sie in Vier-Stunden-Schichten für die Fragen der Besucher bereit. Ein fragendes Gesicht reicht aber auch, um kurzerhand angesprochen zu werden.

Auf der Drehbühne stehend, wo sich ein Kronleuchter aus Vogelfedern über einem Schädel aus bunten Spiegelteilen herabsenkt, erfährt man, dass diese Kunst den Kosmos einfängt. Alles dreht sich. Immer weiter. Dazu ertönt ein Glockenspiel, es ist eine Komposition von John Cage. Außerdem wird einem erzählt, dass einmal in der Woche der Künstler höchstselbst anreist, um ein paar Töne auf dem Tasteninstrument am hinteren Bühnenrand zu spielen. Im Oberrang sieht man die Rekonstruktion eines Bühnenbildes, das Kantor 1944 benutzte – für eine „Odysseus“-Aufführung, die wegen der Besatzung Polens durch die Nazis nur in Privaträumen stattfinden konnte.

Es ist nicht ohne Reiz, inmitten der Kunstinstallation zu stehen und in den Bühnenturm zu blicken, wo sich die Maschinerie für den Vorstellungsbetrieb verbirgt. So viel kann man sagen: Die Ausstellungsräumlichkeiten sind hier spannender als sonst im Museum. Sie erinnern daran, dass man das Gebäude als Theater zu nutzen pflegte. Ein Blick in den Spielplan verrät, dass man sich noch einige Zeit gedulden muss, bis die große Bühne wieder bespielt wird. Erst im Dezember wird Ulrike Ottinger „Das Hörrohr“ inszenieren, davor gibt es mit „In the Corpse of the Present“ eine weitere Installation zu erleben, die sich über das Haus verteilt. Am Ende verlässt man das neue Gorki trotz aller Farbmeditation ziemlich ratlos. Oder muss man vielleicht einfach nur loslassen?

„Fuge“ ist noch bis zum 11. Oktober 2026 im Maxim-Gorki-Theater Berlin zu sehen.